Donnerstag, September 29, 2005

Der Sinn ist der Dinge Tod

„Der Tod ist nichts Schreckliches, nur die fürchterliche Vorstellung vom Tod macht ihn furchtbar“ [Epiktetos]

Der Sinn ist der Dinge Tod. Es ist kalt, keine fünf Grad, der Atem ist sichtbar. Eierschalenfarben trifft die Farbe wohl am besten, zwischen den Fingern kneifen sie, die Latexhandschuhe. Fast fünfzehn Minuten haben Sie gesucht, bis sie eine annähernd richtige Grösse gefunden haben, eben nur annähernd. Warum haben sie mich so mitleidig angesehen? ‚Der Kunde’ muss in zwei Stunden fertig sein. Der Tod hat keinen Kalender: Nicht immer ist ‚der Kunde’ mit den Dienstplänen kompatibel – da gibt es viele Geschichte zu erzählen, weiss Harry, dem das blonde Haar die Stirn verhängt. Harry ist 42 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Brandenburg, gelernter Schlosser, zuletzt acht Jahre arbeitslos und arbeitet seit neun Monaten in Hamburg in einem Krankenhaus drei Stockwerke unter der Erde bei nicht mal fünf Grad.

Tod ist billiger als Brot: Alles hat er sich selbst beigebracht, sagt er. Das Schminken, das Frisieren, das Ankleiden – alles selbst beigebracht – berichtet er stolz und bläst aus dem Mundwinkel eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Manchmal sind es zu viele ‚Kunden’ klagt Harry und dann hat die Leichenstarre schon eingesetzt und weil doch die Angehörigen nun mal die gefalteten Hände sehen wollen, bei den ‚Kunden’: Dann muss er nach Pjotr rufen. Pjotr ist eigentlich für die Reinigung zuständig in der Inneren, kommt aus Odessa, aus der Ukraine. Odessa ist bekannt für seine fröhlichen Menschen. Pjotr ist ein fröhlicher Mensch. Aber wenn die Leichenstarre eingesetzt hat, brauchen sie Pjotr, der den ‚Kunden’ zuerst die Arme, dann die Finger bricht für die gewünschte bussfertige Haltung. Die Kleidung wird hinten aufgeschnitten, die ist kein Problem, weiss Harry. Aber die Arme und Finger sind nicht bereit für die religiöse Geste, verweigern sich auf Zeit.

Der Tod ist nur ein Atemzug weniger. Wenn ein Arm gebrochen wird, ist das ein dumpfer Ton. Ich kenne das, aber der Klang ist nicht vergleichbar mit eigener Erfahrung. Ich stehe neben Pjotr, er freut sich, dass ich ihn anspreche in Russisch mit dem Sprichwort „Fürchte das Leben, nicht den Tod“. Er lacht laut und zeigt seine goldenen Kronen während er die Finger bricht – einen nach dem anderen. Eine Oktave höher klingt es als das Brechen der Arme, drei Stockwerke unter der Erde und schon werden neue ‚Kunden’ gebracht aus der Intensivstation. „Paka“ rufe ich ihm noch nach und schon ist Pjotr wieder bei seinem Putzgerät fünf Stockwerke höher.

Der Tod ist schlafen ohne zu träumen. Ich dürfte natürlich nicht hier sein, ich bin ein potentieller ‚Kunde’. Ich dürfte nicht sehen, wie sie die ‚Kunden’ waschen, frisieren und schminken und wie sie, wenn Dienstplan und Wünsche der Angehörigen nicht zusammen passen nach Pjotr rufen. Ich lebe auf der Intensivstation. Pjotr ist ein fröhlicher Mensch, aber dafür werde ich ihn nicht in Anspruch nehmen …

„Der Schlaf ist ein kurzer Tod, der Tod ein langer Schlaf“ [Platon]

Montag, September 12, 2005

Farbenlehre

„Wahl05“ in der ARD ab 21:05 Uhr: Gerd und Joschka in schwarzen Anzügen lungern Blues Brothers-mässig in den öffentlich-rechtlichen Stühlchen. Falsch sind die rote Krawatten der beiden und irgendein Intendant hat ihnen die Sonnenbrillen verboten. Böse, böse: Dem Brioni-Bundeskanzler verboten – geht doch nicht so was! Augenbrauen bei ihm heute besser gezupft als vor acht Tagen – hat er ein Peeling bekommen? Sind die Haare von Joschka gefärbt, damit er noch erfahren-greisenhafter daherkommt? Hält die Tolle von Gerd auch bei Brise 6 in Rom wenn ihm Berlusconi auf dem Rollfeld entgegenkommt und ihm das Sesselchen für die mittlere Macht im Sicherheitsrat streitig macht? Der Berlusconi kann sich freilich gleich eine ganze Handvoll Schönheitsoperationen erlauben, mitten im Regieren! Der noch immer sehr frustrierte Edi Stoiber hat so ein Anzug-blau das bei IBM 1987 gegen Ende der CeBit zwischen den Nadelstreifen durchschimmerte, ein Zeichen? Wo sind die Nadelstreifen Edi und auch bei Dir, alter Schwede, eine rote Krawatte nur teilbedeckt von der schlecht sitzenden, weil überdimensionierten aber unbefleckten Weste, das Hemd schwarz-weiss? Nicht einmal bei Dir das nach Heimaterde im Biergarten riechende blau-weiss? Die Streifen sind bei Angela gelandet, zwischen dem in Schwarz gehaltenen Kostümchen das neulich noch lachsfarben – wenn auch achselverschwitzt – daherkam und auch ein wenig blau schimmernd das Leibchen, die bescheidene Perlenkette im Harz-IV-Zirkonia-Look als Abschluss. Das rot der Krawatte von Guido geht schon etwas in Richtung Magenta, alter Bonner, schleichwerbst Du alter Spasskandidat ein wenig? Ab in den Container oder ins Guidomobil, den Gipser, äh Stylist gleich hinterher. Einzig Gysi, der ewige Oppositionelle, trägt schwarz-weisse Krawatte: Widerstand beginnt eben ganz leise … „alle, die nicht rote Krawatten tragen wollen sollen aufstehn“ … Inhalte? Na kommen Sie, das meinen Sie jetzt nicht ernst oder? Inhalte, hehehe … say no more!

Donnerstag, September 08, 2005

Seit 44 Jahren ...

... wird die Menscheit wöchentlich immer wieder von aussen bedroht, ein Mann und seine Freunde bieten den hinterhältigen Angreifern die Stirn und siegen am Ende stets. Perry Rhodan die deutsche Science-Fiction-Serie wöchentlich seit 1961 bei der Verlagsunion Pabel-Moewig.

Närrische Tadler und Lober

Auskunft

Närrische Tadler und Lober
auf beiden Seiten!
Doch darum
Hat mir mein Schöpfer den Kopf
zwischen die Ohren gesetzt.
[E. Mörike, Gedichte 1838]
Eduard Mörike wurde am 8. September 1804 in Ludwigsburg geboren. Lange Zeit galt er als der Vertreter des Biedermeier, zunehmend wird aber auch das Abgründige und Moderne in seinem Werk gewürdigtn ...

Mittwoch, September 07, 2005

Ob es so, oder so, oder anders kommt

Wer jetzt freilich glaubt, ich liesse mich durch irgendeinen Geheim-Listen- Firlefanz beeindrucken, kennt mich schlecht. Eingedenk der Worte des vor 98 Jahren in Châtenay-Malabry verstorbenen Dichters Sully Prudhomme

"Wer sich mit niemandem überwerfen möchte, macht sich zum Sklaven aller." [Sully Prudhomme, Gedanken]
trotze ich solchem alltäglichen Wahnsinn. Prudhomme erhielt bekanntlich 1901 den Nobelpreis für Literatur mit der kontemplativ-gefühlten Begründung

"Through the charm of his exquisite diction and through his consummate art, Sully Prudhomme is one of the major poets of our time, and some of his poems are pearls of imperishable value. The Swedish Academy has been less attracted by his didactic or abstract poems than by his smaller lyric compositions, which are full of feeling and contemplation, and which charm by their nobility and dignity and by the extremely rare union of delicate reflection and rich sentiment."

LE LONG DU QUAI

Le long des quais les grands vaisseaux,
Que la boule incline en silence,
Ne prennent pas garde aux berceaux
Que la main des femmes balance.

Mais viendra le jour des adieux ;

Car il faut que les femmes pleurent
Et que les hommes curieux
Tentent les horizons qui leurrent.

Et ce jour-la les grands vaisseaux,

Fuyant le port qui diminue,
sentent leur masse retenue
Par l'ame des lointains berceaux.

[Sully Prudhomme, Les destins, 1872]


Übrigens schaut der Elefant, den ich extra zu Ehren des hinduistischen Ganesh Chaturthi-Festes
letzte Nacht volltrunken aus dem Kölner Zoo aus seiner Sklavenexistenz befreit habe, so beleidigt drein, dass ich beschlossen habe, ihn an den nächstbesten Wanderzirkus zu verkaufen und auch die Bauernregel zum 7. September ...

"Ist Regine warm und sonnig, bleibt das Wetter lange sonnig"
... klingt zwar nicht Nobelpreisverdächtig aber wär' doch schön wenn das Bauer endlich mal recht behalten könnte. Und schliesslich-endlich lasse ich mir auch vom ewigen deutschen Liedgut von Schlagersternchen Lena Valaitis an ihrem 62. 49. Geburtstag helfen, gelassen zu bleiben:
"Ob es so, oder so, oder anders kommt, so wie es kommt, so ist es recht ..." [1971].

Ach wie gut, dass niemand weiss ...

Während ich noch meine allmorgendliche Portion Espressopornographie geniesse und dem Todestag von Catherine Parr, der sechsten (und letzten – es ist vollbracht) Gattin von König Heinrich VIII vor gerade mal 457 Jahren gedenke, erreicht mich aus Ägypten, wo heute so was ähnliches wie ähem ‚Wahlen’ stattfinden, ein ehrwürdiges Sprichwort:
„Halte deine Grundsätze und dein Geld geheim“.

Die so schlecht genannten C-Parteien nehmen das so beherzt bierernst, weil sie nun mal wissen, dass das nicht gut geht wenn ein Politiker vorher schon alles klarmacht.


Was bisher geschah: Die Opposition Regierungsvertreter fordern ihre Veröffentlichung, die Merkel kennt sie überhaupt nicht, der Kirchhoff weiss, dass sie über 400 Punkte enthält und hat sie der Merkel hat er vergessen hat er gegeben, der Münte echauffiert sich, der Kirch Professor aus Heidelberg kündigt an, dass das alles eh nicht umgesetzt wird die nächsten Jahre und bestätigt ungefragt mich in meiner unendlichen Weisheit, christliche Regierungsvertreter Oppositionelle echauffieren sich, die Frau Merkel verteidigt die Liste, die sie nicht kennt und zwingt zwei Söhne des Professors zur Geschlechtsumwandlung als Beweis, dass ihr Vater Spass versteht ein CDU-konformes Verständnis hat von der Rolle der Frau in der Spassgesellschaft abendländischen Sowieso (pardon: hier hat Herr Reagan undeutlich geschrieben), Herr Schröder sagt zwischenzeitlich, dass die Liste erzreaktionär und ungerecht ist und Herr Professor echauffiert sich während der Glos ...

Das klingt alles irgendwie nach ‚unsere Arbeit ist so geheim, dass wir selbst nicht wissen, was wir tun.’ Wehe euch, das wird nicht gut gehen, steht doch schon im Buch der Bücher:

„Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird und nichts geheim, was man nicht wissen wird.“ [Mt 10.26]

Dienstag, September 06, 2005

Buster erinnert ...

Und dass ich nicht vergess daran zu erinnern: Hanns Eisler, der unvergessene Komponist, Musikphilosoph und -theoretiker starb vor 43 Jahren in Berlin …

Als Schüler Arnold Schönberg zeigte er enorme Bandbreite: Er schrieb zahlreiche Kammerstücke, Bühnenwerke und Orchesterstücke, aber auch eine grosse Anzahl von Liedern im klassisch-romantischen Stil. Der Traditionen der Wiener Klassik bediente er sich ebenso mühelos wie der Moderne, Teile seines Werkes würde man heute sogar „Weltmusik“ nennen, um den verbrannten Begriff der Volksmusik nicht zu bemühen.

Im Exil in den Jahren 1933 bis1946 in zahlreichen Ländern verkehrte er mit Zeitgenossen wie Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger , Fritz Lang, Thomas Mann und Arnold Schönberg. Mit Theodor W. Adorno entstanden Arbeiten zur Musikphilosopie und -theorie.

In den USA wurde Hanns Eisler wegen „unamerikanischer Umtriebe“ verfolgt (ein besonderes Kuriosum sind die 686 Seiten beim FBI), musste die USA verlassen und kehrte nach 1948 in die sowjetische Besatzungszone zurück.

Buster wird vergesslich ...

"Das habe ich getan“, sagt mein Gedächtnis. "Das kann ich nicht getan haben“ - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - gibt das Gedächtnis nach. [Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse]
Was war Eduard Oswald, geboren am 6. September 1947, nochmal?
Was machte Herwig Rudolf Mitteregger, geboren am 6. September 1953, eigentlich?
Was hat Stephan Engels, geboren am 6. September 1960, geleistet?
„Ein gutes Gedächtnis ist eine Gabe Gottes. Vergessen können ist oft eine noch bessere Gabe Gottes“. [Georg Christoph Lichtenberg]
Unter „Gedächtnis“ versteht man bekanntlich die Fähigkeit des Gehirns Informationen aufzunehmen, zu behalten, zu ordnen, wieder abzurufen und vor allem - und dankenswerterweise - wieder zu vergessen. Spätestens beim Übergang vom Arbeitsgedächtnis in das Langzeitgedächtnis werden sie getilgt die österreichischen Schlagzeuger-Sänger, deutschen Fußballspieler oder Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. Alles weg, alles muss raus … eingedenk den tröstenden Worten von Oscar Wilde:
„Nur wer seine Rechnungen nicht bezahlt, darf hoffen, im Gedächtnis der Kaufleute weiterzuleben“.
Und wer mit einem solchen hervorragend schlechten Gedächtnis für jeden einzelnen seiner Fehler ausgestattet ist, sollte über eine politische Laufbahn nachdenken: Schliesslich erkennt man daran den echten Vollblutpolitiker. Der Glückliche verliert das Gedächtnis nachdem er den Meineid abgelegt hat ...

Der Herr Kohl dödelt wieder im CDU Wahlkampf als Star insbesondere der Jungwähler durchs Wahlland. Freilich hat alles etwas die Qualität „wenn der Grossvater von der guten alten Zeit (vor den Reformen) erzählt“ und auch hier hilft wieder das gnädige Vergessen, mindestens aber die rosafarbene Einfärbung des Geschehens ganz im Sinne des Kant-Wortes:
„Gedächtnis ist Phantasie mit Bewusstsein“

Montag, September 05, 2005

Buster plaudert …

Nur wenige Dinge sind so altmodisch wie der Wunsch, modern sein zu wollen: Um seinem Volk asiatische Bräuche abzugewöhnen, führt der russische Zar Peter der Große vor 307 Jahren eine Steuer auf Bärte ein. Hilft Dir das weiter Hans?

„Die Zeiten sind hart, aber modern“ weiss ein italienisches Sprichwort und tatsächlich war vor 77 Jahren der schwärzeste Tag für eine deutliche Mehrheit aller Lebewesen als der britische Bakteriologe Alexander Fleming entdeckt, dass der Schimmelpilz „Penicillin notatum“ das Wachstum von Bakterien hemmt und die machen ja bekanntlich rund 70% aller Lebewesen aus.

Schon der eifrige Eifelbewohner und -forscher Hanswilhelm Haefs hat ja bekanntlich darauf hingewiesen, dass „bekanntlich“ die bekanntlich unverfrorenste unter allen höchst unverschämten Anreden sei, weil sie dem Angesprochenen hämisch unterstellt, dass er dies eh wüsste, wäre er nicht so faul oder dumm oder schlimmstenfalls beides.

Und auch für den gestern arg gescholtenen Professor aus Heidelberg Paul Kirchhoff noch ein kleines Schmankerl:
„Lobend gleichzustellen ist diese Steuerreform allen Steuerreformen, die es jemals gab oder die je kommen werden. Sie ist modern, gerecht, entlastend und kunstvoll.
- Modern, weil jede der alten Steuern einen neuen Namen trägt.
- Gerecht, weil sie alle Bürger gleich benachteiligt.
- Entlastend, weil sie keinem Steuerzahler mehr einen vollen Beutel läßt.
- Und kunstvoll, weil du in langen Worten ihren kurzen Sinn versteckst: dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und dem Bürger zu nehmen, was des Bürgers ist.“
[Casparius, römischer Senator, 282 n.Chr.]
Aber Vorsicht bei der Verwendung, Herr Professor aus Heidelberg, wir haben seit geraumer Zeit keinen Kaiser mehr …

I have nothing to say

In der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt, einem ehemaligen Zisterzienserkloster in dem 1361 die erste Grossorgel der Welt gebaut wurde, wird seit nunmehr 4 Jahren „Organ2/ASLSP“ von John Cage aufgeführt. ASLP meint „As slow as possible“ und böse Zungen sehen einen Zusammenhang zwischen dem Start der Hilfsmassnahmen in New Orleans und dem Musiktitel.

Die Aufführung ist als langsamstes und längstandauerndes Musikstück der Welt konzipiert, mit einer angestrebten Länge von 639 Jahren. Dabei wurden der Abstand der Tonwechsel der acht Seiten langen Partitur auf diese Spieldauer hochgerechnet. Da das Stück mit einer Pause beginnt, war der erste Klang erst eineinhalb Jahre nach dem Beginn des Stückes am 5. Februar 2003 zu hören, die vor vier Jahren angereisten Ehrengäste mussten sich mit dem Klang des Orgelgebläses begnügen. Die nächsten Tonwechsel folgen am 5. Januar und 5. Mai 2006.
“I have nothing to say
and I am saying it
and that is poetry
as I needed it”
[John Cage]

Sonntag, September 04, 2005

Sprache der Engel: Juliusz Słowacki

Juliusz Słowacki, geboren am 4. September 1809 im ukainischen Krzemieniec, ist neben Adam Mickiewicz der bedeutendste Dichter der polnischen Romantik.
„Es geht mir darum, dass die geschmeidige Sprache
Alles erzähle, was der Kopf nur erdenkt.
Dass sie bald schnell sei wie der helle Blitz,
Traurig bald wie der Gesang der Steppe,
So weich bald wie die Klage der Nymphe
Und schön bald wie die Sprache der Engel.“
[Juliusz Słowacki, Beniowski, 1999]
Erst nach seinem Tode beginnt man Słowackis literarisches Werk zu würdigen. Prophetisch lauten da die Verse aus seinem „Testament“:
„Doch überlebt mich eine dunkle Kraft
Und bringt vielleicht doch Nutzen, wenn auch späten:
Nach meinem Tod wird sie gespensterhaft
Euch Brotverzehrer noch – zu Engeln kneten.“
Die jungen Aufständischen von 1863 erklärten Słowacki als Dichter der Revolution und der Freiheit zu ihrem Patron.

Samstag, September 03, 2005

Get off your asses ...

„Dear Mr. Bush: Any idea where all our helicopters are? It's Day 5 of Hurricane Katrina and thousands remain stranded in New Orleans and need to be airlifted. Where on earth could you have misplaced all our military choppers? Do you need help finding them? I once lost my car in a Sears parking lot. Man, was that a drag.”
Fragt Michael Moore ‚seinen’ Präsidenten und ein völlig frustierter Bürgermeister von New Orleans pisst endlich die Gouverneurin und den Präsidenten an: „Get off your asses.“

E.E. Cummings

XAIPE / 14

out of more find than seeks

thinking,swim(opening)grow
are(me wander and nows to the

power of blueness)whos(ex-
plore my unreal in

-credible true each new

self)smile. Eyes. & we
remember:yes;we played with a piece of when

till it rolled behind forever,we touched a shy
animal called where and she disappeared.

Out of more(fingeryhands

me and whying)seek than finds
feeling(seize)floats(only by

only)a silence only made of,bird



aus mehr finden als suchs

gedanken,schwimm(öffnend)wachs
sind(mich wander und nuns in die

kräfte der bläue)wers(ent-
decke mein unwahres nicht-

zuglaubendes wahrlich jedermann neu

innerstes)lächeln. Augen. & wir
erinnern uns:ja;wir spielten mit einem stück wann

bis es hinters fürimmer rollte,wir berührten ein scheues
tier genannt wo und sie verschwand.

Aus mehr(fingerigerhände

mich und warummend)suchen als finds
gefühle(greifen)schwebt(einzig mal

einzig)eine stille einzig gefertigt aus,vogel

[E.E. Cummings: Xaipe, 1950, Übersetzung Mirko Bonné]

Edward Estlin Cummings, geboren 1894 in Cambridge, studierte Literaturwissenshcaft in Harvard, meldete sich freiwillig als Sanitäter und ging nach Frankreich wo er am Ersten Weltkrieg teilnahm. Irrtümlich wurde er dort für einen Verräter gehalten und für vier Monate in einen Lager in der Normandie interniert wegen Wehrkraftzersetzung und Landesverrats. Nach dem Krieg studierte Cummings Kunst in Paris und schloss Bekanntschaft mit dem Kreis um Gertrude Stein. Der einst politisch Liberale wandelt sich zu einem McCarthy-Anhänger. Cummings starb am 3, September 1962 zurückgezogen in Conway, New Hampshire.

seeker of truth

seeker of truth

follow no path
all paths lead where
truth is here

Dieses Gedicht, insbesondere seine dritte Zeile, gehört für mich zu den unübersetzbaren. Die deutsche Fassung daher nur eine erste Hilfe zur Orientierung:

Wahrheitssucher / folge keinem Pfad / alle Pfade führen wohin / Wahrheit ist hier .

Cummings war nie so radikal wie Teile seiner Zeitgenossen, seine reduzierte Sicht auf die Welt machte ihn zu einem der populärsten Lyriker englischer Sprache im 20. Jahrhundert.


XAIPE / 12

tw

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s gab mal ei

n
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ie wie

der
)zeit
opa

s

sitzen(s
o o
der)träu

men

[E.E. Cummings: Xaipe, 1950, Übersetzung Mirko Bonné]

Geist zu sein...

Geist zu sein
oder Staub, es ist
dasselbe im All.

Nichts ist, um
an den Rand zu reichen
der Leere.

Überhaupt
gibt es ihn nicht.
Was ist, ist

und ist aufgehoben
im wandlosen Gefäß
des Raums.

[Ernst Meister, Wandloser Raum, Gedichte, 1979]

Ernst Meister wurde am 3.September 1911 in Haspe geboren.


Ölvorräte

Heute morgen bei A**i 12 Liter Sonnenblumenöl eingekauft. Warte nun auf Anruf von Bush mit der Bitte, die Hälfte wieder dem Weltmarkt zur Verfügung zu stellen. Werde zum Schein darauf eingehen und ihn bei der Übergabe ölen und federn, den feigen Drecksack.

Freitag, September 02, 2005

We knew too little of the world ...

„We knew too little of the world,
and you and I were kind,
we listened to what others said,
and both of us were blind.”
Henry Archibald Lawson starb im Alter von 55 Jahren am 2. September 1922 in Sydney. Der alkoholkranke Schriftsteller, der oft auf den Straßen Sydneys bettelte, wurde nach seinem Tod mit einem Staatsbegräbnis geehrt. Eine Bibliographie seiner Gedichte und einzelne Beispiele finden sich hier.

„Have you seen the bush by moonlight, from the train, go running by?
Blackened log and stump and sapling, ghostly trees all dead and dry;
Here a patch of glassy water; there a glimpse of mystic sky?
Have you heard the still voice calling – yet so warm, and yet so cold:
’I'm the Mother-Bush that bore you! Come to me when you are old’?

[Henry Lawson, On the Night Train, 1922]

Donnerstag, September 01, 2005

Buster plaudert …

Es wird Jahre dauern, bevor diese Landstriche wieder bewohnbar sind, Schutt und Schlamm müssen beseitigt werden … ist vom heutigen „Wechselgipfel“ zu hören. Kanzlerschelte oder ein Lifebericht aus Überschwemmungsgebieten des Waffenbruders in spe? Vielleicht können wir uns ja künftig die Arbeit tayloristisch aufteilen: Der ‚Amerikaner’ legt alles in Schutt und Asche, wir kommen mit dem THW hinterher und machen je nach Absprache Nation Building, Peace Keeping oder Shit Shoveling. Mindestens letzteres können wir ja wirklich gut.

Apropos ‚shit happens’: Die fünfte Erhöhung der Tabaksteuer seit 2002 - Eine Zigarette kostet seit heute 1,2 Cent mehr: 25.826 nicht gerauchte Zigaretten in den letzten 286 rauchfreien Tagen lassen mich an andere Risiken und Abenteuer denken – immer nur trinken ist auf die Dauer ja auch nicht zu bezahlen, wenn es nur guter Wein sein soll und man ein paar Flaschen locker wegsteckt …

… daher beschliesse ich die Erkundung des Saturnmond Enceladus als nächstes Lebensziel, auf dem die Raumsonde „Cassini“ rätselhafte Vorgänge entdeckt hat. Da sollten noch jede Menge Vulkane und Täler nach mir benannt werden können. Aber kaum dass ich das transplanetare Hyper-Speedraumschiff nach Blueprints von Douglas Adams zusammengelötet habe, und Herrn Pfahls (Kollekte und Intergalaktisches Recht), Herrn Ratz Benedict (Fürbitte und Waffensegen) und das Personal den dümmlichen Assistenzarzt (Double von ‚Pille’) als Crewmitglieder gewonnen habe, erreicht mich die Warnung via Riesenmaschine dass von einer Besiedlung nachdrücklich abgeraten wird, weil in schlappen rund 300 Jahren wohl vergleichbare klimatische Zustände drohen wie in den USA, wo Benzin halb so viel kostet wie hier und Klimaschutz unbezahlbar ist.

Also was ich tue wird irgendwie blockiert, zum Antikriegstag notgedrungen noch mal Franz Kafka: „Ich Frieden kommst Du nicht voran, im Krieg verblutest Du.“ Mein bitterster Zorn hellt sich allerdings auf, als mir eine weitere Mail von Postbank ins Haus flattert mit der Bitte doch eben mal PIN und TAN-Nummer in ein ganzwichtiges super-geheimes Formular einzugeben. Die Postbank ist damit an der Deutschen Bank klar vorbeigezogen, irgendwo in der Grössenordnung von 11:8 würde ich mal aus dem Kopf zitieren. Vor allem aber scheint ein 1Euro-Jober mit fundierten Deutschkenntnissen für diese gemeinnützige Arbeit gewonnen worden zu sein. Keine Schreibfehler mehr zu erkennen: Alle Achtung, da können sich andere Connections mehrere Scheiben abschneiden. Ein Extrapunkt die Fussnote der Mail:
„Achtung: diese Mail ist automatisch versendet. Keine Antwort darauf wird bearbeitet. Alle Fragen senden sie bitte an Helpdesk Postbank support@postbank.de“
Oh yeah, ich sollte mir mal dringend ein gelbes Konto besorgen, als Belohnung für all das unbeirrbare Qualitätsbemühen um stetige Verbesserung der Postbank-Connection … die sollten jetzt aber auch sofort ins Kompetenzteam aufgenommen werden für fiskalische Grenzwertigkeiten, Anschelig, Du brauchst sie!

Rickeracke! Rickeracke!

Ach, was muß man oft von bösen
Kindern hören oder lesen!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
Welche Max und Moritz hießen;
Die, anstatt durch weise Lehren
Sich zum Guten zu bekehren,
Oftmals noch darüber lachten
Und sich heimlich lustig machten.
ja, zur Übeltätigkeit,
Ja, dazu ist man bereit!
Menschen necken, Tiere quälen,
Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen,
Das ist freilich angenehmer
Und dazu auch viel bequemer,
Als in Kirche oder Schule
Festzusitzen auf dem Stuhle
[Wilhelm Busch, Max und Moritz, Vorwort, 1865]

Pardon wird nicht gegeben: Ihren 140sten Geburtstag feiert die Bubengeschichte in sieben Streichen mit der Todesstrafe für Kinder als Konsequenz für Übeltäterei, immerhin schliesst sich ökologisch korrekt der Nahrungskreislauf:
...
‚Her damit!’ Und in den Trichter
Schüttet er die Bösewichter.
Rickeracke! Rickeracke!
Geht die Mühle 'mit Geknacke.
Hier kann man sie noch erblicken,
Fein geschroten und in Stücken.
Doch sogleich verzehret sie
Meister Müllers Federvieh
...

Zwölfmal Frieden - einmal Peace ey!

„Gesegnet, die auf Erden Frieden stiften.“ [William Shakespeare] sagt schon der grosse Meister. Dass das mit dem sofortigen und ewigen Weltfrieden nicht so ganz ohne Probleme zu bewerkstelligen ist, habe ich mir ja schon fast gedacht, aber dass es noch nicht mal möglich ist, einen gemeinsamen Tag zu finden, an dem die zivilisierte Menschheit heuchelt äh, äh, so tut als ob sie das erreichen will manchmal an Frieden denkt, macht mich schon etwas nachdenklich.

In Deutschland wird alljährlich am 1. September der „Antikriegstag“ begangen, der an den Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 erinnert. Die Initiative für diesen Gedenktag ging 1957 unter dem Motto „Nie wieder Krieg“ vom DGB aus, in der DDR wurde der 1. September als „Weltfriedenstag“ gefeiert.

Seit 1981 begeht die UN am 21. September 1981 den „International Day of Peace“ der „die Idee des Friedens sowohl innerhalb der Länder und Völker als auch zwischen ihnen“ zum Gedenken hat. Klingt schon sehr kompliziert.

Seit 2004 ruft der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) alle Kirchen dazu auf, jährlich den 21. September zu einem Internationalen Tag des Gebets für den Frieden zu machen, „als eine Möglichkeit, die Zeugniskraft der Kirchen und Glaubensgemeinschaften den vielen Kräften der weltweiten Bewegung für Frieden und Gerechtigkeit hinzu zu fügen“ - oha, das klingt aber beherzt.

Die katholische Kirche hat seit 1967 am 1. Januar ihren separaten Weltfrieden - pardon "Weltfriedenstag“ der mit einer Weltfriedensbotschaft des Papstes verbunden ist und wohl die umfangreiche Erfahrung in der Segnung von Kanonen reflektiert. Gedenken wir auch dem Matthäus-Wort:
„Meint nicht, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ [Mt 10.34]