Mittwoch, August 31, 2005

Buster grübelt ...

„Im August soll man den Knoblauch aus der Erde nehmen“
... weiss der Volksmund, In Ermangelung eines ordentlichen Bauerngartens biete ich lieber dem Hoch Gabriele die Stirn beziehungsweise so wörtlich auch wieder nicht sondern verziehe mich mit einem USB-Stick voller Arbeit ans Rheinufer in den Internetbiergarten und sinniere darüber, was wohl die Bauerweisheit des heutigen Tages bedeuten mag:
„31.August: St.Raimund treibt die Wetter aus.“
Falls Sie einen Bauern zur Hand haben, fragen Sie ruhig mal etwas investigativ ... Im übrigen ist heute Nationalfeiertag in Malaysia, Kirgisistan und in Trinidad und Tobago. Und als wär’ es nicht genug Trubel muss die Katholische Kirche auch noch den heiligen Nikodemius, den alten Pharisäer, feiern:
„Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet (später) am hellen Tag.“ [Mt 10,27]
Aufgrund der spärlichen ausserbiblischen Quellen wird die historische Existenz des Nikodemus von Bibelkritikern in Zweifel gezogen, aber diese Antichristen Satanisten glauben ja noch nicht mal an den Leibhaftigen selbst.

Buster schreibt Tagebuch ...

Heute mit S., H. und R. nach G. ins D. gegangen. Was ein Auftritt! M., die wir dort trafen, meinte auch, dass D. seit ein paar Wochen viel angesagter sei als V. oder gar. J. Auf dem Rückweg noch mit G. und M. A. in K. besucht, der seit T. nicht mehr zur A. bei W. erscheint, anscheinend weil er G. oder so W. hatte. H. fand, dass A. so bleich aussieht wie R. kurz bevor er an U. zugrundeG. Da fühlte I. mich A. schon ganz K …

Unsicherheit der menschlichen Verhältnisse

„Ja renn' nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr. Denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.“
Für Bettler ebenso wie für Einbrecherbanden und Polizisten gilt: Es gibt keine gute und keine schlechte Gesellschaft, bürgerliche Moral ist eine Doppelmoral, bürgerliche (Sekundär-)Tugenden sind moralisch zweckfrei, Geschäfte machen und Verbrechen begehen sind zwei Seiten derselben Medaille und sie unterliegen einem vergleichbaren Ehrenkodex.
„Der Mensch ist gar nicht gut, drum hau ihn auf den Hut“
Ein Stück das eigentlich zur Entlarvung der verlogenen bürgerlichen Moral gedacht war, feierte ungeahnte Triumphe beim Bürgertum: Vor 77 Jahren findet im Berliner Theater am Schiffbauerdamm die Uraufführung der Dreigroschenoper [1, 2] statt.
„Wir bemühen uns, Theater mit ganz bestimmter, sozialer Funktion zu machen. Wir wollen auf der Bühne das wirkliche Leben beschreiben und zwar so, dass der, der es sieht, fähiger wird, dieses Leben zu meistern.“
[Bertolt Brecht]
Theater über den Raubtier-Kapitalismus zog um die Welt und amüsierte: Von Berlin aus trat die Geschichte um Mackie, Peachum und seine Tochter Polly ihren Siegeszug an. So beliebt das Werk beim Publikum wurde, so oft geriet es in die Schusslinie konservativer Politiker. 1930 in Köln etwa, setzte die Zentrums-Partei einige textliche Änderungen durch: Statt „Bordell“ wurde nun „Hotel“ gesungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte die „Dreigroschenoper“ zu den ersten Stücken, die in Deutschland - Ost wie West - wieder auf die Bühne kamen. Die Liste der auftretenden Theaterstars liest sich wie ein Who-is-Who der Bühnengeschichte.
„Das simple Leben lebe, wer da mag! Ich habe - unter uns - genug davon! Kein Vögelchen von hier bis Babylon vertrüge diese Kost nur einen Tag. Was hilft da Freiheit? Es ist nicht bequem - nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm!“
Peter Eckhart Reichels Hörcollage „Die Entstehungsgeschichte der Dreigroschenoper“ (erhältlich bei duo-phon-records für 13 Euro) schildert in packenden und dramaturgisch dichten 80 Minuten mit einer sehr gelungene Mischung aus gelesenen Texten, Rollenspielen und historischen Originalaufnahmen aus dem Jahre 1930 die Entstehungsgeschichte.

Dienstag, August 30, 2005

L'art pour l'art

„Laßt uns das Leben genießen, solange wir es nicht begreifen“
weiss Kurt Tucholsky mir den Tag zu versüssen. Und tatsächlich: Vor 17 Jahren hat die SPD die Frau erfunden gefördert:
„Frauen müssen bis 1994 in allen Parteigremien und bei allen Mandaten zu mindestens 40 Prozent vertreten sein.“
Seither muss in jedem Kreis mindestens ein(e) Genoss(in)e Mathematiker(in) sicherstell(in) en, dass ‚die Quote’ stimmt und jede erfolgreiche Genossin hat das Problem nachzuweisen, dass sie keine Quotenfrau ist …
„Humorlose Leute sind immer das Lustigste“
nein, ich finde ihn nicht lustig, auch wenn er vor 50 Jahren in Mülheim an der Ruhr geboren wurde ... ganz im Gegensatz zu:
„Wenn etwas nützlich wird, hört es auf, schön zu sein“
[Théophile Gautier, Poésies complètes]
ist mein eigentliches Motto und Rechtfertigung, dass ich so hässlich bin – besteht doch eine direkte Korrelation zwischen Nützlichem und Nicht-Schönem. Hätte ich, wie jeder ordentliche Blogger einen Shop zum verscherbeln von überteuerten Textilien würde ich das über jeder Grillschürze und jeden Tanga schreiben … Théophile Gautier, geboren am 30. August 1811 in Tarbes in den Pyrenäen, war der Wegbereiter einer zweckfreien, nur ästhetischen Maßstäben verpflichteten Kunstauffassung, welche im 19. Jahrhundert unter dem Schlagwort „L'art pour l'art“ bekannt wurde. Mit dem rund 30-Seitigen Vorwort zu seinem 1835 erschienenen Roman Mademoiselle de Maupin schrieb er eine Theorie und Begründung dieser Richtung. Baudelaire widmete ihm 1857 mit diesen Worten seine „Blumen des Böse“:
„Dem unfehlbaren Dichter, dem vollkommenen Magier französischer Dichtung, meinem geliebten und verehrten Meister und Freund Théophile Gautier widme ich mit den Gefühlen der tiefsten Demut diese kränkelnden Blumen.“
Schön ist also, was ohne alles Interesse gefällt … das Personal der dümmliche Assistenzarzt hat mich per Mail nachdrücklich gebeten an dieser Stelle nochmals ‚klar’ darauf hinzuweisen, dass am letzten Samstagmittag im Schach ein „klares Remis“ erzielt wurde. Ich komme dieser Bitte gerne und häufig nach - nicht ohne hinzuzufügen, dass ich unter leckeren Drogen (eine richtig gute Flasche Bordeaux) und unter den Strapazen der klinischen Behandlung stand, was das Personal der dümmliche Assistenzarzt schamlos ausgenutzt hat - aber nochmals: Ein „klares Remis“ wurde erzielt, doch doch, Herr Doktor eines in rund Hundert Partien, aber ein ganz klares war das … (99:1:0 somit und so weiter: Ich will Sie, geschätzter Leser, jetzt nicht weiter ennuieren) …

Yeah ...

Yeah, but is it art? 2004 widmete ihm das Museum Ludwig in Köln, eine Ausstellung mit diesem Titel: Robert Crumb wurde am 30. August 1943 in Philadelphia geboren. Fritz the Cat war für mich immer einzig-korrekter Katzen-Content. Crumb hat sich als einer der besten Comic-Künstler jederzeit ausserhalb der etablierten Comic-Industrie bewegt, als die Stones anfragten wegen eines Covers soll er ihnen geantwortet haben: "Vergesst es, eure Musik ist scheisse" ...

Buster hilft weiter ...

In schwierigen Zeiten erinnert man sich gerne an Wunderwaffen. Heinrich von Pierer – die V1 der Wirtschaftspolitikberatung – ist ein erfolgloser Berater sondersgleichen da schon bei Kohl und Schröder am Hofe gerne gesehen, wird heute aus dem Hut gezaubert. „Wir sollten weniger Geld für die Vergangenheit als für die Zukunft ausgeben“, sagte Heinrich von Pierer dem „Handelsblatt“ und gibt dem Horscht damit ein Zeichen, dass das Türmchen der Vertriebenen die falsche Richtung sei. Insbesondere im Bereich der Bio- und Gentechnik müsse nun Fahrt aufgenommen werden, diktiert Handy-Heinrich dem Handelsblatt in die Feder.

Ausgerechnet Bio- und Gentechnik? Sollten wir unter Anscheligs Fahne mit geklonten Schafen und gentechnisch veränderten Maiskobeln gemeinsam mit unserem amerikanischen Waffenbruder gegen die Mullahs im Iran in den Atom- und Öl-Krieg ziehen?

Als wirtschaftspolitischer Chefberater wolle er „Bremsen lösen“ und „Kräfte entfesseln“. Alles noch ein wenig holprig, lieber Heinrich: Klingt nach dem Ölstaub der Geschichteeiner insolventen Autowerkstatt. Sei doch mal endlich innovativ und nicht so rückwärtsgewandt! Wie wärs denn, wenn wir bald mit genmanipulierten Kartoffeln telefonieren? Mit hyperintelligenten Schafen Schach spielen? Chancen nutzen Heinrich, ‚nachhaltig’ und ‚für Deutschland’ muss ja sowieso alles sein.

Das mit dem Atomdings ist ja auch wieder schwer im kommen und wenn das mit dem Sitz im Sicherheitsrat nicht klappt, sollten wir mit der geballten Siemens-Technologie erstmal ein ordentliches AHA-Bömbchen bauen, nimmt uns ja gar keiner mehr ernst als Global Player sonst, Heinrich, alter Kämpe … das zünden wir dann auf Helgoland oder besser noch auf Mallorca gerade wenn der Wester dort die Welle macht und es wird ein Raunen geben in der Welt und wir werden hochinnovativ und vorwärts gewandt Arbeitsplätze schaffen: der 1 Euro-Job in der Rüstungsindustrie zum Greifen nah … Steht alles nicht im Wahlprogramm, deshalb bin ich so optimistisch, dass es ganz genau so kommen wird! Windmühlen zu Schwertern, aber ganz genau so, lieber von Heinrich, alter von Schwede ...

Obacht, Horscht!

Neulich fragte ich ja noch: Was macht eigentlich der Köhler? Und heute sehen wir ihn wieder auf gefährlicher Mission in Polen. Unsicher ist er noch: Soll er trotzig alle ‚verlorenen’ Gebiete zurückfordern? Irgendwo auf die Knie fallen? Oder wenigstens ein babelturmhohes Zentrum bauen lassen für die hintertriebenen Vertriebenverbände? Oder gar nix tun und unentwegt gratulieren zum 25. Jubiläum dieser unaussprechlichen Elektrikerbewegung? Hauptsache weg vom deutschen Wahlkampf wird er sich auf jeden Fall gedacht haben. Wo mittlerweile als "Erzreaktionär, marktradikal, unredlich" gilt was zwar nicht umgesetzt werden soll, womit aber, aus welcher Richtung auch immer, prima Wahlkampf gemacht werden kann ...

Montag, August 29, 2005

Buster wird Freiheitskämpfer

Als Geleit zum Montag rufe ich dem Personal dem dümmlichen Assistenzarzt zu: „Arbeit um der Arbeit willen ist gegen die Natur“ [John Locke, Über den menschlichen Verstand, 1671]. John Locke wurde am 29. August 1632 in Wrington bei Bristol geboren. In seinem politischen Hauptwerk "Two Treatises of Government" erklärt er ja bekanntlich Freiheit, Gleichheit und Unverletzlichkeit von Person und Eigentum zu den höchsten Rechtsgütern. Ich mache heute vor allem die Freiheit geltend und erkämpfe sie mir wagemutig – zumindest auf Zeit werde ich aus diesen nur scheinbar antiseptischen Hallen entlassen. Klingt irgendwie nach „Bewährung“ - aber ich, Gilgamesch-Gleicher Freiheitskämpfer habe gesiegt, wenn auch nur vorläufig …

Von der Freiheit ist in der Physik wenig die Rede aber die Zeit hat in ihr den gleichen Stellenwert wie der Raum: Unter allen denkbaren Strukturen im dreidimensionalen Raum in Kombination mit allen dazu denkbaren zeitlichen Abläufen sind nur solche möglich, die den physikalischen Gesetzen gehorchen. Mindestens grenzwertig ist dagegen, dass die CDU in Dortmund ihren 19. Bundesparteitag in Orange abgehalten hat und Volker Kauder, der nur noch knapp den physikalischen Gesetzen gehorcht, mit 97,8 % als Generalsekretär bestätigt wurde – der Honecker hätte Tränen in den Augen und amerikanischer geht bald nimmer. Dieses CDU-Organge ist dagegen eine Hyper-Erfindung: Bei Orange umschalten habe ich mir gemerkt. Klappt prima, bis auf leider, leider: die Realität, die für Fernbedienungen noch immer nicht kompatibel ist. Wer nimmt sich endlich dieses Problems an? Alle quatschen ständig von der Informationsgesellschaft und ich habe noch nicht mal einen simplen „undo“-Button im so schlecht genannten „echten Leben“ zur Verfügung. Es ist zum debil werden …

Und dann war da noch vor 218 Jahren die Uraufführung von Friedrich Schillers Drama „Don Carlos“ in Hamburg:
„Domingo. Die schönen Tage in Aranjuez
Sind nun zu Ende. Eure königliche Hoheit
Verlassen es nicht heiterer. Wir sind
Vergebens hier gewesen. Brechen Sie
Dies räthselhafte Schweigen. Oeffnen Sie
Ihr Herz dem Vaterherzen, Prinz. Zu theuer
Kann der Monarch die Ruhe seines Sohns -
Des einz'gen Sohns - zu theuer nie erkaufen.“
[Friedrich Schiller, Don Carlos, Erster Akt, Erster Auftritt]
Warum Schiller aus dem debilen Thronfolger und Psychopathen Don Carlos einen Helden und Freiheitskämpfer machte, wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben … ich versuchs heute auch gar nicht mehr zu ergründen und geniesse die Freiheit und Arbeit gibt’s erst wieder morgen denn…
„Das Gute und das Böse, Belohnung und Strafe, sind die einzigen Motive eines rational denkenden Lebewesens; sie stellen die Sporen und Zügel dar, mit der die gesamte Menschheit zur Arbeit veranlaßt und angeleitet wird.“ [John Locke, Über den menschlichen Verstand, 1671]

Sonntag, August 28, 2005

Buster warnt ...

Und allen in Freiheit, die in irgendeinem 'Bella Napoli' oder dergleichen nach verzuckerter, höchst gesundheitsschädlicher, Eiskreme nachfragen und gierig die Tropfen von der Hand züngeln, sei zugerufen, dass Italien vor gerade mal 89 Jahren dem deutschen Kaiserreich den Krieg erklärt hat …

Seid auf euren Kopf bedacht

Harro Harring am 28. August 1798 bei Wobbenbüll, Nordfriesland geboren, bekommt heute den Vorzug vor Johann Wolfgang von Goethe, der vor 256 Jahren in Frankfurt geboren wurde, weil Harro Harring zu Unrecht heute unekannt ist und Goethe jede Sau kennt.
„Er kämpfte mit um die Freiheit Griechenlands und Polens, er wollte in Prag den Anführer des griechischen Aufstandes, Alexander Ypsilantis aus dem Gefängnis befreien, musste aber Hals über Kopf fliehen. Er war beteiligt bei der Julirevolution 1830 in Leipzig und Braunschweig, auf dem Hambacher Fest, an den Konspirationen um den Sturm auf die Frankfurter Hauptwache und beim Savoyerzug 1834 in der Schweiz.
Harring wurde „Berufsrevolutionär“, zum Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit und dafür von Spitzeln verfolgt, mehrfach mit Zensur belegt, ausgewiesen und verhaftet. In Deutschland wurden viele seiner Schriften verboten, sie fanden unter der Hand weite Verbreitung und waren nicht ohne Einfluss auf die Arbeiterbewegung.“

33 – 34!

Dreiunddreißig – Vierunddreißig!
Seid auf euren Kopf bedacht,
Wenn das Volk einst grimm und beißig,
Der Geduld ein Ende macht!

Habt dem Volke viel versprochen;
Habt dem Volke viel gelobt,
Als Gefahr, durch Sturm von Außen
Euren morschen Thron umtobt. –

Habt gelobt in Angst und Nöten
Alles, was dem Volk gehört,
Das für euch sein Blut vergossen,
Und ihm habt ihr nichts gewährt.

Wißt gar wohl, ihr werdet fallen;
Darum braucht ihr noch – Gewalt!
Wißt gar wohl, es wird euch allen
Der Verrath durch Blut bezahlt.

[Harro Harring, Die Möwe, 1835]

Was wir die Gegenwart nennen, dauert 90 Sekunden und scheint sich unaufhaltsam von der Vergangenheit in Richtung Zukunft zu bewegen. Der Titel „Dreiunddreißig – Vierunddreißig“ spielt auf die Anzahl der deutschen Fürsten an. Natürlich gibt es auch heute Fürsten. Das Personal Alle sollten mal drüber nachdenken, wer auf seinen Kopf achten sollte.

Samstag, August 27, 2005

Das Wahre ist das Ganze

„Als Hegel auf dem Totenbette lag, sagte er: ‚Nur einer hat mich verstanden’, aber gleich darauf fügte er verdrießlich hinzu: ‚Und der hat mich auch nicht verstanden’.“
weiss Heinrich Heine über Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geboren am 27. August 1770 in Stuttgart, zu berichten. Das Hegelwort
„Der Widerspruch ist das Erheben der Vernunft über die Beschränkungen des Verstandes“
spornt mich heute zum Widerstand gegen über Jahrtausende eingeschliffene Verhaltensmuster an. Ärzte sind es gewohnt, dass sich bei ihrem Erscheinen alle Knietief verbeugen.

Ich aber weiss (via Hegel): Das Wahre-Ganze realisiert sich durch antithetische Teilwahrheiten, die sich in einer höheren Synthese zusammenfinden um ihrerseits zur Antithese in einem neuen Gegensatz zu werden. Der Hegelsche dialektische Grundgegensatz von Geist und Materie materialisiert sich hier als der Gegensatz von Gilgamesch-Gleichem und dümmlichem Assistenzarzt, der sich dennoch latent lernfähig, entwicklungsbereit zeigt oder um mit Hegel zu sprechen:
„Der Geist kommt in der Materie - seinem ‚Anderen’ - zu sich selbst“.
Also immerhin spielt das Personal der dümmliche Assistenzarzt leidlich Schach und hat noch mal nachgeschlagen zur Symmetrie der Zeit, wenn auch vergeblich, aber:
„Die Geschichte hat noch nie etwas anderes gelehrt, als daß die Menschen aus ihr nichts gelernt haben.“
Die beiden Richtungen der Zeit verlieren mit dem zweite Hauptsatz der Thermodynamik ihre Gleichwertigkeit, und man spricht vom thermodynamischen Zeitpfeil. Manchmal freilich will einfach nichts fliessen, zweiter Hauptsatz hin, thermodynamischer Zeitpfeil her. Ich, der Gilgamesch-Gleiche tröste das Personal den dümmlichen Assistenzarzt und verspreche Macht ohne Ende (aber nur wenn er sich korrekt einkleidet) mit einem letzten Hegelwort:
„Das Mittelmaß bleibt und regiert am Ende der Welt“.


Freitag, August 26, 2005

Zwölf Sekunden Stille

„Der Weg zu allem Großen geht durch die Stille“ weiss der vor 105 Jahren in Weimar gestorbene Friedrich Wilhelm Nietzsche. Hier sind ab sechs Uhr morgens alle Wege zum Grossen verbaut. „Stille“ ist hier nicht zu bezahlen und mithin auch nicht zu kaufen.

Zwei sehr zoomässige Visiten täglich, eine gar mit dem gottgleichen leitenden Professor, hinter ihm hierarchisch korrekt formiert eine Handvoll untätiger Ärzte, zwei Schwestern, ein paar gelangweilte Praktikanten und ähnliches Pack. Die Ansprache im Frühkindchenstatus habe ich mir verbeten und nachdem ich den Gottgleichen vor allen Gesundheitsaposteln mehrfach auf sein fehlerhaftes Latein angesprochen habe, gelte ich wenig bis nichts, die Visite hat sich auf wenige Sätze verkürzt: gerade genug, um keine Stille aufkommen zu lassen und auf wundersame Krankheiten hinzuweisen, die noch eine Dissertation wert seien.

Wie Gilgamesch fühle ich mich höchstens noch zu 1/3 Mensch und zu 2/3 Gott. Die Aufteilung in menschliche und göttliche Anteile freilich bleibt (weiterhin) ein Rätsel ... nur deshalb habe ich unendliche Geduld als das Personalb der dümmliche Assistenzarzt mir erklärt, dass der zweite Hauptsatz der Thermodynamik lediglich die Rolle eines Postulats habe, wohl in der Absicht dessen Bedeutung zu reduzieren.

„It's not the reason which is the guide of life, but custom” antworte ich mit David Hume, der vor 229 Jahren in Edinburgh starb, und erkläre dass wir mit Hume nicht einmal die Gewissheit haben, dass Morgen ein weiterer Tag beginnt und nicht etwa das Ende des Universums ansteht. Im übrigen verstösst der zweite Hauptsatz der Thermodynamik gegen die Symmetrie bezüglich der beiden Richtungen der Zeit was eigentlich viel gewichtiger ist. Aber das Personal der dümmliche Assistenzarzt hat schon aufgegeben und schielt rallig-geil über seine Lesebrille nach der blondesten Schwester des ganzen Klinikums.

„Wieviel Gutes genieße ich? Warum lasse ich mich dann von einem Übel verdrießen?“ [David Hume, Zwölf Lebensregeln, Essays Moral and Political, Nr. 9 The Sceptic, 1758] versuche ich mich etwas aufzumuntern. Ich, Gilgamesch-Gleicher, zu 1/3 Mensch und zu 2/3 Gott geniesse die zwölf Sekunden Stille, bevor das Personal wieder beginnt anzukämpfen, gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik …
„An den ehrbaren Menschen stoßen mich eine Menge Dinge ab; und seid gewiß, es sind nicht nur die bösen.“ [Friedrich Nietzsche]

Donnerstag, August 25, 2005

Das Mass der Unordnung

Folgen wir dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, dann nimmt die Entropie, das Mass der Unordnung eines abgeschlossenen Systems, stets zu und damit seine Ordnung ab. Eine vorübergehende Zunahme der Ordnung ist prinzipiell nicht ausgeschlossen, aber ohne Energiezufuhr je nach Grösse mehr oder weniger unwahrscheinlich.

Ich schreibe dies nur um allen Umstehenden zu zeigen, dass die Entwicklung des Zimmers das ich derzeit bewohne seinen gewohnten und völlig natürlichen Gang geht. Interventionen von Seiten „des Personals“ – ich nenne alle Bediensteten in diesem Klinikum gerne und oft „das Personal“ – sind somit widernatürlich und gegen die göttliche Ordnung. Insbesondere wenn es sechs Uhr morgens ist. Ich habe ja prinzipiell gar nichts gegen das geweckt werden, aber sie lassen mich dann nicht aufstehen und das ist hinterhältig: wecken und liegenlasssen und ich muss auch noch zusehen, wie „das Personal“ verzweifelt gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik täglich anrennt.

Das grenzt an Folter, ich formuliere schon mal die Klage gegen den dümmlichen Assistenzarzt vor dem Europäischen Gerichtshof ...

Mittwoch, August 24, 2005

mehr Fehler machen ...

„Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen. Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin. Ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.“
Jorge Luis Borges wäre heute 106 Jahre alt geworden. 1899 als Sohn einer wohlhabenden Familie in Buenos Aires geboren, nannte ihn sein Landsmann Ernesto Sábato „den Magier“.

Lob des Schattens

Das Alter (so nennen es die anderen)
ist vielleicht die Zeit unserer Glückseligkeit.
Das Tier ist gestorben oder fast gestorben.
Ich lebe unter lichten und vagen Formen,
die noch nicht die Dunkelheit sind.
Buenos Aires,
das sich früher bis zur endlosen Ebene
in Vorstädte aufspaltete,
ist nun wieder Recoleta, Retiro,
die unscharfen Straßen des Elften
und die baufälligen alten Häuser
dessen, was wir immer noch den Süden nennen.
In meinem Leben waren immer zu viele Dinge;
Demokritos von Abdera riß sich die Augen aus, um zu denken;
die Zeit war mein Demokritos.
Dieses Halbdunkel ist gemächlich und tut nicht weh;
es fließt einen sanften Abhang hinab
und gleicht der Ewigkeit.
Meine Freunde habe keine Gesichter,
die Frauen sind so, wie sie vor Jahren waren,
die Ecken sind vielleicht andere,
auf den Seiten der Bücher sind keine Buchstaben mehr vorhanden.
All dies sollte mich erschrecken,
doch ist es eher eine Süße, eine Rückkehr.
Von den Generationen von Texten, die es auf der Erde gibt,
werde ich nur einige wenige gelesen haben,
die, welche ich weiter in der Erinnerung lese,
lese und verwandle.
Vom Süden, vom Osten, vom Westen, vom Norden kommend,
treffen die Wege zusammen, die mich
zu meiner geheimen Mitte geführt haben.
Diese Wege waren Echos und Schritte,
Frauen, Männer, Qualen, Auferstehungen,
Tage und Nächte,
Halbträume und Träume,
jeder geringste Augenblick von gestern
und vom Gestern der Welt,
das feste Schwert des Dänischen und der Mond des Persischen,
die Handlungen der Toten,
die geteilte Liebe, die Worte,
Emerson und der Schnee und so viele Dinge.
Jetzt kann ich sie vergessen. Ich nähere mich meiner Mitte,
meiner Algebra und meinem Schlüssel,
meinem Spiegel.
Bald werde ich wissen, wer ich bin.

[Jorge Luis Borges, Elogio de la sombra, 1969, Übersetzung Johannes Beilharz]

Dienstag, August 23, 2005

Das hat man davon ...

dass jeder hergelaufene Assistenzarzt weiss, wie ein UMTS-Modem aussieht und was es tut! Jetzt nimmt ers gleich mit und ich bin

offline bis Montag …

Montag, August 22, 2005

Schöne Schippe

Geschenkt

Schöne Schippe.
Nich, findste auch?
Wo hast n die her?
Geburtztach.
Is ne Gebrauchsanweisung mit bei?
Wofür n das?
Na, wo willst n buddeln mit der?
Vielleicht auf m Hof.
Is Spieln verboten.
Geh ich auffe Wiese im Park.
Darfste nich rauf.
Denn im Sandkasten eben.
Biste zu groß für.
Denn auf m Sportplatz.
Biste in n Verein?
Schipp ich eben die Hundeknödel weg vonne Straße.
Haste da ne Arbeitsbewilligung für?
Mensch, aber ich hab se doch nu mal, die Schippe!
Das isses ja, das Problem.

[Wolfdietrich Schnurre, Ich frag ja bloß, 1973]
„Man staunt über die Exaktheit und Kälte, mit der hier eine Welt demonstriert wird, die man immer zu kennen glaubte und von der man doch jetzt erst weiß: so also ist sie in Wirklichkeit. Ganz unpathetisch, am Rande gleichsam, in der Beschreibung eines Kindes, gewinnen die Züge der Großstadt an Profil. (...) Gerade die Selbstverständlichkeit, mit der hier, in schroffer Gegensätzlichkeit, Elemente aus verschiedensten Bereichen wertungslos nebeneinander gestellt werden, gibt den Erzählungen eine aggressive Treffsicherheit.“
So Walter Jens über Wolfdietrich Schnurre, der am 22. August 1920 in Frankfurt am Main geboren wurde. Karl Krolow spricht in seiner „Laudatio auf Wolfdietrich Schnurre“ anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises 1983 davon, dass es in Schnurres Leben „Herausforderungen (gab), die Tod und Krankheit, Leiden und Sorgen und langsame Genesung hießen" und er ein insgesamt schwierig zu bewältigendes Leben hatte. Schnurre war einer der vielseitigsten und unbequemsten deutschen Nachkriegsautoren.

Gedenken

Finger, gemacht,
um Tautropfen
zu modellieren.
Wo schläft dein Schatten?
Ich lege mich zu ihm.

[Wolfdietrich Schnurre, Kassiber und neue Gedichte, 1979]

Sonntag, August 21, 2005

Hugo Pratt

„Pratt est vite devenu un personnage culte. Il y a une vingtaine d'années, ce chercheur sérieux, rigoureux, pétri de formule mathématiques et de références kantiennes qu'est Jean Petitot était venu faire une conférence à Bologne et j'avais mentionné par hasard que Pratt se trouvait dans un hôtel du centre. Son visage s'était illuminé : pouvait-il rencontrer le grand Pratt ? Un peu comme s'il s'agissait de Corto Maltese en personne …” [Umberto Eco, 1995]
Bis zum 2. Oktober sollten Sie den Palazzo Squarcialupi in der Santa Maria della Scala in Siena aber doch noch besuchen, dann endet die Ausstellung „Periplo Immaginario“ von Hugo Pratt. Ugo Eugenio Pratt alias Hugo Pratt starb am 21. August 1995 in Lausanne.

Einsamer nie

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde - im Gelände
die roten und die goldenen Brände
doch wo ist deiner Gärten Lust?

Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?

Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge-:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist

[Gottfried Benn]

Samstag, August 20, 2005

Du kanst nicht gewinnen

Damals, in meinen besten Jahren als ich ein Kind war, wurde jedes Lagerfeuer mit 8 Takte {A}, 4 Takte {D}, 4 Takte {A}, 2 Takte {D} und 2 Takte {E} bespielt. Die älteren Pseudogitarrenspieler unter uns werden jetzt bedenklich mit dem müde gewordenen, mit schütterem Haar bedeckten, verbeamteten Haupt zustimmen: Nur der „Paul Panzers Blues“ macht mit minimalem Einsatz dermassen was her:
„Komm ich abends nach Hause zu meiner Braut.
Bißchen was zu fressen, hab ich bei Karstadt geklaut.
Und ich sag zu ihr: "Puppe, ich bin heut so geil."
Und sie sagt: "Macht nix, Junge, schalt den Fernseher ein!"
Dann bin ich echt fertig und was ich steh'n hab, laß ich stehn.
Den Abend, den kannst mich nur noch in einer Kneipe rumhängen seh'n …“
[Keine Macht für niemand, 1972]
Mitleidserrengendstes Scheitern war mir dagegen vorprogrammiert bei „Alles verändert sich“:
{G} Doch du {Em} kannst nicht {Esus7} ge- {A} winnen, {F} solange {C} du {G} allein bist!
[Warum geht es mir so dreckig, 1971]
Unter uns: Bis dahin wusste ich noch nicht einmal von der Existenz eines Griffes „{Esus7}“ und die Tatsache, dass er genau eine Silbe lang gespielt werden sollte, führte zum vorprogrammierten Scheitern: Wie hab ich es gehasst dieses „{Em} kannst nicht {Esus7} ge- {A} winnen“ das andere so nebenbei spielten während sie mit Inbrunst sangen. Von wegen „Alles verändert sich, wenn du es veränderst.“ Die Strophen gingen tadellos mit {Hm}, {D}, {G}, {C} und {G} runterzunudeln wie flüssiger Asphalt im Hochsommer:
„Ein Baum kann nicht blühen, wenn keine Sonne scheint.
Und es gibt keinen Fluß, wenn's kein Regen fällt.
Und es gibt keine Wahrheit, wenn wir sie nicht suchen.
Und es gibt keine Freiheit, wenn wir sie nicht nehmen.“
Aber schon bei „wenn wir sie nicht nehmen“ dachte ich bereits an „{Em} kannst nicht {Esus7} ge- {A}“ und alles war vorbei … Geht doch auch anders. Nehmen wir nur mal:
„Doch ich {Am} will diesen Weg zu {G} Ende geh'n,
und ich {Am} weiß, wir werden die Sonne {F} seh'n!
Wenn die {C} Nacht am tiefsten {A} ist, ist der Tag am {H} nächsten.“
[Wenn die Nacht am tiefsten, 1975]
Jede Menge Zeit auch für mich meine Wurstfinger umzuplazieren, hat superguten Eindruck gemacht, aber dann kam gleich wieder „{Em} kannst nicht {Esus7} ge- {A} winnen“ und ich habe mich weggesoffen vor Ärger.

Aber wem erzähle ich das: Am 20. August 1996 starb Ralph Christian Möbius alias Rio Reiser in Fresenhagen, Nordfriesland nach einem Herz-Kreislauf-Kollaps in Verbindung mit inneren Blutungen (alle Liedtexte hier).

Pèrdimi, Signore, ché non oda

Salvatore Quasimodo wurde am 20. August 1901 in Syrakus auf Sizilien geboren. 1959 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen „für seine lyrische Dichtung, die mit klassischem Feuer das tragische Lebensgefühl der Gegenwart ausdrückt“ - nunja, trotzdem lesenswert!

Curva minore

Pèrdimi, Signore, ché non oda
gli anni sommersi taciti spogliarmi,
sí che congi la pena in moto aperto:
carva minore
del vivere m'avanza.
E fammi vento che naviga felice,
o seme d'orzo o lebbra
che sé esprima in pieno divenire.
E sia facile amarti
in erba che accima alla luce,
in piaga che buca la carne.
Io tento una vita:
ognuno si scalza e vacilla
in ricerca.
Ancora mi lasci: son solo
nell'ombra che in sere si spande,
né valico s'apre al dolce
sfociare del sangue.

Der kürzere Bogen

Laß mich, oh Herr, daß ich nicht höre,
versunkene Jahre schweigend mich entblößen,
daß alle Pein in freien Fluß sich wandelt:
der kürzere Bogen
des Lebens verbleibt mir.
Mach mich zu Wind, der selig weht,
zu Gerstensamen oder Aussatz,
der sich in vollem Werden zeigt.
Und sei es leicht, dich zu lieben
als Pflanze, die ihrem Licht entgegenwächst,
als Wunde, die das Fleisch zerfrißt.
Ich versuche ein Leben:
ein jeder wankt ermattend
auf der Suche.
Du verläßt mich wieder: allein bin ich
im Schatten, der zum Abend sich weitet,
und keine Pforte öffnet sich dem süßen
Verströmen des Blutes.

[Salvatore Quasimodo, Das Leben ist kein Traum, Übersetzung von Gianni Selvani, 1987]

Freitag, August 19, 2005

On parlera de sa gloire

Pierre-Jean de Béranger, bedeutender Lyriker im 19. Jahrhundert, wurde am 19. April 1780 in Paris geboren.

Les Souvenirs du peuple - on parlera de sa gloire

Sous le chaume bien longtemps.
L'humble toit, dans cinquante ans,
Ne connaîtra plus d'autre histoire.
Là viendront les villageois
Dire alors à quelque vieille:
`Par des récits d'autrefois,
Mère, abrégez notre veille.
Bien, dit-on, qu'il nous ait nui,
Le peuple encor le révère,
Oui, le révère;
Parlez-nous de lui, grand'mère,
Parlez-nous de lui.'
`Mes enfants, dans ce village,
Suivi de rois, il passa;
Voilà bien longtemps de ça:
Je venais d'entrer en ménage.
A pied grimpant le coteau
Où pour voir je m'étais mise,
Il avait petit chapeau
Avec redingote grise.
Près de lui je me troublai:
Il me dit: Bonjour, ma chère,
Bonjour, ma chère.
--Il vous a parlé, grand'mère!
Il vous a parlé!
`L'an d'après, moi, pauvre femme,
A Paris étant un jour,
Je le vis avec sa cour:
Il se rendait à Notre-Dame.
Tous les coeurs étaient contents;
On admirait son cortège.
Chacun disait: Quel beau temps!
Le ciel toujours le protège.
Son sourire était bien doux;
D'un fils Dieu le rendait père,
Le rendait père.
--Quel beau jour pour vous, grand'mère!
Quel beau jour pour vous!
`Mais quand la pauvre Champagne
Fut en proie aux étrangers,
Lui, bravant tous les dangers,
Semblait seul tenir la campagne.
Un soir, tout comme aujourd'hui,
J'entends frapper à ma porte;
J'ouvre; bon Dieu! c'était lui
Suivi d'une faible escorte.
Il s'asseoit où me voilà,
S'écriant: Oh! quelle guerre!
Oh! quelle guerre!
--Il s'est assis là, grand'mère!
Il s'est assis là!
`J'ai faim, dit-il; et bien vite
Je sers piquette et pain bis;
Puis il sèche ses habits,
Même à dormir le feu l'invite.
Au réveil, voyant mes pleurs,
Il me dit: "Bonne espérance!
Je cours de tous ses malheurs,
Sous Paris, venger la France."
Il part; et comme un trésor
J'ai depuis gardé son verre,
Gardé son verre.
--Vous l'avez encor, grand'mère
Vous l'avez encor!
`Le voici. Mais à sa perte
Le hèros fut entraîné.
Lui, qu'un pape a couronné,
Est mort dans une île déserte.
Longtemps aucun ne l'a cru;
On disait: Il va paraître.
Par mer il est accouru;
L'étranger va voir son maître.
Quand d'erreur on nous tira,
Ma douleur fut bien amère,
Fut bien amère.
--Dieu vous bénira, grand'mère,
Dieu vous bénira!'

[...]

Vermischtes

„Ich kann wieder Laufen“ freute sich am Ufer die 83jährige Weltjugendliche Ursula während der Rheinfahrt des Papstes, warf ihre Gehilfe beiseite und ertrank in den Fluten. Die Heiligsprechung folgte auf dem Fusse. Der Rhein hat seitdem den Titel „heiligster Fluss aller Christenheit“.

Wegen Gründung einer religiösen Vereinigung sprach der Schnellrichter heute morgen fünf Ukrainer schuldig, die dem Messwein-Lastwagen aufgelauert hatten. Der Hauptangeklagte zeigte Reue nach dem Urteilsspruch: „Wir wollten uns nur von unseren Visa-Sünden reinigen.“

Die Menschenmenge geriet in Kaufpanik und die resultierende Stampede riss ihn nieder: Kondomverkäufer Peter A. verschied auf der Domplatte bei dem Versuch, als Kaugummi getarnte Kondome mit der Geschmacksnote „Nürnberger Würschtel mit Sauerkraut“ zu verkaufen.

Zur Erleichterung der Kommunikation tragen seit heute Priester, die Kontakt mit männlichen Messdienern unter 12 Jahren suchen, ein blaues Armband.

Die deutsche Inquisition weist daraufhin, dass farbige Ablassbriefe, die in Bonner Strassenbahnen erworben wurden, eine Fälschung seien. Der echte Ablassbrief sei schwarz/weiss, am deutlich überhöhten Preis zu erkennen und für Minderjährige nur bei Priestern mit blauem Armband zu erhalten.

Als Priesterinnen verkleideten sich vier Bankräuber bei ihrem Überfall auf die Bank Deutschsüdwest am Apellhofplatz. Die katholisch geschulte Schalterbeamte vereitelte den Überfall indem Sie die vermeintlichen Laienpredigerinnen aufforderte die zweite Strophe von „Herr Jesu meine Zuversicht“ zu singen. Der anwesende Vertreter des Sicherheitsdienst zeigte sich exzellent geschult und betete währenddessen fehlerfrei den Rosenkranz.

Die Deutsche Bahn bittet die Pilger darum, die Dornenkronen während der Fahrt abzusetzen. „Hierdurch“ so der Sprecher der DB AG, „bleibt das ein oder andere Auge trocken“.

Pilger, die gestern die Landebahn des Köln/Bonner Flughafen küssten, verursachten eine Verzögerung des Flugbetriebs um bis zu drei Stunden.

Der letzte bekennende Atheist Bonns wurde gestern unter mysteriösen Umständen im Rhein ertränkt. „Plötzlich,“ so ein Pilger aus Italien, „öffnete sich der Himmel und der Zeigefinger Gottes schnibste den Heiden in den heiligen Fluss“. Die ermittelnde Guardia Vaticano hält den Hergang für plausibel und bittet Gott um ein Zeichen. Die Adenauer-Brücke ist zwischenzeitlich unter dem Ansturm der Wallfahrer zusammengebrochen.

„Wir wollen nur gastfreundlich sein“ erklärte der Finanzvorstand der Metro AG „und womöglich braucht ein Pilger mal ein neues Pilgerhemd“. Die Filialen der Handelskette bleiben auch weiterhin bis 23 Uhr geöffnet.

Verbraucherministerin Renate K. warnt vor dem Verzehr von in Bonner Strassenbahnen gekauftem „heiligen Wasser“. Es handle sich hierbei um Rheinwasser entnommen auf der Höhe von Wesseling. Übermässiger Genuss dieses deutschen Qualitätsprodukts führe direkt ins Himmelreich, daher sei wegen des Verdachts von Dumpingpreisen ein Verfahren eingeleitet worden.

In einer Pressekonferenz stellte die Geheimloge des Ewigen Friedens ein Fahndungsplakat von Buster vor. „Die Rasterfahndung ist eingeleitet“ so der Pressesprecher. Die Belohnung wurde auf ewigen Frieden und zehn Jungfrauen erhöht. Sachdienliche Hinweise nimmt jeder Priester mit blauem Armband entgegen.

Zwischenzeitlich haben mehr als 50% der Kölner Bewohner um religiöses Asyl in den Moscheen der Domstadt gebeten. Konvertiten wurden gewarnt, dass sie statt Karneval nun der Ramadan erwarte ... „immer noch besser als Kirchenlieder hören oder Altbier trinken müssen“ war die häufigste Antwort.

Donnerstag, August 18, 2005

Servicewüste Deutschland

Was würden Sie sich denken, wenn der Fleischermeister Ihres Vertrauens Ihnen nahe legt, es einmal mit vegetarischer Ernährung zu versuchen? Was halten Sie davon, wenn Ihr Stromversorger besorgt anfragt, ob Sie sich vorstellen könnten, Ihr Essen auf einem Lagerfeuer zuzubereiten? Wie reagieren Sie, wenn Ihr Lieblings-Friseur versucht Sie zu überzeugen, dass der Selbstschnitt derzeit unglaublich trendy ist? Sie meinen, ich bin ins Genre des Science Fiction abgedriftet? Nicht ganz: Die Kölner Verkehrsbetriebe haben gestern den Pilgern empfohlen, zur Fortbewegung doch bitte nicht Strassenbahnen, U-Bahnen, Busse, S-Bahnen und dergleichen zu benutzen und vorwurfsvoll gefragt, wozu Ihnen Gott wohl zwei Beine mit auf den dornigen Lebensweg gegeben habe ...

Fast hätte es geklappt, fast wäre die Stadt in der ich derzeit wohne, unsagbar reich geworden. Leider nur fast. Wer konnte auch ahnen, dass zu einem Weltjugendtag auch Menschen kommen, die nicht der Deutschen Sprache mächtig sind? Eben, eben: Das konnte ja nun wirklich keiner ahnen. Es kommt wie es kommen muss: Alle „Servicekräfte“ meiden den Tisch, sobald nur klar ist, dass dort Kunden sitzen, die nichts mit der deutschen Speisekarte anfangen können . Unschön leider: Das sind rund 80% aller zu Bewirtenden und diese Gäste verdursten und müssen im Keller verscharrt werden, bevor der Bonner Lokalreporter mit dem schütteren Haar Wind davon bekommt. Die Keller füllen sich ...

Sicher: Hilfe ist die erste ChristenMenschenpflicht und allen, die um Übersetzungshilfe bitten, empfehle ich das Wildschwein nach Eifeler Art mit Pfifferlingen. Ersten muss das weg und zweitens kostet das am Meisten ... aber ich kann ja nicht überall sein schliesslich bin ich auch noch Fotomodell, wenn ich ....

... Schwabe, ein bayrisches Bier zu einem Schweizer Wurstsalat verzehrend, John Updike lesend, von mehr als einem Dutzend Pilger als Rheinländischer Aboriginee fotografiert werde. Alles ganz nette Mitmenschen, diese Pilger, die überwiegend so freundlich fragen, dass ich nur noch böse brummend in Russisch antworte, ein echter Menschenfeind eben ... Irgendwie fehlt mir die besoffene kaufkräftige Fussballrandale: „Kriegs gleich eine inne Fresse Allda“ klingt doch gleich irgendwie handfester als „kumbaja Mylord, kumbaja“.

Mittwoch, August 17, 2005

Kohm-Peh-Denz

„Wenn ich die Folgen meiner eigenen Handlungen gar nicht erst zur Kenntnis nehme, so bleibt mir die 'Kompetenzillusion'.“[Dietrich Dörner, Die Logik des Misslingens, 1989]
"Kompetenz" bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, bestimmte Aufgaben selbständig durchzuführen. In der Politik gibt es meist mehr Kompetenzen zu verteilen als es Kompetente gibt. Das war in der Vergangenheit nicht immer augenfällig, aber seit es en vogue geworden ist, ständig mit irgendwelchen Kompetenzteams herum zu STOIBERN, MERKELt es halt jeder ...

Westfälischer Frieden ...

Hatten wir nicht alle gehofft, dass mit dem Westfälischen Frieden, der Einfluss der Religion auf die Politik und das Gemeinwesen zurückgedrängt würde?

Ach was, jezz iss peace hier und kein sudanesisches Kind wird es wagen an Hunger zu sterben angesichts dieser Dichte an Gitarrengesangskreisen und Tanzgruppen ....
„Täglich lauf ich durch die Stadt und seh fast überall nur Heiden
Wenn ich richtig ehrlich bin, ich kann das Pack nicht leiden
Sie lügen und betrügen, doch sie werden dafür zahlen
Denn die Hölle wartet schon mit endlosen Qualen
...“ [Jesus Skins, Unser Kreuz braucht keine Haken]
Das geht direkt ins Kleinhirn ...

Es begann schon bevor es war

Carlos Drummond de Andrade, einer der bedeutendsten brasilianischen Lyriker, starb am 17. August 1987 in Rio de Janeiro.

Dauer

Jetzt erinnere ich mich an einen, vorher erinnerte ich mich an einen anderen.
Ein Tag wird kommen, da keiner erinnert sein wird.
Dann werden sie im gleichen Vergessen verschmelzen.
Von neuem das Fleisch vereint, und die Hochzeit
Feiert sich allein, wie gestern und immer.
Denn ewig ist die Liebe, die eint und trennt, und ewig das Ende
(Es begann schon bevor es war), und wir sind ewig,
Zerbrechlich, nebelhaft, stammelnd, gescheitert: ewig.
Und das Vergessen noch ist Erinnerung, und Lagunen von Schlaf
Versiegeln in ihrer Schwärze was wir einst liebten und waren
Oder niemals waren, und dennoch brennt es in uns
Nach Art der Flamme die schlummert im Brennholz des Schuppens.
[...]

Dienstag, August 16, 2005

Buster tut Gutes

Krutzitürken ist das heute wieder ein Gebrösel das mir vom Kopf rieselt. Das mit der Milch klappt ja noch leidlich, aber der Zucker ist noch immer das Problem beim Frühstücksduschen (ich berichtete). Aber so ist das halt mit dem technischen Fortschritt, der mag zwar am Anfang etwas holprig daherkommen – früher musste vor jedem Automobil ein Mensch mit einer Laterne laufen, um die Passanten vor der herannahenden Gefahr zu warnen – aber er kommt gewiss. An Shampoos mit Nikotin und Alkohol wird in den Labors sicher schon experimentiert. Die Eckkneipe hat bald ausgedient, die modrige Vorstadt-Badeanstalt erlebt eine Renaissance. Dauer-Warmduscher sind die Spezies der Zukunft.

Unter technischem Fortschritt versteht man ja gemeinhin eine Verbesserung der technischen Ausgangslage einer Volkswirtschaft oder die Gesamtheit aller technischen Innovationen einer Kultur. Neben der quantitativen Verbesserung des Input-Output-Verhältnisses gilt es natürlich auch qualitative Verbesserungen wie neue Erzeugnisse zu berücksichtigen.

Was als eine „Verbesserung“ jenseits volkswirtschaftlicher Modellrechnungen bewertet werden kann, ist freilich nicht zuletzt auch eine Frage der Perspektive: Für die Einen ist es Klopapier, für die anderen die wahrscheinlich längste Serviette der Welt. Meine Haltung zum Ablasswesen, zum Beispiel, hat sich völlig verändert: Ich verkaufe zwischenzeitlich äusserst erfolgreich in den Bonner Strassenbahnen Ablassbriefe an die fröhliche Schar der katholischen Weltjugendlichen.

Der kleine Ablass (B4 s/w) geht weg wie Alkopops vor der Einführung der Kindersaufsteuer und ist für Jugendliche mit überschaubarem Taschengeld der ideale Ablass für zwischendurch. Hilft bei kleineren Sünden wie Handtaschenraub, Heroinhandel und Schusswaffengebrauch auf dem Schulhof. Mit dem Ablass für alle Gelegenheiten (A4 Farbe) können sich Besserverdienendebezahlte Kinderchen gegen alle Sünden absichern: Stolz, Eitelkeit, Hochmut, Arroganz, Geiz, Habsucht, Neid, Missgunst, Eifersucht, Zorn, Wut, Wollust, Unkeuschheit, Gefräßigkeit, Völlerei, Unmäßigkeit, Maßlosigkeit, Faulheit, Trägheit … alles möglich, alles wird vergeben..

Seit heute habe ich zusätzlich noch „Gott ist allmächtig“ im Angebot: A2 in Farbe. Die Universal- Gruppenkarte für bis zu zehn Sünder die jede Art von Sünden vergibt, auch die noch zu Begehenden. Nicht ganz billig, aber wenn es gilt, eine Ewigkeit im Fegefeuer zu verhütenhindern, sollte Geld doch nebensächlich werden. Im übrigen diversifiziere ich weiter: Ab morgen führe ich auch Blitztaufen in der Strassenbahn durch: Für 9,99 € gehts schnustracks ab ins Himmelreich ... Herrschaftszeiten ist das eine Gaudi hier … we shall overcohohome …

85 Jahre Bukowski

"Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel."
Henry Charles Bukowski jr. wurde am 16. August 1920 in Andernach am Rhein geboren.

Und ausserdem ist die Miete zu hoch

Kleine Bestien sitzen im Salzstreuer
Flugzeuge schwirren in der Kaffeekanne
die Hand meiner Mutter klemmt
in der Handtasche, und unter allen Löffeln
gellen Folterschreie von winzigen
Lebewesen.

Im Wandschrank steht die Leiche eines
Ermordeten mit einem brandneuen grünen
Schlips um den Hals
und unter den Dielen schnappt
ein Engel mit bebenden Nasenflügeln
nach Luft.

Es fällt schwer, hier drin
zu wohnen. Sehr schwer.

Bei Nacht sind die Schatten
larvenhafte Kreaturen
Spinnen unter dem Bett
ersticken winzige weiße
Gedanken.

Die Nächte sind schlimm
die Nächte sind sehr schlimm
ich trinke bis zum Umfallen
ich betäube mich, um
schlafen zu können.

Am Morgen, beim Frühstück
sehe ich wie sie auf der Straße
die Leichen wegschaffen
(in der Zeitung steht davon
nie ein Wort).

Und überall hocken Adler -
auf dem Dach, auf dem Rasen
in meinem Wagen. Die Adler
sind alle blind und
riechen nach Schwefel.
Es ist sehr entmutigend.

Leute besuchen mich
sitzen mir auf Stühlen
gegenüber
und ich sehe sie alle
wimmeln von Ungeziefer -
grün und goldgelb
gesprenkelte Wanzen
die sie nie abklopfen.

Ich wohne schon viel zu lange hier.
Es wird Zeit, dass ich
nach Omaha verschwinde.
Es heisst, dort sei alles
wie aus Jade geschnitzt
reglos und ruhig.
Das Wasser soll so still sein
dass ein Stein darin
keine Kreise zieht;
die Olivenbäume
so hoch, dass man in ihnen
schlafen kann.
Ich frage mich, ob das
wahr ist.

Jedenfalls, hier kann ich
nicht länger bleiben.

[Charles Bukowski, Western Avenue, Gedichte 1955-1977]

Nusrat Fateh Ali Khan

Nusrat Fateh Ali Khan starb 49-jährig am 16. August 1997 in London. Dem pakistanischen Musiker attestierte das Musikmagazin Rolling Stone die „beste Stimme der Welt". Nusrat Fateh Ali Khan steht für die Verschmelzung von sechs Jahrhunderte alter Qawwali-Tradition, einem ekstatischen Sufi-Gesang, mit Elementen der modernen Musik.

Der Hörtipp des Tages kommt vom Album „Sangam“: Aafreen Aafreen.

„it is not possible to praise the beauty of beloved

praise to the
creater
praise to the creater

if you see my beloved, you will
also say

praise to the creater
praise to the creater

I never saw anyone so beautiful
body is like the images of
Ajanta
body is like a spell on eyes
body is like a song, like
perfume
body is like ecstatic music
body is like perfumed
moon-light
body is like a blooming garden
body is like the first ray of
Sun
body is like carved statue, eye-catching and arresting
like
sandalwood
like marble …"

Montag, August 15, 2005

Buster sinniert ...

Mein lieber Scholli, ich habe vielleicht pedantischeaufmerksame Leser! Bekomme ich doch prompt die Information zugemailt, dass ich nicht schreiben kann „Di 16.08. 00:35 ARD Bis ans Ende der Welt”, da der Film am Mittwoch 17.08. ganz früh morgens kommt. Die Kritik stimmt schon, ich hab die Angabe unüberlegt von der guten alten ARD übernommen die solche Zeitangaben aus der TV-Steinzeit beibehalten hat, als es noch Stunden in der Nacht gab, in denen nichts gesendet wurde und alles was bis zu diesem schwarzen gähnenden - nachgerade die Sinnfrage stellenden - Loch gesendet wurde, gehörte im Programmheft immer zum Vortag. Eine öffentlich-rechtliche Vorstellung von „Zeit“ in jedem Fall.

Glaubt Mensch der Wikipedia ist die wohl markanteste Eigenschaft der Zeit der Umstand, dass es stets eine in gewissem Sinne aktuelle und ausgezeichnete Stelle zu geben scheint, die wir die Gegenwart nennen, und die sich unaufhaltsam von der Vergangenheit in Richtung Zukunft zu bewegen scheint. Dieses Phänomen wird auch als das „Fliessen der Zeit“ bezeichnet, was sich freilich einer naturwissenschaftlichen Betrachtung entzieht. Sicher: Newton hatte die Zeit mit einem Fluss verglichen, Heraklit gleich alles, aber schon Immanuel Kant legte in der Kritik der reinen Vernunft dar, dass die Aussage, die Zeit fliesse, nur dann einen Sinn haben kann, wenn eine davon unterscheidbare Alternative denkbar ist. Die Vorstellung einer „stehenden Zeit“ führt jedoch - zumindest ausserhalb des ARD-Abendprogramms - zu einem Widerspruch, da sie nur aus der Sicht eines Beobachters denkbar ist, für den die Zeit weiterhin verstreicht, so dass der angenommene Stillstand als solcher überhaupt wahrnehmbar ist ...

Einfacher gesagt: Dass das Leben manchmal eher breit als lang ist, kennen viele aus eigener Anschauung. Das ist nicht immer einfach weil, ums mit Berti Vogts Worten zu verdeutlichen, „die Breite an der Spitze ist dichter geworden“. Alles klar? Wenn nein: Zeitphänomene sind, glaubt man den Kognitionspsychologen, noch immer schwer zu fassen für den menschlichen Geist. „Zeit ist was die Uhr anzeigt“ hilft scheinbar übersichtlich Albert Einstein aus. Andererseits wissen wir, dass Zeit relativ ist und sich bei hoher Geschwindigkeit dehnt. Bei schnellen Reisen etwa gewinnen wir Zeit. Damit wir gar nicht in die Versuchung geraten zu überlegen, was tun mit der so gewonnenen Zeit, hat der Herrgott am sechsten Tag die Deutsche Bahn und die Lufthansa geschaffen, die in der Hochliteratur später kaum kaschiert „die Zeitdiebe“ genannt werden.

Schade eigentlich, wir hätten uns mit der so gewonnen Zeit zum Beispiel unglaublich unschöne bis abgrundtief hässliche Tiefseetiere ansehen können (via Riesenmaschine) und uns darüber gefreut, dass wir doch – relativ – schön aussehen oder einem sonstigen Hobby zur Entschleunigung huldigen können wie das bloggen über Blogger, das texten über Texter oder meinswegen auch das singen über Sänger.

Aber nein! Alles von Luftbahn und Bundeshansa verplempert, vertändelt, verbummelt, vermehldornt, versackt, versuckalet, vermayrhubert, verlauert, verkleyt ... und wie zum Hohn quäkts aus den Lautsprechern auf allen Flug- und Bahnhöfen: „Wir danken für ihr Verständnis.“ Zur Entschleunigung begebe ich mich jetzt besser in eine Warteschlange der Telekom ...

Jetzt aber obacht, Edi Stoiber!

jetzt wo Sie begonnen haben Ihren Landsmann Brecht zu zitieren und auch nur wachrütteln wollen, hier noch ein paar gut gemeinte Gedankenanstösse: Wie wäre es denn mit ein paar Zitaten aus der Dreigroschenoper wo doch die Handlung um den Konkurrenz- und Existenzkampf zwischen zwei „Geschäftsleuten“ kreist: Ist doch ein schönes Bild für den Kampf ums richtige Wahlvolk, oder? An „Die Tage der Commune“ sollten Sie sich vielleicht erst im nächsten Wahlkampf trauen, das ist Ihrem Stammwähler wahrscheinlich doch noch etwas suspekt, aber wie wäre es alternativ mit „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“? Dieses Stück eignet sich insofern doppelt als dass es in der DDR nicht aufgeführt werden durfte und das Schlüsselthema „selbstverschuldete Arbeitslosigkeit“ passt doch auch gut. Und dass als Lösung der Probleme „Suppe, Musik und nette Worte“ (aus der Heilsarmee machen Sie einfach die bösen Kommunisten) nicht mehr ausreichen, lässt sich doch sicher prima in eine Wahlkampfstrategie einbinden. Tenor: Es muss schon STOIBERN, wenn sich MERKELich etwas verändern soll, guat gell Edi?

Und vielleicht zum wachrütteln ab und an statt „neue Bundesländer“ wieder mal „DDR“ sagen schadet auch nicht, die haben doch allesamt noch den Hammer und die Sichel im Kopf die DDR-Kälber die elendigen ... Also weiter so, Edi, ich such für Sie jetzt noch eine Handvoll Heinrich Heine und Karl Marx-Zitate für Sie raus fürs Rededuell mit dem Oskar – da wird der sich umschaun ...

Sonntag, August 14, 2005

Klabund war ein Tonfall, ein Lautenlied ...

„Klabund sei der letzte aus dem Geschlecht dichtender Vaganten’ gewesen und von seinem Werk werde mehr Bestand haben als von den meisten Dichtern seit Heinrich Heine. Mit diesen Worten bedachte der Kritiker Carl v. Ossietzky in der Weltbühne den jung verstorbenen Schriftsteller. Doch in den siebzig Jahren seit seinem Tod war den Versuchen einer Wiederentdeckung kein Erfolg beschieden (…) Klabund war nie ein vergessener Autor, aber die Breite seiner literarischen Tätigkeit ist kaum bekannt.“ []
Alfred Henschke, besser bekannt als Klabund, starb am 14. August 1928 in Davos. Sein Werk steht zu grossen Teilen im Projekt Gutenberg online zu Verfügung.

Sommerbetrachtung

Hier saß ich oft. An diesem grünen Strauch.
Die Rosen blühen heute röter noch.
Die Fuchsien halten ihre Farbe auch.
Es bellt am Zaun der kahle Köter noch.
Die Espe zittert, weil es ihr Beruf.
Den roten Pilz betreut der Regenwurm.
Ein Einhorn scharrt versonnen mit dem Huf.
Die Sonne steht als Frau auf einem Turm.
Der Sommer herbstelt. Im geharkten Kies
Geht an der Krücke ein geborstner Greis.
Ein Kind spielt Mutter. Und es lächelt leis,
Als ich ihm eine offne Grube wies.
Bei jedem Schritte trifft man auf ein Grab
Von Leuten, die noch längst am Leben sind.
O liebstes Herz, dem meinen Leib ich gab:
Wie wohlig weht durch mein Skelett der Wind!
„Ich liebte seine Chansons, seine originellen Kurzromane, die im Grunde lange Gedichte in Prosa waren oder lyrische Essays. […] Klabund war ein Tonfall, ein Lautenlied, gesungen in einer sternklaren Nacht von einem Sterbenden, dessen Tage gezählt waren.“
[Hans Sahl über Klabund in den „Memoiren eines Moralisten“]

60 Jahre Wim Wenders ...

Glückwunsch zum Sechzigsten: Ernst Wilhelm - Wim - Wenders wurde am 14. August 1945 in - ausgerechnet - Düsseldorf geboren. Ihm zu Ehren strahlt ARTE ab dem 15. August eine fünfteilige Reihe seiner frühen Werke aus. Die ARD kontert mit sechs Filmen wobei „Der amerikanische Freund“ bereits ausgestrahlt ist. Natürlich ist die ARD nicht abgestimmt mit arte und wie immer dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag verpflichtet der davon ausgeht, dass, wer solche Filme ansieht, sicher nicht einer geregelten Arbeit nachgeht: Vor 0:35 Uhr fängt kein Film an … wie gehabt. Aber ich will heute mal gnädig sein: Vielleicht ist die Begründung ja auch: Wer solche Filme ansieht, kann sogar Video- bzw. DVD-Rekorder bedienen.

Ein Phänomen freilich bleibt, dass Wim Wenders in anderen Ländern wesentlich erfolgreicher ist als in Deutschland. Michel Ciment hierzu:
„In Frankreich betrachtet man Filme weder als reine Unterhaltung noch als sozialpolitisches Statement. Man sieht sie eher als Kunstform an und in der hat Wim Wenders eine sehr persönliche Ausdrucksform gefunden. Es spielt wohl auch eine Rolle, dass er mit seinen Vorlieben - seinem ausgeprägten theoretischen Interesse am Medium Film, seiner Nähe zur Kritik, seiner Liebe zum amerikanischen Kino und zur Musik - nahe bei den Vorlieben der Regisseure der Nouvelle vague liegt.“
Und hier die ultimative Übersicht:

Mo, 15.08. 20:50 arte Der Himmel über Berlin

Di 16.08. 00:35 ARD Bis ans Ende der Welt

Mi, 17.08. 23:00 arte Alice in den Städten
„Filme altern ja unterschiedlich als Menschen. Einige waren jung geblieben, andere mehr gealtert als ich. Manchmal habe ich die Filme echt 20 Jahre lang nicht mehr gesehen und mich dann nur gefragt: Wie hast Du das damals bloß gemacht? Heute würde ich so einen Film wie Alice in den Städten nicht mehr hinkriegen. Erfahrungen machen und Lernen hat auch seine Nachteile ...“ [Wim Wenders]
Mo, 22.08. 20:50 arte Der amerikanische Freund

Mi, 24.08. 22:50 arte Im Lauf der Zeit

Mi 24.08. 00:35 ARD Hammett

Mi 31.08 22.40 arte Der Stand der Dinge

Mi 31.08. 00.50 ARD In weiter Ferne, so nah!

Mi 07.09. 01.05 ARD Jenseits der Wolken

Mi 14.09. 01.05 ARD Am Ende der Gewalt
„Die „Nische“ der analogen Technik ist immer noch die überlegene Bildauflösung und die größere und emotionellere Informationsdichte. Noch ist das „Digitale Kino“ ja noch nicht wirklich angekommen, noch fehlen ja weitgehend die digitalen Projektoren. Die herkömmlichen Filmprojektoren sind ja in der Tat die letzten Überbleibsel alter photomechanischer Techniken. Wo gibt es denn noch Schreibmaschinen statt Computer!? Nur im Kino... Ich denke, das herkömmliche analoge Kino kann noch eine Weile mithalten. Und eine Kopie in 70mm werden Sie auch noch in 20 Jahren mit großem AH! anschauen.“ [Wim Wenders]

Samstag, August 13, 2005

Alte Wörter

Ich reich dir vom Fuß bis an den Scheitel
Langgestreckt meine Taille; was ich sage
Vermessen: «immer» und «nie» und «niemals».
Die abgedroschenen süßen Sätze!
Von denen ich nach Nimmermehr schau

[Sarah Kirsch]

Buster mit links

"Internationale Linkshändertag" heute ... seien Sie nett zu Linkshändern und wenn einer auf Sie zukommt, immer dran denken: Der will doch nur spielen Sie nur wachrütteln, Sie überwiegend proletarisert-frustrierter zweite Wahl-Wähler Sie!

Freitag, August 12, 2005

Buster schreibt einen Brief

„Der Arztberuf genießt in Deutschland seit langer Zeit ganz besonderes Ansehen. Seit den 60er Jahren, als das Institut für Demoskopie Allensbach an Hand einer Liste zum ersten Mal das Image verschiedener Berufe untersuchte, hat sich daran nie etwas geändert. 71 Prozent der Bevölkerung rechnen den Beruf des Arztes zu jenen Berufen, die sie am meisten schätzen.“
[Institut für Demoskopie Allensbach]
Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Dr. h.c. Elisabeth Noelle,
Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Renate Köcher,

Ich habe da eine Frage, die will mich nicht mehr loslassen, jetzt muss ich aber doch noch mal zu der „Allensbacher Berufsprestige-Skala 2005“ nachfragen: Wie kann es denn sein, dass ein Berufsstand mit schlafwandlerischer Sicherheit jedes Mal auf dem ersten Platz liegt wenn es um „Ansehen“ geht, von dem alle eigentlich wissen, dass über 50% zum eigenen Vorteil die Krankenkassen durch Phantasieabrechnungen übervorteilen, die durch Fehlbehandlungen, die leichtfertig „Kunstfehler“ genannt werden, jährlich mehr Menschen niederstrecken als der 30-jährige Krieg während seiner gesamten Dauer, die unfähig sind, fünf verständliche Sätze zu sprechen und ansonsten nur die Medikamente der Firma verschreiben zu deren Vorstellung sie grade kostenlos nach Ägypten eingeladen wurde. Also jetzt raus mit der Sprache: Wie viel zahlt Ihnen der Hartmannbund jährlich damit Sie diese Fälschung – die nur noch mit den Wahlen in der „DDR“ verglichen werden kann – veröffentlichen?

Oder tue ich Ihnen am Ende Unrecht und sie haben lediglich alle methodischen Fehler gemacht, die möglich sind? Haben die Befragten mal wieder Meinung und Verhalten, oder Feuerwehrmann und Arzt verwechselt? Wurde durch Verhalten des Interviewers oder durch suggestive Fragestellungen die Antworten nachgerade provoziert? Tatsächliche entdecke ich in der dritten Mülltonne von links in der Radolfzeller Straße 8 in 78472 Allensbach ein Regendurchweichtes Formular mit der Frage:
„Albert Schweizer war Arzt, Mutter Theresa war Arzt, Mahatma Ghandi war Arzt, der Papst hat sich für ein Fernstudium der Medizin an der Uni Hagen eingeschrieben ... denken Sie nicht auch, dass Ärzte ein Ansehen von 71 haben sollten?“
Methodisch nicht ganz sauber jedenfalls, aber das macht sowieso nichts, weil wir doch alle wissen, dass die oft in prekären Arbeitsverhältnissen arbeitenden Interviewer die Fragebögen selbst ausfüllen, um Zeit zu sparen – schliesslich haben die auch besseres zu tun, als irgendeinen vermeintlich repäsentativen Querschnitt tagelang zu behelligen. Und da so jedes Jahr die gleichen Fragebögen erneut abgeschrieben werden, kommt halt immer das Gleiche raus. Also sorry, verehrte Frau Prof. Dr. Dr. h.c. Elisabeth Noelle und verehrte Frau Prof. Dr. Renate Köcher, das mit der Bestechung nehme ich zurück ... war nicht so gemeint ... echt jezz.

Donnerstag, August 11, 2005

dat darfse nit verjesse Konrad

Zwischen zwei Beichten habe ich in meiner täglichen Onlinerecherche festgestellt, dass ein Pfarrer im Osten bei 25, im Westen bei 36 liegt. Verglichen mit einem Gewerkschaftsführer der es im Osten auf 4 und im Westen auf 5 bringt ein recht ordentlicher Wert. Aber wo liegt ein Kardinal oder gar das Papst? Allensbach ich muss Dir tadeln, dass dich so gar nix traust: Jetzt bleiben wieder Lücken! Ins Fegefeuer mit dir, liegst sowieso verdächtig nah bei dem Ufer der Schweizer!

Um meinen echten Kumpel Meisi mache ich mir aber jetzt richtig Sorgen: Der Ratzi, Bene, also der Pontifex maximus war so richtig grantig, dass es in der Kölner Erzdiözese Heiden und Satansbraten gibt und vor allem, dass die einen Heidenlärm machen und dabei einen Heidenspass erleben wollen, wie bereits hier parteinehmend-verklärend propagiert. Mitten in die Mega-Youngster-Glaubenskongrega-Dingsbums hinein machen die so was, echte Heiden halt. Und der Joachim, also der Kardinal hat also deswegen schon einen superfetten vatikanischen Rüffel erster Klasse erhalten und die Degradierung zum Kaplan, Katasteramtsvorsteher oder Klosterbruder ist schon so gut wie sicher, wenn er das Heidenvolk nicht blitzschnell bis zur Eröffnung des katholischsten aller Mega-Events zum rechten Glauben bekehrt und ausnahmslos durchs antike Taufbecken unter dem Bahnhof gezogen hat.

Bis dahin ist "Sicherheit" in Köln das meist gebrauchte Wort: Sämtliche Gullydeckel der Rheinmetropole wurden zugeschweißt als gelte es, den Teufel persönlich auszuladen. Innendienst-Polizeibeamte lernen derzeit die Abfallbehälter und den Unrat auf den Gehwegen in den Klüngelgassen der Domstadt investigativ zu examinieren. Auch die Schweizer Garde wird in den nächsten Tagen erwartet, was freilich nicht ungefährlich ist in einer Stadt, die die meiste Zeit des Jahres in karnevalesken Tumulten der fünften Jahreszeit verbringt. Falls die Kölner beim Anblick der bunten Schweizer spontan ein Dreigestirn ausrufen muss sich die Garde eben mit Kamelle den Weg freischiessen ...

Joachim Kardinal Meisner rechnet unterdessen mit dem Schlimmsten und ahnt, dass die unbelehrbaren Heidenkinder auch durch den Ablass-Coup nicht von ihrem Heidenspass ablassen wollen. „Et kütt wie et kütt“ rufe ich ihm in seine Tränenecke nach, dies wussten schliesslich schon echte High-Level-Premiumblogger [1, 2]. „Ma hat ma Glück, ma hat ma Pech, Mahatma Gandhi“ und falls es mal zuviel Pech sein sollte: „Von nix kütt nix ... dat darfse nit verjesse Konrad“ ... und jetzt alle schunkeln!

Mittwoch, August 10, 2005

dä Papst kütt ...

Papst Ratzi Benedikt XVI. hat für den Weltjugendtag ein Mega-Schnäppchen zum Super-Event ermöglicht: Den Super-Sonder-Total-Ablass! Jene Gläubigen, die mit „entsprechender Gesinnung“ an einer Veranstaltung und am Abschlussgottesdienst des Treffens in Köln teilnehmen, können einen vollkommenen Ablass erhalten. Was die "entsprechende Gesinnung" ist, kann man dem eben aktualisierten kleinen Katechismus entnehmen, der in lustiger Quizform redigiert wurde, leider aber noch nicht online verfügbar, da gibt es nur den hier. Oberherausgeber des „kleinen“ ist wiederum Ratzi als er noch Ratzi war und nicht Bene. Ich blättere gleich mal unter „Verhütung“ oder doch zuerst unter „Homosexualität“? Offensichtlich gibts nur Fegefeuer für mich: Es fehlt nebst ordentlicher Gesinnung die Zugehörigkeit und Taufe ...

Ablass oder indulgentia ist ja bekanntlich dem dritten Teil des Bußsakraments zugeordnet: Nach der Reue des Herzens (contritio cordis) und dem Bekenntnis (confessio oris) folgt schliesslich die Genugtuung (satisfactio operis) und aufgrund von guten Werken (= Geldüberweisung an die Kirche) wird hier die Strafe für Sünden teilweise oder ganz erlassen. Wieder einmal zeigt sich, was über 2000 Jahre Vertriebserfahrung wert sind: Einfach nach Köln kommen wenn es heisst „dä Papst kütt” und alles ist vergeben und vergessen bzw. so aus den ewigen Büchern getilgt, dass selbst dem obersten Datenschützer ein Laut wohliger Genugtuung entfährt ...

All jene Rheinländer allerdings, die nun das Horrorszenario vor Augen haben, wie Abermillionen von reuigen Sündern bussbereit auf Knien in die Köln-Region kriechen und dabei Staus von Abermillionen Kilometern Länge hinter sich aufbauen, sind der Verzweiflung nahe. Erste Experimente mit Leichtflugzeugen sollen wegen der eingesetzten Herbststürme gescheitert sein, Tunnel werden gegraben, um sich in den dunklen Wäldern der Eifel vor den Pilgerscharen zu verstecken, es wurden sogar Menschen gesichtet, die mit Wachs und Federn hantieren, der Verzweiflung nahe.

Verzweifelt scheint zwischenzeitlich auch Horst Köhler für den sich überhaupt keiner mehr interessiert. Drei Wochen lang hatte die ganze Nation wie gebannt auf ihn geschaut und nun, nachdem er aufgelöst hat, scheint er völlig nutzlos. Wenn nun Zippert vorschlägt, er könne ja als oberster Schiedsrichter strittige Entscheidungen hinterfragen:
„Diesen Elfmeter von Köln gegen Mainz zum Beispiel. Den schaut er sich an, wägt alles genau ab, und wenn er glaubt, daß es für das Wohl des deutschen Volkes das Beste wäre, löst er den 1. FC Köln auf.“
Also der ein oder andere würde solch drastische Massnahmen sicher begrüssen, ich zweifle allerdings noch, ob solch gewichtige Entscheidungen, die eines Kaisers wert wären, von einem BuPrä gefällt werden sollten. Es gibt doch auch anderen hübschen Zeitvertreib. Der Horscht könnte doch Schirmherr einer völlig unbekannten und gänzlich unaussprechbaren Krankheit werden und vielleicht gibt’s ja bald mal wieder was aufzulösen, oder so eine kleine Ruckrede zu halten oder gar reisen, zum Beispiel nach Köln um dem Papst Ratzi Benedikt XVI mal die Hand zu schütteln, vielleicht reicht’s ja sogar zur Titelseite, das Fegefeuer freilich wäre damit auch schon mal verhindert, immerhin.

Dienstag, August 09, 2005

Buster grantelt

Da kommt uns doch das „happy to be back“ Eileen Collins grade recht. Viel hatte der 9. August bislang nicht gerade zu bieten, andererseits ist halt vieles nur eine Frage der Einstellung.

Ich red jetzt gar nicht von Pompeius, Adrianopel oder Nagasaki, aber der (wahrscheinlich doch schiefe) Grundstein für den Schiefen Turm von Pisa , der 1173 gelegt wird, lehrt uns doch alle, dass wenn etwas so richtig daneben geht, dann ist es irgendwie schon wieder gut. Nehmen Sie zum Beispiel einen Rücktritt, was sag ich, den allerersten und bislang einzigen Rücktritt den ein amerikanischer Präsident bislang hingelegt hat. Klingt ja irgendwie negativ, aber wenn wir erfahren, dass da ein Herr Richard Nixon 1974 zurücktritt, um einer drohenden Amtsenthebung zuvorzukommen, klingt es doch schon viel heiterer und schon Peppel wusste: „Oft ist ein Rücktritt auch ein Fortschritt.“ Und so ist es nun eben auch bei Türmen, die etwas schief geraten sind: Keine Sau Kein Tourist würde heute nach Pisa pilgern um einen geraden Turm anzugaffen. Mir kann man nichts vormachen: Ich habe lange genug in Städten mit geraden Türmen in der völligen touristischen Nichtbeachtung gelebt!

Wahrscheinlich ist andererseits gerade der schiefe Turm Symbol für die Fallhöhe, die Tragik des Helden, der sich "stets bemüht" hat. Vorbei die Zeit der edlen Heroen, denen alles gelingt oder zumindest zu Gold wird, was sie anpacken. Nein wir leben in einem Zeitalter der Looser, der Gestrauchelten, ewige Verfolger, glückliche Vierte werden gefeiert als ginge es um die erfolgreiche Marsmission. Und so ist auch nicht verwunderlich dass sich seit der sensumotorischen kognitiven Entwicklung nach Piaget so richtig doll nichts mehr abspielt. Jenen Spöttern zum Gefallen, die davon ausgehen, dass die Pisa-Studie bewiesen habe, dass die Summe der Intelligenz auf diesem Planeten bei wachsender Bevölkerung konstant ist.

Da bin ich freilich die statistisch herausragende Ausnahme, weil ich mich den Animismus und Artifizialismus überwindend irgendwo zwischen dem „Konkret-operationalen Stadium“ und dem „Formal-operationalen Stadium“ bewege. Zum Beweise kann ich fehlerfrei „Dezentrierung, Reversibilität, Erhaltung, Seriation, Klasseninklusion und Transitivität“ aus der Wikipedia abschreiben ohne rot zu werden. Aber hallo, da gehöre ich schon zum Intellektuellen Establishment ...

Und hier noch eiligst ein paar Geburtstagsgratulationen an die Herren Philip van Dijk (1885), Jops Reeman (1886), Jean Piaget (1896), Hans Nowak (1937) und Otto Rehhagel (1938).
„Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann“
... hat schon Klinsmann bei geringerer Gelegenheit gejubelt. Ob der Piaget, zumal Schweizer, freilich einen resoluten Aussenstopper abgegeben hätte, bleibt sowieso im Reich des spekulativen Artifiziell-Animistischen. Zur Er-Mahnung weiterer kognitiver Entwicklung aber noch diese Tageslosung für den geneigten Leser:
„Das Spiel dauert eben nicht nur 90 Minuten, sondern darüber.“ [Franz Beckenbauer]

Montag, August 08, 2005

Augsburger Reichs- und Religionsfrieden

„Setzen demnach, ordnen, wollen und gebieten, daß fernerhin niemand, welcher Würde, Standes oder Wesens er auch sei, den anderen befehden, bekriegen, fangen, überziehen, belagern, sondern ein jeder den anderen mit rechter Freundschaft und christlicher Liebe entgegentreten soll und durchaus die Kaiserliche Majestät und Wir (der römische König Ferdinand, der für seinen Bruder Karl V. die Verhandlungen führte) alle Stände, und wiederum die Stände Kaiserliche Majestät und Uns, auch ein Stand den anderen, bei dieser nachfolgenden Religionskonstruktion des aufgerichteten Landfriedens in allen Stücken lassen sollen.“
[§14 Landfriedensformel]
Der Augsburger Reichs- und Religionsfrieden wurde 1555 auf dem Reichstag zu Augsburg zwischen Kaiser Karl V. und den Reichsständen geschlossen. Als Reichsgesetz für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation sicherte er den Anhängern der Confessio Augustana (ein grundlegendes Bekenntnis der protestantischen Reichsstände zu ihrem Glauben) Frieden und ihre Besitzstände zu.
„…denn man (hat) in Vorzeiten sehr geklagt ueber den Ablass, uber Wallfahrten, ueber Missbrauch des Bannes. Es hatten auch die Pfarrer unendlich Gezaenk mit den Moenchen von wegen des Beichthoerens, des Begraebnisses, der Leichenpredigten (Beipredigten) und unzaehliger anderer Stuecke mehr. Solches alles haben wir im besten und Glimpfs willen uebergangen, damit man die vornehmsten Stuecke in dieser Sache desto bass (besser) vermerken moechte. Dafuer soll es auch nicht gehalten werden, dass in dem jemand ichtes zu Hass, wider oder Unglimpf geredet …“
[Confessio Augustana, Kapitel 30]

Buster rechnet ...

Die Sensibleren unter uns erinnern sich schmerzhaft an die vor Grausamkeit und Stumpfsinn strotzenden Pisa-Shows, die mit schlechter Regelmässigkeit im Abendprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zelebriert werden und wiederkehrend nachweisen, dass vier von drei Leuten nicht rechnen können ohne es zu wissen. Für mich war dabei völlig unverständlich, welche unsinnigen und meist völlig realitätsfernen Fragen hierbei zu lösen waren. Was ist denn mit der Birch and Swinnerton-Dyer Conjecture, Hodge Conjecture, Navier-Stokes Equations, P vs NP, Poincaré Conjecture, Riemann Hypothesis oder etwa Yang-Mills Theory? Aber noch mal ganz in Ruhe und von vorn:

Heute vor 105 Jahren, auf dem 2. Internationalen Mathematikerkongress in Paris am 8. August 1900, formulierte David Hilbert dreiundzwanzig Probleme, auf die als Schlüsselprobleme des weiteren mathematischen Fortschritts die Kräfte zu konzentrieren seien.
„Die genannten Probleme sind nur Proben von Problemen; sie genügen jedoch, um uns vor Augen zu führen, wie reich, wie mannigfach und wie ausgedehnt die mathematische Wissenschaft schon heute ist.“ [David Hilbert]
Es zeigte sich dann im Verlauf des 20. Jahrhunderts tatsächlich, dass Hilbert fast durchgängig Kernprobleme der Mathematik genannt hatte, deren Erforschung und Lösung einen großen Teil der Erfolge der Mathematik in diesem Jahrhundert ausmachten. Von den 23 Problemen sind heute bis auf zwei alle gelöst (lediglich die Irrationalität und Transzendenz bestimmter Zahlen sowie die Topologie algebraischer Kurven und Flächen sind heute nur teilweise gelöst) und interessieren keine Sau mehr sollen hier nicht weiter vertieft werden. Im Jahre 2000 wurden dieser Tradition folgend vom Clay Mathematics Institute sieben weitere Probleme identifiziert, deren Lösung je 1 Million Dollar einbringt und die uns alle irgendwie bekannt vorkommen. Ich möchte nur zwei Beispiele anfügen:

Fühlen Sie sich manchmal auch als bewegten Sie sich in einem Kreis und jeden Morgen sind Sie wieder am Anfangspunkt? Was sich so ein bisschen nach ewigen Murmeltiergrüssen anhört, ist in Echt die Vermutung von Birch und Swinnerton-Dyer. Gar nicht so schwer, oder?

Eine zweite Geschichte, die ihrer Lösung harrt, ist die so genannte riemannsche Vermutung oder auch riemannsche Hypothese. Verkürzt gesagt, geht es hier darum, dass die Halbe aber auch das Halbe ergo die Hälfte irgendwie die Mass aller Dinge ist. Seit der Euro-Einführung ist das ja schon quasi subjektiv bewiesen aber vor lauter Reinheitsgebot hat’s wieder keiner ordentlich genug gemacht. Schon der Meister William Shakespeare wusste: „Behauptung ist nicht Beweis.“ Die Mathematiker sind halt schon ordnungsliebende Zeitgenossen, ein „ich fühl mich so halb und halb“ reicht denen nicht als Beweis im mathematisch-eigentlichen Sinne.

Hier noch ein wichtiger Hinweis vom Schiedsrichterplatz: Ein Beweis ist in der Mathematik der formal korrekte Nachweis, dass aus einem Satz von Aussagen eine weitere Aussage folgt. Dies erfolgt durch die Methode des – wir wissen’s eh alle – direkten oder indirekten Beweises bzw. der vollständigen Induktion.

So jetzt ist aber genug geholfen, für jede der sieben Aufgaben stehen 45 Minuten zur Verfügung und dass mir keiner abschreibt! Die erste Einsendung mit sieben richtigen Lösungen erhält 500 Euro. Wie meinen? Da wären doch sieben Millionen ausgelobt? Also zum einen habe ich auch meine Kosten, der Euro-Wechselkurs ist auch nicht mehr was er einmal war und schliesslich gibt es auch noch einen 15 Zentimeter grossen Acrylpokal ... das ist doch was, biddeschön. Nun aber los Ihr Vertreter der Dichter- und Denker-Nation und zum Geleit noch dies Lutherwort:

„Die Arznei macht kranke,
die Mathematik traurige,
die Theologie sündhafte Menschen.“
[Martin Luther]

Sonntag, August 07, 2005

Sicher ist ...

Aus meiner Kinderzeit

Vaterglückchen, Mutterschößchen,
Kinderstübchen, trautes Heim,
Knusperhexlein, Tante Rös'chen
Kuchen schmeckt wie Fliegenleim.
Wenn ich in die Stube speie
Lacht mein Bruder wie ein Schwein
Wenn er lacht, haut meine Schwester,
Wenn sie haut, weint Mütterlein.
Wenn die weint, muß Vater fluchen.
Wenn er flucht, trinkt Tante Wein
Trinkt sie Wein, schenkt sie mir Kuchen:
Krieg ich Kuchen, muß ich spein.

„Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht“ flüstert mir heute Hans Bötticher alias Joachim Ringelnatz geboren am 7. August 1883 in Wurzen bei Leipzig ins Ohr und auch dies noch:

An einem Teiche

An einem Teiche
Schlich eine Schleiche,
Eine Blindschleiche sogar.
Da trieb ein Etwas ans Ufer im Wind.
Die Schleiche sah nicht was es war,
Denn sie war blind.
Das dunkle Etwas aber war die Kindsleiche
Einer Blindschleiche.

Samstag, August 06, 2005

Buster hasst Lästlinge

„Gott segne uns die Suppen vor Fliegen und vor Mucken“
Glaubt Mensch der Wikipedia so bezeichnet der Begriff „Fliege“ in der Zoologie ein Insekt aus der Gruppe der Fliegen (Brachycera) die eine Unterordnung der Zweiflügler (Diptera) bilden. Schön und gut, aber warum hat homo sapiens diese Spezies nicht – sagen wir mal vorgestern – ausgerottet? Warum muss ich, während sich Französische Spitzenköche Gedanken über schmackhafte Weltraumkost für Forschungsreisende zum Mars und zu anderen Planeten machen, mich mit Schmeißfliegen (Calliphoridae), Fleischfliegen (Sarcophagidae), Echten Fliegen (Muscidae) und sonstigen Lästlingen und Krankheitsüberträgern mitten in der Nacht abgeben?
„Vor Windisch-Eschenbach hütete ein Bube und sah an einem Feldstein ein hölzernes Pflöckchen eingetrieben. Neugierig nahm er es weg, und heraus kam eine Fliege und hinter ihr Rauch. Davon kam die Pest in die Welt.“
[Mittelalterliche Erzählung nach J. Dvorak, Satanismus, 1989]
Als 1634 in London der Zauberer Urban Grandier hingerichtet wurde, hielten die Zuschauer die „große Fliege, die den Scheiterhaufen umsummte“ für den Teufel, „der in eigener Person gekommen sei, den Übeltäter abzuholen.“

Na sicher, die Calliphoridae hat sich „nur“ ein paar Mal auf meine Nase gesetzt letzte Nacht, aber die spezielle Relativitätstheorie ist nun immerhin 100 Jahre alt und keiner verhindert, dass mir parasitärer Hautmadenfrass droht? Und wenn nicht Larva migrans, immerhin handelt es sich doch irgendwie um ein surrendes, kitzelndes, stechendes und lärmendes Insekt! Schon in der Antike und im Mittelalter wurde dieses Vieh zum Symbol für allerlei Missliches, ein wahres Teufelswesen jedenfalls.

Glaube ich der „Germanischen Mythologie“ von Meyer (Berlin, 1891) wird die Fliege nicht nur als Verkörperung des Teufels - und auch von Hexen - angesehen, „sondern als Seelenepiphanie überhaupt, und zwar kann die Seele bei Lebzeiten den Körper in Fliegengestalt verlassen, oder sie lebt nach dem Tode als Fliege fort“. Na toll!

Vielleichts hilft’s ja: Gegen Glatzenbildung rieb man sich früher eine Schmiere aus zerstoßenen Fliegen ins Haar. Na bei dem Gekleister fallen die Haare zumindest nicht mehr aus , haha … Scherz beiseite: Mögen bitte Bedürftige dies ausprobieren und mir geschwind Meldung erstatten, wir rollen das Haarbusiness dann gemeinsam auf. Aprospos Haare: Via Riesenmaschine erreicht mich die frohe Nachricht, dass ich jetzt zehn Minuten länger schlafen kann jeden Morgen, weil ich gar keinen Espresso mehr trinken muss: Meine tägliche Koffein-Ration bekomme ich schon unter der Dusche. Also gibts doch heilsamen technoidenischen Fortschritt! Ich geh jetzt einen Espresso duschen ... vielleicht beruhigt mich das ja wieder ...

wieder nur die Hälfte ...

You Are 50% Weird

Normal enough to know that you're weird...
But too damn weird to do anything about it!

How Weird Are You?


Busters Tip: Tagebücher lesen und Parkplätze besetzen!