Donnerstag, September 29, 2005

Der Sinn ist der Dinge Tod

„Der Tod ist nichts Schreckliches, nur die fürchterliche Vorstellung vom Tod macht ihn furchtbar“ [Epiktetos]

Der Sinn ist der Dinge Tod. Es ist kalt, keine fünf Grad, der Atem ist sichtbar. Eierschalenfarben trifft die Farbe wohl am besten, zwischen den Fingern kneifen sie, die Latexhandschuhe. Fast fünfzehn Minuten haben Sie gesucht, bis sie eine annähernd richtige Grösse gefunden haben, eben nur annähernd. Warum haben sie mich so mitleidig angesehen? ‚Der Kunde’ muss in zwei Stunden fertig sein. Der Tod hat keinen Kalender: Nicht immer ist ‚der Kunde’ mit den Dienstplänen kompatibel – da gibt es viele Geschichte zu erzählen, weiss Harry, dem das blonde Haar die Stirn verhängt. Harry ist 42 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Brandenburg, gelernter Schlosser, zuletzt acht Jahre arbeitslos und arbeitet seit neun Monaten in Hamburg in einem Krankenhaus drei Stockwerke unter der Erde bei nicht mal fünf Grad.

Tod ist billiger als Brot: Alles hat er sich selbst beigebracht, sagt er. Das Schminken, das Frisieren, das Ankleiden – alles selbst beigebracht – berichtet er stolz und bläst aus dem Mundwinkel eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Manchmal sind es zu viele ‚Kunden’ klagt Harry und dann hat die Leichenstarre schon eingesetzt und weil doch die Angehörigen nun mal die gefalteten Hände sehen wollen, bei den ‚Kunden’: Dann muss er nach Pjotr rufen. Pjotr ist eigentlich für die Reinigung zuständig in der Inneren, kommt aus Odessa, aus der Ukraine. Odessa ist bekannt für seine fröhlichen Menschen. Pjotr ist ein fröhlicher Mensch. Aber wenn die Leichenstarre eingesetzt hat, brauchen sie Pjotr, der den ‚Kunden’ zuerst die Arme, dann die Finger bricht für die gewünschte bussfertige Haltung. Die Kleidung wird hinten aufgeschnitten, die ist kein Problem, weiss Harry. Aber die Arme und Finger sind nicht bereit für die religiöse Geste, verweigern sich auf Zeit.

Der Tod ist nur ein Atemzug weniger. Wenn ein Arm gebrochen wird, ist das ein dumpfer Ton. Ich kenne das, aber der Klang ist nicht vergleichbar mit eigener Erfahrung. Ich stehe neben Pjotr, er freut sich, dass ich ihn anspreche in Russisch mit dem Sprichwort „Fürchte das Leben, nicht den Tod“. Er lacht laut und zeigt seine goldenen Kronen während er die Finger bricht – einen nach dem anderen. Eine Oktave höher klingt es als das Brechen der Arme, drei Stockwerke unter der Erde und schon werden neue ‚Kunden’ gebracht aus der Intensivstation. „Paka“ rufe ich ihm noch nach und schon ist Pjotr wieder bei seinem Putzgerät fünf Stockwerke höher.

Der Tod ist schlafen ohne zu träumen. Ich dürfte natürlich nicht hier sein, ich bin ein potentieller ‚Kunde’. Ich dürfte nicht sehen, wie sie die ‚Kunden’ waschen, frisieren und schminken und wie sie, wenn Dienstplan und Wünsche der Angehörigen nicht zusammen passen nach Pjotr rufen. Ich lebe auf der Intensivstation. Pjotr ist ein fröhlicher Mensch, aber dafür werde ich ihn nicht in Anspruch nehmen …

„Der Schlaf ist ein kurzer Tod, der Tod ein langer Schlaf“ [Platon]