Donnerstag, Juni 30, 2005

Sommerlöcher und Currywurst

Seit nunmehr 97 Jahren rätselraten wir über das Tsunguska-Sommerloch und seit 71 Jahren kennen wir die Nacht der langen Messer [1, 2]. Aber kennen Sie auch Guernsey? Deren Eroberung heute vor 65 Jahren sollte das einzige Stück Großbritanniens bleiben ...

Noch zwei fette Geburtstagsgratulationen an Herta Charlotte Heuwer und Stanley Clarke. Die 1913 in Königsberg geborene Herta Charlotte Heuwer erfand in Berlin-Charlottenburg die pikante Chillup-Sauce für die Currywurst. Stanley Clarke wurde 1951 in Philadelphia geboren und ist einer der bedeutendsten Bassisten. Früher durch sein E-Bass Spiel bekannt geworden, spielt er inzwischen vorzugsweise Kontrabass. Hörtipp heute „Anna Mae auf dem Album “At the Movies”
von 1995.

Nicht gratulieren möchte ich Mike Tyson (1966), Ralf Schumacher (1975) und Michael Phelps (1985), das soll tun wer will ... ich nicht ...

Uraltes Wehn vom Meer

Uraltes Wehn vom Meer,
Meerwind bei Nacht:
du kommst zu keinem her;
wenn einer wacht,
so muß er sehn, wie er
dich übersteht:
uraltes Wehn vom Meer
welches weht
nur wie für Ur-Gestein,
lauter Raum
reißend von weit herein...

O wie fühlt dich ein
treibender Feigenbaum
oben im Mondschein.

[Rainer Maria Rilke, 1922]

Mittwoch, Juni 29, 2005

eMail aus Buenos Aires

Ach nö,

dass du nun schon seit 220 Tagen nicht mehr rauchst und 20.000 Zigaretten nicht geraucht hast finde ich erschreckend. Wie kannst du das nur tun? Rauchen ist doch schliesslich nicht irgendeine Sucht, sondern ist das Leben.

Einer der Matrosen des Kolumbus kam 15 Jahre in den Knast wegen Rauchens. Nach seiner Entlassung musste er feststellen, dass Rauchen zwischenzeitlich alltäglich war - ein Sieg über den tyrannischen Geist der katholischen Kirche und die herrschenden Klasse, die uns das Rauchen vorenthalten wollte - Du wirfst das weg?

Rauchen ist ein Akt der Freiheit des Individuums, sorgt für jede Menge Arbeitsplätze und ist ein unbürgerlicher Umtrieb erster Ordnung. Was soll diese Fitness-, Wellness-, Healthy-Bewegung? Wir sind doch Künstler, Musiker, Kreative ... Willst du jetzt eigentlich ewig leben?

Die ganze Antiraucherkampagne ist nichts als ein Marketingabenteuer der schweizerischen Schokoladenindustriellen - ich muss es wissen.

Aber du hast ohnehin keine Chance, wenn du dir nur vor Augen hältst,

· dass das Leben eine Sucht ist

· dass der Drang, nicht zu rauchen, nur dem Verstand entspringt

· dass der Verstand glücklicherweise sehr ohnmächtig ist.

Wusstest du,

· dass unglaublich viele unsymphatische Menschen Nichtraucher sind?

· dass Nikotinfeindlichkeit ein Kennzeichen fast aller Sekten ist?

· dass Adolf Hitler gesagt hat, niemand könne Raucher und echter Nationalsozialist zugleich sein?

· dass Brecht einen Achtzigjährigen zu kennen behauptet hat, der soff und rauchte - und ein Baby, dass vor dem ersten Jahr gestorben ist?

· dass eine Zigarre nach einem opulenten Mahl ein unverzichtbarer Genuss ist?

na gut – das mit Brecht habe ich mir selbst ausgedacht, aber sonst ist alles authentisch. Es hat aber ohnehin keinen Sinn: Mit Besessenen kann man nicht diskutieren.


CU never



PS : Das Geschenk zu den 20.000 diesmal virtuell:



Cigarren (elementar)

Cigarren
Ci
Garr
ren
Ce
i
ge
a
err
err
e
en
Ce
CeI
CeIGe
CeIGeA
CeIGeAErr
CeIGeAErr
CeIGeAErr
ErrEEn
EEn
En
Ce
i
ge
a
err
err
e
en
Ci
garr
ren
Cigarren
(Der letzte Vers wird gesungen.)

[Elementardichtung 1922. In: Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 - 1988. Bd. 1. Köln 1988. S. 199]

Dienstag, Juni 28, 2005

Rousseau

„Il n'y a pas d'assujettissement si parfait que celui qui garde l'apparence de la liberté. On captive ainsi la volonté même“ sagt (in Émile) der am 28. Juni 1712 in Genf geborene.


Immanuel Kant: „Rousseau hat mich zurecht gebracht.“

Nur nicht

Das Leben
wäre
vielleicht einfacher
wenn ich dich
gar nicht getroffen hätte

Weniger Trauer
jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen
weniger Angst
vor der nächsten
und übernächsten Trennung

Und auch nicht soviel
von dieser machtlosen Sehnsucht
wenn du nicht da bist
die nur das Unmögliche will
und das sofort
im nächsten Augenblick
und die dann
weil es nicht sein kann
betroffen ist
und schwer atmet

Das Leben
wäre vielleicht
einfacher
wenn ich dich
nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht
mein Leben

[Erich Fried, Es ist was es ist, 1990]

Montag, Juni 27, 2005

Ich ließ meinen Engel lange nicht los ...

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt ...

[R.M. Rilke: Frühe Gedichte (Engellieder)]

CSD

Es begann wie eine Routine-Razzia – an jenem Morgen des 28. Juni 1969: Polizeiwagen fuhren vor dem "Stonewall Inn" in New York vor, die "pigs" verteilten sich auf die Zugänge, stürmten die Räume und kontrollierten die Ausweise der Gäste und drängten diese dann auf die Straße. Doch diesmal ließen sich die ca. 200 Schwulen, Lesben und Transsexuelle nicht so leicht einschüchtern! Vor dem Lokal in der Christopher Street versammelten sich immer mehr "queers". Mit diesem heftigen Widerstand hatte die Polizei nicht gerechnet und zogen sich vorerst zurück. Seit diesen Tagen gewann die Lesben- und Schwulenbewegung an Bedeutung, sprang der Funke der "gayliberation" von New York aus über ...

Sonntag, Juni 26, 2005

very idiomatic

Zahllose Schreiben haben mich per e-Mail erreicht. Mit einzelnen Lösungsvorschlägen, Rückfragen, Verbesserungswünschen, aufklärenden Grammatikkorrekturen, Dankschreiben, Verleumdungen und und und …

Für alle Besserwisser daher hiermit der ultimative idiomatic contest: Ich zähle 49 idioms im Beitrag vom 25. Juli 2005. Gewonnen hat, wer die meisten idioms korrekt in Deutsche Schriftsprache übersetzt hat. Alle Beiträge bitte an BusterG@web.de, der Einsendeschluss ist der 05. Juli 2005. Wenn mehrere gleich viele richtige Lösungen haben, entscheidet das Los. Zusatzpunkte verteile ich nach Gutdünken für die historische Erklärung des Begriffs. Notare oder dergleichen dürfen selbstverständlich nicht am contest teilnehmen und bekommen weder den ersten Preis (was sonst eigentlich?), den zweite Preis und auch nicht den dritten Preis. Der vierte bis zehnte Preis: Lobende Erwähnung und ein unglaublich wertvoller Link. Der rechte Weg ist natürlich ausgeschlossen:
„Der Herr kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund.“ [Die Bibel, Psalm 1.6]

Keinen Raum geben!

„Am Werke erkennt man den Meister.“ [Jean de La Fontaine]
„Du darfst Ihnen keinen Zentimeter Raum geben“, so Beckenbauers nachträglicher Tipp und hat dann noch irgendwas mit „Reschbeggt“ hinterher gemurmelt. Lag es an der unzureichenden Verhaltenssicherheit? War die vielschichtige Beziehungsarchitektur noch nicht austariert? Fehlte Schweini (oder Basti) zu sehr? Waren Poldi, Huti und Lehmi auf der Höhe? Ulrike Johns
lyrische Nachlese:
„Ronaldinho hängte sich das Trikot von Michael Ballack wie einen Skalp an die Hose, Lucio brüllte seine Freude minutenlang hinaus, und Carlos Alberto Parreiras Lächeln reichte von einem Ohr zum anderen.“
Canetti raunt mir ins Ohr, dass die aufgehobene Isolation der Selbstwahrnehmung in der Eventkultur auf einem zur Masse vergemeinschafteten Gefühl beruht. Die Idolisierung beruht dabei auf der Sinnentleerung einer Lebenswelt, in der sich Menschen als Ausgeschlossene begreifen. Die Kulturindustrie nutzt dies hauptsächlich für ihre Ereignisproduktionen in der das Leben für sich keine Wirklichkeit hat und im Idol sein Surrogat findet, nach ihm verlangt - es wie das Mittel einer Sucht, wie eine Droge benötigt und sich von ihm abhängig macht: Also jetzt bitte gaaanz ruhig bleiben, wir haben ja noch ein Jahr um in die Leibniz’sche „beste aller Welten“ zu kommen:
„Gott hätte die Welt nicht geschaffen, wenn sie nicht unter allen möglichen die beste wäre.“ [Gottfried Wilhelm von Leibniz]
Auch nicht schön: Wenn herbeigelaufene Amerikaner unrichtige Angaben über ihren Geburtsort machen und das vor 400.000 Zeugen! Lesen Sie das besser nicht … vor 42 Jahren hält Präsident John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus seine „ich bin eine Mokkatorte-Rede“.

Und nach turbulenter Entwicklung mit den Zwischenstationen „kritische Theorie“, „Baghwan“, „Nietzsche“ und „Heidegger“ vertritt er eine überaus aggressive Metaphysik des Willens, die sich ohne weiteres der amerikanischen Position von Supermacht zuordnen lässt. In seinem „Menschenpark“ gilt: Was nötig ist, das muss gewollt werden! Nietzsches „Wille zur Macht“ wird in eine Konstruktion des Großen Bruders gedeutet, der seinen Geschwistern Lebenshilfe ist und sie umsorgt - sicher keine schlechte Perspektive für einen Philosophen, der gerne verbeamtet werden wollen … Peter Sloterdijk wurde am 26. Juni 1947 in Karlsruhe geboren. Ignorieren Sie das beruhigt und …

belohnen Sie sich statt dessen mit einem der massgeblichen Autoren des Expressionismus:
„So hat der Gischt der Sprache den Leser noch nie bis auf die Knochen durchnässt“
[Walter Benjamin]
Erste Klasse, seine scharfe Auseinandersetzung mit der eigenen Zeit und seine Sprach- und Stilexperimente, quasi-filmische Montagetechnik, Assoziationen, erlebte Rede, Epos des expressionistischen Zeitalters mit der Großstadt als modernes Babylon. Alfred Döblin stirbt am 26. Juni 1957 neunundsiebzigjährig in Emmendingen.
„Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber dies ist die unsere.“ [Jean-Paul Sartre]

Samstag, Juni 25, 2005

Back when men were men, and sheep were nervous …

“I'll sail to Ka-Troo
And Bring Back an It-Kutch, a Preep and a Proo,
A Nerkle, a Nerd, and a Seersucker, too!”
[Seuss: If I Ran the Zoo]

„Oll korrect“? werde ich gefragt. Eine klare Situation à la „to face Morton's fork“ und so als wenn der Steuereintreiber König Heinrichs VII. vor mir steht und fragt: Was, du bist reich? Dann hast du ja reichlich Geld für den König übrig! Und als ich verneine kontert: Was, du bist arm? Dann kannst du das Wenige, was du noch hast, ja dem König geben, es reicht sowieso nicht! Unauflösbar der Widerspruch und ich fühle mich reichlich at sixes and sevens nachdem ich so unvermittelt aus dem rat race geworfen bin. Die fruit machine dreht sich weiter, all chiefs and no indians, wie gehabt - während ich bei der hard shoulder abhänge. Es braucht auch keine Ablenkungsmanöver bzw. red herrings mehr, das wäre Kohlen nach Newcastle tragen …

That takes the biscuit, denke ich noch und not for the life of me! Schliesslich fühle ich mich as fresh as a daisy und weiss genau how the wind blows bevor ich a hat on a hen setze. To be mad as a hatter sagt man wohl zu meinem Interregnum hier und irgendwie alles sickie heute zumal ich in mindless vacation bin, da hilft auch kein dutch courage oder booze – ist in dieser shotgun shack von Parallelgalaxis eh nicht erlaubt, kann freilich erhandelt werden. Na dass es hier täglich the icing on the cake gibt habe ich gar nicht erwartet aber ...

Ich fühle mich irgendwie schon sehr tot, dead as a dodo eben und bereit für das legendäre to buy the farm oder gibt es noch Hobson's choice am Ende? Vielleicht eine letzte Einladung aussprechen? Ob casual, white oder black tie ist once in a blue moon nicht so wichtig aber komme mir keiner to be dressed to kill. All is gas and gaiters ahne ich und by hook or by crook gebe ich mir the whole nine yards. Als Präsent werden ausschliesslich dead presidents angenommen und damit bitteschön kein muzak aus der thunderbox sondern greenbacks satt ...

Jeder Tag beginnt als red-eye-flight und er bleibt dir ein fair weather friend bis es dir belly up geht. Eigentlich sollte man denken das wäre cloud nine und ich rookie müsste das noch by heart lernen. Aber seit Tagen geschieht nichts als triple-witching mit allerlei shu ismo, gizmo und gadgets ...

Nein es ist nicht „oll korrect“ und die Frage war auch nicht wirklich als Kundenzufriedenheitsanalyse gedacht - Aber warum verflucht immer diese Anglizismen in unserer Sprache? Going, going, gone - aber immer dran denken: It ain't over 'til the fat lady sings.

Freitag, Juni 24, 2005

Sonia Araquistáin


grabt
und es wird ein Lächeln sein
ein Grabeslächeln
für die die das Leben beim Wort nehmen
grabt
und der Staub wird euch zu Herzen gehen
und ihr geht mit dem Herzen im Staub
während die Liebe säumt
reglos am Fensterkreuz der Weigerung

grabt
und es wird Himmel sein
es wird vielleicht Himmel sein
vielleicht die Teilung der Arten
oder der herzzerreißende Geschmack nach Regen
grabt
auf das diese Frau den Fächer ihres Sturzes entfaltet
auf daß sie für immer die Trägheit des Raumes ohrfeigt
auf daß ihr schönes Gesicht aus geborstnem Kristall
sich dem Festland vermählt

grabt
und es wird die einsamsten Augen der Welt geben
und auf dem fröstelnden Boden der Allee
eine Fremde unverhofft wie ein Fenster
grabt diesen Augen einen unmöglichen Blick
grabt unsren Namen in unsere Nacht
grabt für uns.

[Georges Henein. In: Das surrealistische Gedicht (der rote „Surrealismusziegel“) S. 557]

Donnerstag, Juni 23, 2005

verum et factum convertuntur

Um noch mal die Bauern sprechen zu lassen, bevor wir ihnen endgültig nicht mehr zuhören: 40 Mrd. Euro gibt die EU jährlich für die Landwirtschaft aus und ums mal plastischer zu machen: Mit 920 Mio. Euro bezuschusst die EU den Tabakanbau, und mit weiteren 72 Mio. werden Anti-Raucher-Kampagnen finanziert. Das ist nicht „unsinnig“ oder gar „willkürlich“ wie heute in der FTD ein „hochrangiger Kommissionsbeamter“ zitiert wird, sondern wahre Dialektik. Damit der Tabak auch ordentlich wächst gilt daher: „Vor Johanni bitt um Regen, hernach kommt er ungelegen.“ Tiefsinnig das ...

Andererseits wird mit „willkürlich“ eine Handlung bezeichnet, der keine intersubjektive Regel und keine subjektiv und intersubjektiv verbindlichen, über eine konkrete Situation hinausreichenden Normen zugrundeliegen. Willkürlichen Handlungen liegen daher weder äusseren Ursachen noch die begründete Wahl zwischen alternativen Möglichkeiten zugrunde. Eine unbegründete Wahl, die lediglich Ausdruck des rational unbegründeten Handelns des Subjekts ist, ist damit eine spezielle Form der Willkür.
Kant unterschied je bekanntlich in [KrV A 534] zwei Formen der Willkür. Einerseits die Willkür, die durch die sinnliche Affizierung angetrieben ist und zum anderen der vernünftige Wille des Menschen, d. h. die Willkür, der ein Vermögen des Menschen innewohnt, sich unabhängig von der Nötigung durch sinnliche Antriebe selbst zu bestimmen.

Und wirklich, so ein 23. Juni kann ja durchaus Willkürliches in sich haben: Das willkürliche IOK wird gegründet (1894), ein Beistandsabkommen zwischen UdSSR und den USA wird willkürlich unterzeichnet (1941), Berlin wird willkürlich blockiert (1948), Nordkorea durch die USA willkürlich bombardiert (1952), der Kanton Jura wird willkürlich eigenständig eidgenössisch (1974), Ägypten wird wieder willkürlich arabisch (1989), die Republik Moldau wirklich willkürlich souverän (1990), der Reichstag wird versandfertig willkürlich eingepackt (1995), in Belgien darf wieder willkürliche Coca-Cola verkauft werden (1999) ... undsoweiterundsofort aber das wichtigste:

Heute vor einem Jahr scheidet Deutschland bei der EM in Portugal gegen Tschechien mit 1:2 wirklich aus. Noch am gleichen Tag tritt uns Ruuuudi willkürlich zurück eingedenk des vor 337 Jahren in Neapel geborenen Giovanni Battista Vico der sich kritisch mit Descartes' Auffassung auseinandersetzt, dass die Geschichte von Willkür geprägt sei und deshalb nicht in ihrem Grund erkannt werden könne, während die Natur aufgrund ihrer notwendigen Gesetzmäßigkeiten dem subjektiven Erkenntnisvermögen durchaus zugänglich sei. Denn auch Ruuuudi ahnte, dass mit Vico die Wahrheit solcher Erkenntnis auf der wesentlichen Verwandtschaft von Erkenntnisobjekt und –subjekt beruht, die sich aus dem Geschaffensein des Objekts durch das Subjekt ergibt. Vico proklamiert, dass wir Natur nicht erkennen können, sondern nur Artefakte d. h. vom Menschen geschaffene Phänomene. Nur diese können wir von innen her verstehen, weil wir sie in der Phantasie nachvollziehen können.
„Trifft dich des Schicksals Schlag,
so mach es wie der Ball:
Je stärker man ihn schlägt,
je höher fliegt er all.“
[Friedrich Rückert, Kranz der Zeit, 1817]

Und noch schnell einen Gruss an unsere Fussball-Jubilare:
Ernst Willimowski (89), Bart Carlier (76), Zinédine Zidane (33), Patrick Vieira (29)und ein besonderer Gruss an Hidetoshi Nakata (28), der gestern so heldenmutig gekämpft hat ...

Mittwoch, Juni 22, 2005

Sonnleitner sublimiert substantiell

„L'enfer, c'est les autres“ [J. P. Sartre, Huis-clos]
Um mal beim gestrigen Thema anzuknüpfen, kann ja nicht schaden sich sogar zwei Tage im Jahr bei Sartre bzw. dessen Existentialismus aufzuhalten. Eine Schwachstelle muss jedoch heute einmal schonungslos aufgedeckt werden: Sartre hat sich zwar in zahllosen Bereichen umgetan, hat sich von Stockhausen bis Baudelaire, von Freud bis Marx, von Giacometti bis Proust inspirieren lassen ... aber er hat sich definitiv zu wenig um die Bauern insbesondere den deutschen Bauernstand gekümmert. Sehr wahrscheinlich deswegen ficht Gerd Alfons Jakob Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes immer wieder neue Bauernkriege aus. Sein Resümee zu sieben Jahre rot-grüne Agrarpolitik hat dazu geführt, dass er als Merkels Schattenminister für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft gehandelt wird.

Vielleicht ist der Sonnleitner aber auch ganz hintersinnig geworden als er vom vor 225 Jahren geborenen Wilhelm Traugott Krug erfahren musste, dass die obersten Gesetze des Denkens und Erkennens Gesetze der Tätigkeit des reinen oder absoluten Ichs sind, welches eins mit der reinen Menschheit ist. Im „Ich“ sind Wissen und Sein synthetisch geeint, das oberste Formalprinzip lautet: Ich suche absolute Harmonie in aller meiner Tätigkeit.

Während also Sonnleitner hintersinnig sublimiert, wissen wir ja schon seit 2003: „Deutsche Tabakpflanzer kämpfen um ihre Existenz“. Höchstwahrscheinlich alle, die diesen existentialistischen Kampf bislang halbwegs überlebt haben, machen sich seit Montag in Rostock Mut mit dem Claim: „Landwirtschaft. Arbeit. Zukunft“. Dass die seltsamen Punkte irgendwie auf eine Annäherung an die Pünktchenpartei hindeuten, wurde ofiziell nicht bestätigt und dass es da bessere und bauernschlauere Kampfparolen gibt, hatten Sie sich ja sicher auch gedacht. Merke: „Den Acker bauen ohn' Verdruß gewähret Brot im Überdruß.“ Also machen sie sich auf ihre 100-Hektar, Herr Sonnleitner!

Dienstag, Juni 21, 2005

100 Jahre Sartre

„L'existence précède l'essence.“
[L'existentialisme est un humanisme. 1946]

Dass der Mensch durch den Zufall seiner Geburt in die Existenz „geworfen“ ist und aktiv selbst versuchen muss, dem Leben einen Sinn zu geben hat uns Jean-Paul Sartre, geboren vor 100 Jahren in Paris aufgezeigt. Mit „Besessen vom Ich“ von Arno Widmann und mit der Frage „War Jean-Paul Sartre der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts“ von Wolf Lepenies wird er heute gewürdigt. Das Magazin 19:20 Uhr in 3sat spricht mit Weggefährten Jean-Paul Sartres ... und der ultimative TV-Tip:
„Heute würde ich den Begriff Freiheit folgendermaßen definieren: Freiheit ist jene kleine Bewegung, die aus einem völlig gesellschaftlich bedingten Wesen einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt.“ [Sartre über Sartre, Interview mit Perry Anderson, Ronald Fraser und Quintin Hoare, 1969]

Montag, Juni 20, 2005

XIX. Sonett

Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,
weiter und freier,
währt noch dein Vor-Gesang,
Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,
nicht ist die Liebe gelernt,
und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.


[R.M. Rilke: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil, 1922]

Sonntag, Juni 19, 2005

Zerstörungen –

Es war alles klar schon seit langer Zeit: Ich werde es nicht erleben. Ich werde vorher dran sein, ich werde es nicht ... erleben. Ich hasse Krankenhäuser verflucht noch mal …


Zerstörungen –
aber wo nichts mehr zu zerstören ist,
selbst die Trümmer altern
mit Wegerich und Zichorie
auf ihren Humusandeutungen,
verkrampft als Erde –

Zerstörungen –
das sagt immerhin: hier war einmal
Masse, Gebautes, Festgefügtes –
o schönes Wort
voll Anklang
an Füllungsreichtum
und Heimatfluren –

Zerstörungen –
o graues Siebenschläferwort
mit Wolken, Schauern, Laubverdunkeltheiten,
gesichert für lange Zeit –
wo Sommer sein sollte
mit Fruchtgetränken,
Eisbechern, beschlagenen,
und Partys zu heller Nacht am Strande.

[Gottfried Benn, 1950. Aus: Sämtliche Gedichte, Stuttgart 1998]

Samstag, Juni 18, 2005

Theatrum Belli

„... der (…) französische Präsident hat nach dem schroffen Nein seiner Landsleute zur EU-Verfassung gewissermassen sein europapolitisches Waterloo erlebt. Und kaum jemand rechnet noch damit, dass nach einer vorgezogenen deutschen Bundestagswahl Chiracs engster Bundesgenosse Schröder in Berlin ... „

Schreibt die nzz heute. Vor 190 Jahren berichtete sie:
„Der General Gneisenau, dem in den Schlachttagen zwey Pferde unter dem Leibe erschossen und der Degen in der Hand zerschmettert wurde, übernahm die Verfolgung des Feindes, und er soll der Erste am Wagen Buonaparte's gewesen seyn, aus dem dieser, mit Zurücklassung von Hut und Mantel, sich eben auf kaum begreifliche Weise gerettet. Am Abend des Schlachttages hatte er Charleroy schon erreicht, und verfolgte die Flüchtigen bis Beaumont. Nach Mitternacht schwieg der Kanonendonner; und der Feldmarschall hatte am 18. sein Hauptquartier in Charleroy. Die Schlacht löste sich zuletzt an den Punkten, wo sie am heftigsten entbrannte, in ein Handgemenge und ein allgemeines Metzeln auf, indem kein Kommando mehr galt, weil Offiziere und Soldaten gleich fochten, und allein Kolben und Bajonette arbeiteten ..."
über die Schlacht bei Waterloo vom 18. Juni 1815 in der sich Frankreich unter Napoleon und die Anglo-Alliierten mit Preußen gegenüberstanden …
„In der Schlacht bei Waterloo fochten die zur 5. hannoverschen Brigade von Vincke gehörenden Landwehrbataillone Hildesheim, Peine und Gifhorn anfangs auf dem äußersten linken Flügel der Stellung Wellingtons, wurden dann nach der Mitte beordert und wiesen hier, in Karrees formiert, mehrere Angriffe feindlicher Kavallerie durch ruhiges Feuer zurück. Das Bataillon Gifhorn wurde gegen sechs Uhr nachmittags nach dem rechten Flügel gesandt und nahm hier mit Auszeichnung an dem abends auf der ganzen Linie erfolgenden Angriffe teil.
Auf dem rechten Flügel fand auch das zur 5. hannoverschen Brigade unter Oberst Hugh Halkett gehörende Landwehrbataillon Salzgitter Gelegenheit, sich in der Schlacht besonders hervorzutun. Gegen 8 Uhr abends erhielt es Befehl, die Franzosen aus einem südlich vom Schlosse Hougomont gelegenen Gehölze zu vertreiben. nach heftigem Feuergefechte entschloß sich der Kommandeur des Bataillons Major von Hammerstein zum Bajonettangriff vorzugehen. Mit Hurra drangen seine vier Kompagnien vor und warfen den Feind nach kurzem Handgemenge aus dem Wäldchen heraus. Hierauf beteiligte sich das wackere Bataillon noch an der Verfolgung des Feindes durch die Preußen, die nach Blüchers Befehle "bis zum letzten Hauche von Mann und Roß" durchgeführt wurde ...“
[Johann Freiherr von Reitzenstein: Hannoversche Militärgeschichte, Celle, 1914]

Bier am Nachmittag

Es kommt auf nichts mehr an,
nur noch auf einer Matratze liegen
mit billigen Träumen und einem Bier,
während die Blätter sterben und die Pferde sterben
und die Zimmerwirtin in den Hausflur starrt;
die runtergezogenen Jalousien mit ihrer
flattrigen Musik,
der letzte Mann in seiner Höhle,
in einer Ewigkeit von Getriebe
und Explosion;
nichts als der tropfende Wasserhahn,
die leere Flasche,
Euphorie;
deine Jugend versperrt
verhunzt und glattrasiert,
man hat dich Worte gelehrt
und damit losgeschickt
zum Sterben.

[Charles Bukowski]

Freitag, Juni 17, 2005

Ob Armut euer Los auch sei ...

Hermann Ferdinand Freiligrath, steckbrieflich gesucht wegen seiner Gedichte, wurde am 17. Juni 1810 in Detmold geboren. Die meisten seiner Werke sind hier zu finden, eines seiner berühmtesten Gedichte:

Trotz alledem!

Ob Armut euer Los auch sei,
Hebt hoch die Stirn, trotz alledem!
Geht kühn den feigen Knecht vorbei:
Wagt's arm zu sein, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz niederm Plack und alledem,
Der Rang ist das Gepräge nur,
Der Mann das Gold trotz alledem!

Und sitzt ihr auch beim kargen Mahl
In Zwilch und Lein und alledem,
Gönnt Schurken Samt und Goldpokal -
Ein Mann ist Mann trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz Prunk und Pracht und alledem!
Der brave Mann, wie dürftig auch,
Ist König doch trotz alledem!

Heißt "gnäd'ger Herr" das Bürschchen dort,
Man sieht's am Stolz und alledem;
Doch lenkt auch Hunderte sein Wort,
'S ist nur ein Tropf trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz Band und Stern und alledem!
Der Mann von unabhängigem Sinn
Sieht zu, und lacht zu alledem!

Ein Fürst macht Ritter, wenn er spricht,
Mit Sporn und Schild und alledem;
Den braven Mann creirt er nicht,
Der steht zu hoch trotz alledem:
Trotz alledem und alledem!
Trotz Würdenschnack und alledem -
Des innern Werthes stolz Gefühl
Läuft doch den Rang ab alledem!

Drum jeder fleh, daß es gescheh,
Wie es geschieht trotz alledem,
Daß Werth und Kern, so nah wie fern,
Den Sieg erringt trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Es kommt dazu trotz alledem,
Daß rings der Mensch die Bruderhand
Dem Menschen reicht trotz alledem!

[Nach Robert Burns. Ein Glaubensbekenntniß – Zeitgedichte von Ferdinand Freiligrath, 1844]

Blutgrätsche die erste ...

„Politiker fordern Rauchverbot in WM-Stadien“ zu lesen in der Ärztezeitung: "Während der Fußball-WM sollte für den gesamten Stadion-Bereich ein Rauch- und Alkoholverbot erlassen werden", meldet Klaus Kirschner (SPD), denn Fifa und DFB sollten wissen, dass der Sport eine wichtige Vorbildfunktion hat.

Da scheinen jetzt nicht nur die Blutgrätsche und der Bodycheck, leider auch nicht die Gehälter gemeint sein. Au weia, Fussi-WM als Kindergeburtstag und geraucht und gesoffen wird biddeschön draussen. Und das gute alte „Keine Macht den Drogen“ uups nein hier oder hier wird hinter der verstaubten Schrankwand hervorgezerrt ... und die Gäste werden schon merken, dass wir es nur gut mit ihnen meinen ... Andererseits wäre die einfachste Lösung doch wieder mal ein Stadionverbot von arg bekifften Bundestaghinterbänklern ... oder Klausi?

Donnerstag, Juni 16, 2005

Es ist ...

Es ist nicht schön, in Russland tot zu sein. Die
Bäume sind so fremd. Und die Steine stöhnen
manchmal. Und die Wälder schreien nachts.
Alles ist fremd.

[Wolfgang Borchert]

catch me ...

catch me ...
catch me ...,
originally uploaded by BusterG.
An einem 16. Juni 1815, zwei Tage vor Waterloo, erringt Napoleon Bonaparte seinen letzten Sieg in der Schlacht bei Ligny und ich versuche zurückzurechnen, wann ich meinen errungen habe. Seit Tagen Meeting, Briefing, Motivations-, Multiplikatoren- und Stake Holder-Gespräche, Fehlerstatus, Feedback, Rollback, De-Briefing, Lenkungskreis, Steuerungsausschuss, Führungskreis, Mitarbeitergespräch, Anwenderkreis, kontinuierlicher Verbesserungsprozess, Evaluation mit begleitender Ist-Analyse, teilnehmende Beobachtung, Prozesssimulation zur Ermittlung von Bottlenecks, Arbeitsanweisungen, Durchführungserlass, Prozessoptimierung, Kundenzufriedenheit, Arbeitsessen, Vieraugengespräch, Videokonferenz - das ganze auf Grundschulausflugsniveau, unerträglich zumindest seit Tagen ... dieses Gefühl im falschen Film zu sitzen, Waterloo näher denn Ligny. Und die trügerische Hoffnung, dass der Vorführer seinen Irrtum bemerkt und den richtigen Film einlegt ... „Hoffnung gibt es schon, aber nicht für uns“ [Franz Kafka, Pessimist].

Mittwoch, Juni 15, 2005

seestück

Fischerboote
Fischerboote,
originally uploaded by BusterG.
eines abends, da war es das meer
mit wolken besegelt und fahnen
schwärmte es aus, sprang es auf
bänke und tische, löschte den wein
in den gläsern, brach mit der
hauenden woge die bärte der schlüssel
die ösen, und manchmal dein schweigen
beizte sein salz in die schultern
mit denen wir schwammen und sanken
zerriss mit dem knallenden wasser das
inlet der sprache, da waren wir stumm
und rot, und rochen nach fisch
drang bis ans heft mit der nässe in
alle sekunden, seichte wie steile
warf uns aufs bett wie zwei kiesel
die brandung und rollte und rollte
das blut in immer glattere steine

[Gerhard Falkner]

Dienstag, Juni 14, 2005

Meine Seele ...

Hamburg-Barmbeck
Hamburg-Barmbeck,
originally uploaded by BusterG.
Meine Seele ist eine Schlange,
Die ist schon lange tot,
Nur manchmal in Herbstesmorgen,
Entblättertem Abendrot
Wachse ich steil aus dem Fenster,
Wo fallende Sterne sind,
Über den Blumen und Kressen
Meine Stirne spiegelt
Im stöhnenden Nächte-Wind.

[Georg Heym]

Montag, Juni 13, 2005

MOMENT'S NOTICE

MOMENT'S NOTICE
MOMENT'S NOTICE,
originally uploaded by BusterG.
Gestern Abend in Bonn: Melodiereicher Jazz gespielt von MOMENT´S NOTICE mit Bonn’s Schlagzeugerin Heike Duncker. Die Bandleaderin, Gitarrist Uwe Arena, Jörg Siebenhaar am Akkordeon und Bassist Sascha Delbrouck präsentierten vornehmlich eigene Kompositionen, die sich im Latin - Jazz und sanft groovenden Balladen ansiedeln. Atemberaubend vor allem die Interaktion der Musiker untereinander ...

Rajzel Zychlinski ...

Rajzel Zychlinski, eine der größten Lyrikerinnen in jiddischer Sprache, starb am 13. Juni 2001 in Kalifornien.

I Remember

I remember -
It was a day
like today -
I was alone in a park.
The benches were empty and abandoned,
as if they knew
that never again
would anyone sit on them.
Slowly the leaves were falling,
counting the autumns on the earth.
Silence was all around,
as before a storm.
In what country was that?
In what city?
It was a temple
without a God
and without worshipers.
And how did I save myself
from there?

[Jacob Patt gewidmet, Übersetzer Barnett Zumoff.
Rajzel Zychlinski: Shvaygndike Teern - Silent Doors, New York, 1962]

Ins Lesebuch für die Oberstufe

lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne:
sie sind genauer. roll die seekarten auf,
eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht.
der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor
schlagen und malen den neinsagern auf die brust
zinken. lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
das viertel wechseln, den paß, das gesicht.
versteh dich auf den kleinen verrat,
die tägliche schmutzige rettung. nützlich
sind die enzykliken zum feueranzünden,
die manifeste: butter einzuwickeln und salz
für die wehrlosen. wut und geduld sind nötig,
in die lungen der macht zu blasen
den feinen tödlichen staub, gemahlen
von denen, die viel gelernt haben,
die genau sind, von dir.

[H. M. Enzensberger]

Flughafen Köln

Flughafen Köln
Flughafen Köln,
originally uploaded by BusterG.
morgens 5:30
die raucher draussen vor der abflughalle terminal 2
in urlaubslaune ...
ich gehe missmutig vorbei zur business class

Sonntag, Juni 12, 2005

Undercover-Organisation

Die Initiative ist keine Partei, kein Verband und keine Bürgerinitiative – und dennoch eine sehr mächtige Stimme in der politischen Debatte. Man kann kein Mitglied werden, sie nicht wählen und auch nicht auf den üblichen Wegen Inhalte mitbestimmen. Hüten wir uns vor dem angestrebten "Triple Down-Effekt" ...

Okudschawa

Bulat Schalwowitsch Okudschawa starb 63jährig am 12. Juni 1997 in Paris. Der russische Dichter und Chansonnier ist Mitbegründer des sowjetischen Autorenliedes und galt als der Bob Dylan der Sowjetunion.

The Little Song
Consciousness, magnificence and dignity –
Our spiritual nobility.
Stretch your palm to it, ‘cause for the sake
Such a thing, one can raise to the stake.

Its air is and wonderful and glorious.
Dedicate to it all your life’s span.
Maybe, you would ne’er become victorious,
But you’ll die as dies a real man.

[1964, Übersetzung: Yevgeny Bonver]

Nicht immer will ich ...

Nicht immer will ich
Der sein, der zu den Dingen
Dieser Erde geht
Und sich erklärt
Einmal kann doch auch
Der Berg, bitte sehr
Bei mir erscheinen
Und sich hinhalten den Steinen
Die herfliegen und mich meinen
Er kann laut sagen, daß
Wahnsinn das andere
Unzutreffende Wort für
Das Ent-rückt-Sein
Und der Dichter
Ein menschlicher Berg ist
Den Wind will ich
Bei mir wissen, damit er
In mir nach Gewalten fahndet
Zum Sturm wachsen lernt
Und niederwalzt, was nicht verdient
Lebensraum zu füllen
Alle ausgesetzten Träume
Dürfen sich Nacht für Nacht
Unter meinen Fittichen einnisten
Ich werde sie abrichten
Gegen die Geier

[Galsan Tschinag]

Samstag, Juni 11, 2005

Die klügste Nacht des Jahres ...

... merken Sie schon was? Bis 1 Uhr sollte es aber passiert sein, sonst müssten Sie wieder 100 Jahre warten ...

Kabalistische Analyse II …

Aus der Kombination von WASG und PDS ist nichts, aber auch gar nichts rauszuholen. Die mächtigsten Anagramm-Maschinen des all-gewaltigen Internetzes finden nichts, aber auch gar nichts – schon nach Sekunden stellen sie beleidigt die Arbeit ein. Eigentlich also eine ideale Gelegenheit das einfach (in welcher Reihenfolge auch immer) als Claim festzulegen, mit politischem Leben auszufüllen und überhaupt endlich mal ordentliche Politik zu machen ...

Aber das wäre doch zu einfach … Der Parteivorsitzende Lothar Bisky erklärt uns was:
„Der PDS Parteivorstand schlägt dem Parteitag vor, dass die PDS künftig den Namen "Demokratische Linke - PDS" führt. Die notwendige Diskussion für das Zusammengehen der beiden linken Kräfte soll in Umsetzung der Vereinbarung nach der Bundestagswahl 2005 in Gang gesetzt werden.“
Aus „Demokratische Linke PDS“ lässt sich dagegen jede Menge herauslesen:

LACHENDE KPD MIT RISSE OK
Das ist doch schon ein guter Anfang, das Positive wird durch das LACHENDE verkörpert, die Urmutter aller linken Parteien taucht integrativ auf und MIT RISSE OK zeigt Gegenwartsbezug, kritische Distanz zu den Schönfärbereien des täglichen rat race …

MAEDCHENLID SPRITE KOKS

Die lyrisch-jugendliche Variante hat so einen Hauch Rilke-Projekt (Bisky formt Rilke-Gedichte aus Knetmasse), eine amerikanische Zuckerlimo deutet an, dass auch nach dem Wahlsieg noch amerikanische Musik im öffentlichen Rundfunk gespielt werden darf und gibt einen ersten Hinweis auf die künftige Drogenpolitik … Herr K. Wecker zwischenapplaudieren Sie!

MACHE KID DORNE SEKT PILS

Das KID zeigt Weltgewandtheit, die DORNE erinnert dass nicht alles schmerzfrei verlaufen wird, aber am Ende nach dem Sieg gegen das Böse gibt es SEKT PILS in Strömen … wer könnte da noch Politikverdrossen abseits stehen?

MACHE DIEK SPD ROTE LINKS

Die Zeichen von Pisa werden hier unmittelbar in den Claim übernommen: Mit DIEK statt DICK wird schonungslos die Schulpolitik der herrschenden Klasse angeprangert und so werden die ROTEn LINKS von der SPD (fast hätte ich jetzt PDS geschrieben, man muss aber auch verflucht aufpassen) DIEK gemacht, gewinnen ergo 18% oder so.

ACHTENDE SPD KRIM LIES OK
Dass die Hauptkonkurrentin nicht schläft hat jeder erkannt, aber welches Erfolgsrezept ist das Beste? Ist es OK einen Mankel [KRIM(i)] zu lesen oder ist hier gar die Halbinsel im Schwarzen Meer gemeint. Nicht alle Antworten können wir beim ersten Schritt erwarten, dass ist gewiss ...

SAECKE DENKT DOM IHR PILS
In der alkoholfreien Form ist PILS durch SLIP zu ersetzen. Ein Hinweis auf den allmächtigen Einfluss der Kirche in der die SAECKE seit locker 2000 Jahren vor sich hin DENKTen und sich mit Bier und/oder Frauen vergnügen während das Volk unter Hartz IV darbt …

SAECKE SEID KPD LOHNT MIR
Eine offensichtliche Anspielung auf das Quiz „Der Prominente im Sack“ – die Älteren unter uns werden sich wehmütig erinnern. Und die Gewissheit, dass Gysi und Lafontaine sich schon lohnen werden. Die Parteibasis (pardon –basen) sollen sich nicht in Berührungsängsten mit ihren Diven verlustieren …

COSA KPD DER SEHE INKL MIT
Jetzt die italienische Variante, die mit COSA KPD auch unsere ausländischen Mitbürger und versprengte Euro-Kommunisten ins Boot holt. DER SEHE INKL MIT ist offensichtlich das Steuerprogramm der nächsten Legislaturperiode: Eine Mehrwertsteuererhöhung um rund 18% bei gleichzeitiger Abschaffung der Flugbenzinbezuschussung wird uns alle lehren, dass es auch im berlusconischen Oberitalien schöne Ecken zu entdecken gibt.

CARS TILDE KPD KOHM INS
Ein Fanal gegen Globalisierung: Nur wenn die Autoindustrie wieder in ihre Schranken verwiesen wird (CARS TILDE) kann die grosse Partei ins @ kommen. Beim „@“ kann regional/lokal/pro Stockwerk eine Vision eingetragen werden, wir wollen uns doch nicht gleich am Anfang über unsere Ziele streiten oder gar einig sein?

DA KRITISCHE DM SPLEEN OK
Die Währungspolitik im Zentrum der Realpolitik wird der kritische Umgang mit der Deh Mark DM hier eingefordert, kleine Verfehlungen (SPLEEN) müssen freilich auch verziehen werden können, wenn wir tapfer und vereint voranschreiten wollen: Die Stalinisten sollten sich etwas zurücknehmen und nicht jeden Abweichler gleich nach Hoyerswerda verschicken wollen.

DANKE DRECK IHM OSTE PILS

Hier scheint sich die PDS mit dem Fokus auf den OSTE(n) durchgesetzt zu haben, dem PILS in Strömen versprochen wird. Der DRECK dagegen geht an den politischen Gegner hier vorausschauend geheimnisvoll IHM bezeichnet, um einer Abmahnung in der Hitze des Wahlkampfes zu entgehen. Das DANKE bekommt der potentielle Wähler gleich gratis dazu.

SICHERN KPD MIT DAS KLO
Dass menschliche Bedürfnisse wichtiger sind als jede NATO-Balkan-Bombardierung und sozialer Friede nur gelingen kann, wenn ausreichend öffentliche Urinale zur Verfügung stehen (zumal hier ja ständig von Alkoholika die Rede ist) müssen wir nicht erst bei Max Weber abkupfern und ist integraler Teil der assoziativen Selbstbestimmung des in Verhaltensexegese bla bla bla ...

Wenn grade weltweit die Performance etwas in Stocken gerät ist das meine Suchanfrage … ich glaube ich breche sie besser ab bei 487275 Vorschlägen, bevor wegen mir die weltweiten Kapitalströme in geräuschvollem Katarakt in den endlosen schwarzen Samstag stürzen …

Gute Besserung ...

„... wünscht Ihnen Ihr Apotherteam“
Das also ist mein Präsent für rund 250 Euro Umsatz: Zehn Papiertaschentücher gesponsort von einem Arzneimittelhersteller, der doch immerhin laut Eigenwerbung Arzneimittel meines Vertrauens produzieren und mit „Wir haben etwas dagegen“ die Frage beantworten „Sind gute Arzneimittel bald unbezahlbar?“ Nein sicher nicht ganz. Wir sollen sie grade noch bezahlen können ... zu billig kann nicht wirken (auch wenn in ganz Europa die Medikamente billiger sind) und zu teuer sorgt für zu wenig Umsatz …
Wir bitten um Ihr Verständnis …

Freitag, Juni 10, 2005

Ein Freund ein guter Freund ...

Sie ahnen es schon, ich bin noch immer bei der wahrscheinlich beliebtesten und natürlich nicht-rauchenden Comic-Figur.
"Sie traf sich mit Franziska im Café; das Kind neben ihr las ein Comic-Heft. Franziska zeigte darauf und sagte: Diese Ente ist die einzige von den Heftchenfiguren, die ich in meiner Klasse zulasse. Ich fordere sogar auf, seine traurigen Abenteuer zu lesen. Die Kinder erfahren an diesem immer zu kurz kommenden Tier mehr über die Daseins-Formen, als sie in der gutsituierten Haus- und Grundbesitzerlandschaft hier sonst jemals mitkriegen werden ...." [Handke, Peter: Die linkshändige Frau. Frankfurt/M 1989, S. 26.]
Peter Handke betont einerseits den pädagogischen Wert und damit auch implizit die Wirklichkeitsnähe der Donald-Duck-Comic-Figur, gleichfalls macht er an anderer Stelle aber auf Donalds schematischen und stereotypen Verhaltensmuster aufmerksam:
“Der Westmann wird gehen wie ein Westmann.
Der Matrose wird gehen wie ein Matrose.
Der Spanier wird gehen wie ein Spanier.
Gary Cooper wird gehen wie Gary Cooper.
Donald Duck wird gehen wie Donald Duck.“
[Handke, Peter: Weissagung. In: ders.: Stücke 1. Frankfurt/M 51979., S. 55.]

Andererseits sind stereotype Verhaltensmuster durchaus geeignet, wenn es um wünschenswerte Eigenschaften für eine Beziehungsperson geht, die "Freund" sein kann. Donald ist mein Freund: Seine Erfolglosigkeit sind mein täglicher Erfolg, seine Herrschsüchtigkeit und sein Despotismus lassen mich souverän und smart erscheinen und seine Wehleidigkeit erhöht mich zum Heroen ...

Und das ist umso wichtiger, als dass viele Raucher über das Gefühl berichten, dass sie mit der Aufgabe des Rauchens einen Freund verloren hätten. Glauben auch ich das? Warum rauche ich dann nicht? Weil es einfach nicht stimmt, ich haben keinen Freund verloren, ich haben ihn verlassen, weil er kein Freund ist ... Denn dieser Glaube an den Freund und Helfer gehört zur Sucht so wie jeder Alkoholiker glaubt, dass ihm das Trinken hilft, so wie der Esssüchtige glaubt, dass das Essen glücklicher macht, so wie der Heroinsüchtige glaubt, dass ihm der Schuss den richtigen Kick gibt, so glaubt der Raucher, dass das Leben mit den Ziggis mindestens doppelt so viel Lebensqualität bringt - Raucher-Gehirnwäsche eben ...

Und dies führt wieder zurück zu meinem Freund Donald im Lichte der Frankfurter Schule: Adorno und Horkheimer kamen bei der Betrachtung der Wechselbeziehungen von Massenliteratur und Gesellschaft zu einem skeptischen Fazit:
"Donald Duck in den Cartoons wie die Unglücklichen in der Realität erhalten ihre Prügel, damit der Zuschauer sich an die eigenen gewöhnen kann."
[Adorno, Theodor W.; Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. In: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Bd. 5. Frankfurt a.M. 1987, S. 164.]

Michael Rutschky greift diesen Ansatz auf und führt ihn weiter aus:
„Sie [die Intellektuellen im Rahmen der Studentenbewegung] erblicken in diesen Geschichten den Beweis ihrer Theorie vom ewigen, quasi naturgeschichtlichen Kreislauf des Kapitals, aus dem Erlösung nur durch die Kunst der Interpretation möglich ist. Diese verhexte Welt des Donald Duck, in der der amerikanische Mittelständler Donald in jedem Kreislauf der Geschichte eine Niederlage erleidet aber überlebt, ohne etwas hinzuzulernen und im gleichen Kreislauf sich das Kapital von Dagobert Duck akkumuliert; und im gleichen Kreislauf die Panzerknacker als die Stadtguerilleros mit todsicherer Regelmäßigkeit im Gefängnis landen und die Vergeblichkeit ihres Widerstandes einbekennen müssen. Das ist zum Lachen genau die Welt, wie sie die Kritische Theorie entworfen hat. In ihr erscheint die Zirkulation des Kapitals als die treibende Kraft einer Geschichte, die sich im Kreise zu drehen scheint. Entenhausen ist für diese Theoretiker völlig transparent ... " [Rutschky, Michael: Erfahrungshunger. Köln 1980, S. 17]

Der Comic als die Schule des herrschenden Systems und Ort der Einübung der gewünschten Form sozialen Handelns? Also Donald bleibt mein Freund, insbesondere wo ich doch schon den anderen „verloren“ habe.

Donnerstag, Juni 09, 2005

Donald Duck lebt ...

„Vielleicht, wenn ich mich hier hinsetze und auf die Sumpfhühner starre, die im Sumpf rumsumpfen. vermeide ich allen Ärger.“
[Donald Duck in „Vom Pech verfolgt“]

Es ist gar nicht so lange her, als ich meine Bekannten noch dadurch verwirren konnte, dass in meinen Regalen zwischen den Büchern, die in aller Regel in einer durchschnittlichen Buchhandlung als „Klassiker der Weltliteratur“ bezeichnet werden, ich ein paar bunte Sammelbände von Donald Duck, Gaston oder dergleichen einordnete, obwohl ich das nachstehende Artmann-Zitat [Artmann, H. C.: Grammatik der Rosen. Gesammelte Prosa. Hrsg. von Klaus Reichert. Band 2. Salzburg und Wien 1979, S. 104.] nicht kannte, sondern nur inhaltlich teilte:
"Der einzige Mensch, der es heutzutage noch versteht, ordentlich die Welt zu besehen, ist Donald Duck. Aber der hat auch einen schwerreichen Onkel, der ihn, obgleich ein Geizkragen von Rang, häufig auf Reisen mitnimmt oder auf solche ausschickt, irgendwohin, meistens nach Inseln, um dort nach dem rechten zu sehen. Ich schätze daher den Donald Duck, trotz seiner bisweilen kaum entschuldbaren Ungeschicktheit, sehr. er ist der letzte, der mir von allen großen Weltdetektiven geblieben ist."

Wohl bekannt war mir dagegen, dass der amerikanischen Literaturwissenschaftlers Leslie A. Fiedler seinen legendären Vortrag „Cross the Border - Close the Gap“ bereits im Juni 1968 gehalten hat [zu finden u. a. in: Wittstock, Uwe: Roman oder Leben. Postmoderne in der deutschen Literatur. Leipzig 1994, S. 14-40.]. Fiedler entwickelt darin die Forderung, die Kluft zwischen ernster und unterhaltender, zwischen Hoch- und Trivialliteratur zu schliessen, da zur künstlerischen Darstellung der Wirklichkeit eine Auflösung aller Kanons, aller konventionellen Autoritäten nötig sei ...

... Ich erwähne das hier übrigens nur, weil am 9. Juni 1934 Donald Duck zum ersten Mal in einem Zeichentrickfilm auftritt.
„Was starrst du mich an, o Ungeheuer? Zuckt schon der Mörderdolch in deiner Hand?“
[Donald Duck in „Theaterfimmel“]

Artmann betonte in seinem 1964 erschienenen, Roman „Das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken, eintragungen eines bizarren liebhabers“:
„Es wäre heute immerhin an der Zeit, sich bei uns zu bequemen, Comic Writing als das anzuerkennen, was es schon längst geworden ist, nämlich Literatur. Gelesen wird sie von den 97%, die keine Ahnung von Joyce oder Musil haben [sei's drum], doch wäre es meiner Meinung überaus wichtig, daß sich die 3%, die Joyce und Musil [seit wann tun sie's überhaupt?] zu lesen vorgeben, auch über Comic Writing informieren wollten. Was geschieht indes aber tatsächlich? Der Intellektuelle lächelt bei solch einer Zumutung nachsichtig, kommt sich für derartige Kindereien zu gut vor
...“ [Artmann, 33f.]

Diese „Zumutung“ hat sich sicherlich nach so vielen Jahren etwas reduziert wie auch die Zahl derer, die dies als solch eine Zumutung empfinden. Allen Grenzgängern zur Belohnung:

"CONTINUED:
Das Ufer aus dem letzten Heft:
PLUTO steigt fluchend und hundenaß aus dem Wasser des winterlichen Waldsees. Er knirscht laut.
PLUTO: Knirsch.
Während die Eiszapfen von der Blockhüttendachrinne weihnachtlich läuten, fliegt ein Schwarm Schneegänse ungerührt vorüber.
PLUTO: Prff.
DONALD, SANTA CLAUS, RED RED ROBIN und MICKEY kommen aus dem Haus und lachen über den knirschenden PLUTO.
DONALD nimmte eine große Visitenkarte aus seinen Matrosenanzug:
DONALD DUCK
PLUTO: Seid bloß nicht so albern, ihr.
Die Kinder lachen und moven weiter on." [Artmann, S. 157.]

Geht’s denn noch dramaturgisch dichter?
„Irgendwas rät mir, unverzüglich den Rückzug anzutreten.“
[Donald Duck in „Die Macht der Töne“]

Mittwoch, Juni 08, 2005

Sind wir nicht alle ein bisschen gaga?

Sicher: Am Wikipedia zu arbeiten gehört heutzutage als blogger einfach zum guten Ton, aber ich möchte an heute zu noch mehr Aufopferung und Heroentum auffordern: Das Projekt „Gemeinsam an Gutenberg arbeiten“ fordert alle auf, beim Korrekturlesen der gescannten Texte als dem zeitaufwendigste Teil der Erstellung des Gutenberg-Archivs zu helfen. Ab sofort kann jeder beim Korrigieren helfen. Unter dieser Adresse können im Projekt GaGa einzelne Seiten korrigiert werden. Das Ziel von mindestens 100.000 Seiten bis zum Jahresende kann nur durch die Mitarbeit von vielen erreicht werden.

Ach und feiern könnten Sie heute auch ein bisschen mit Sir Timothy J. Berners-Lee, geboren am 8. Juni 1955 in London, der als Erfinder des World Wide Webs gilt. Schaun Sie doch auf ein Gläschen vorbei ...

Rauchen beim Autofahren verboten?

Die CDU-Politikerin Katharina Reiche hat in diversen Boulevard-Zeitungen die Forderung nach einem Rauchverbot in Kraftfahrzeugen erhoben: „Zigaretten am Steuer lenken genauso ab wie telefonieren mit dem Handy.“ Mein Kultraucher-Kollege hat zwischenzeitlich schon mal ausgerechnet, dass sich für ihn der Weg zur Arbeit wegen der zahllosen Zwischenstopps vervierfacht, fragen immer mehr besorgte Autofahrer: Was wird als nächstes verboten?

Dienstag, Juni 07, 2005

Mondestrunken

Letzten Sonntag in Bonn:
„Sie kann - und das hat mich immer fasziniert - so etwas wie eine himmlische Sphärenmusik machen, etwas, was mit einem sehr deutschen Wort bezeichnet werden könnte und das ich mit mehr oder weniger Erfolg zu übersetzen versucht habe. Das ist die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach irgendwo anders hin aufzubrechen. Das ist gleichzeitig ein wenig romantisch und der Versuch, über die Wirklichkeit hinaus zu schauen ...“ [… aus dem Roman INGRID CAVEN von Jean-Jacques Schuhl]

… Ingrid Caven sang zu Ehren des "wilden Kindes" Rainer Werner Fassbinder Texte von Edith Piaf, Hans Magnus Enzensberger, Jean-Jacques Schuhl, Kurt Weil, Bertolt Brecht, Rainer Werner Fassbinder, Oscar Wilde, Albert Giraud, Arno Schmidt, Léon-Paul Fargue, James Jooyce, Johannes Brahms und Johann Sebastian Bach zur Musik von Peer Ravben, Kurt Weill, Arnold Schönberg, Erik Satie, John Cage und Charles Gounod …

Ingid Caven: Nachmittag eines Stars

Ich habe heute keine Lust
Zu tingeln, zu tingeln, zu tingeln.
Heute bleib ich einfach liegen
Und lass das Telefon
klingeln, klingeln, klingeln.

Ich seh die Wolken vorüberfliegen.
Es sind immer dieselben, es sind immer neue,
immer dieselben.
Ich weiß nicht, was ich bereue.

Das Telefon läutet schon lange, schon lange,
schon lange nicht mehr.
Ich habe nichts anzuziehn.
Meine Kleider sind mir zu grau und zu beige
und zu blau und zu dünn und zu dunkel,
nein, zu hell!

Diese Wolken sind nichts
und wieder nichts.
Aber schön sind sie,
wie sie weiss und schnell
an mir vorüberfliegen.

Nur ich,
ich bleibe liegen.
Ah.

[Text: Hans Magnus Enzensberger/Musik: Peer Raben]

Buster astrologisiert …

Seien Sie heute mal nicht so bescheiden, man muss sich auch mal was gönnen können. Nein, ich denke jetzt nicht an eine Romeo & Juliette, ruhig etwas kaprizöser, eine Weltenteilung sollte es schon sein ...

... ganz nach historischem Vorbild: Die Seemächte Portugal und Spanien schlossen am 7. Juni 1494 auf Betreiben von Papst Alexander VI. den Vertrag von Tordesillas der die Welt in eine portugiesische und eine spanische Hälfte aufteilte: Portugal wollte damit die Kontrolle des Seeweges nach Indien entlang der afrikanischen Küste behalten, Spanien dagegen wollte sich die Kontrolle und die Rechte über die erst kürzlich von Christoph Columbus entdeckten Länder im Westen (das für Indien gehaltene Amerika) sichern ...

... über die lecker Kuba-Zigarre kann ich ja mal nach der Aufteilung der Welt nachdenken …

18.000 ...

18.000 Zigaretten und 200 Tage nicht geraucht ... geht doch!

Vom Verrat der Freude

Einer der zornigsten Texte der Philosophie des 20. Jahrhunderts ist eine kurze Schrift Max Schelers mit dem Titel „Vom Verrat der Freude“ von 1922. Scheler wendet sich darin gegen eine Haltung, die man als kollektive „Glücksfeindschaft“ bezeichnen könnte:

„Der Verrat der Freude beginnt mit Kant, der … dem flachen Eudaimonismus des Zeitalters der Aufklärung sein herbes antieudaimonistisches, erhabenes Pflichtideal des kategorischen Imperativs entgegengestellt hat. ... Wenn nur Kant nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hätte! Wenn nur Kant nicht auch die tieferen, ungesuchten - nennen wir sie die „quellenden“ Freuden zugleich „verraten“, d. h. in ihrer Bedeutung für den sittlichen Lebensprozeß des Menschen so ganz falsch eingeschätzt hätte, als er mit Recht das fade, allzu bürgerliche Bequemlichkeits- und Zufriedenheitsideal der Zeit zerstörte, in der er aufgewachsen war ...; wenn Kant nur bei dem Worte „Glück“ noch an etwas anderes hätte denken können als an eben das fragwürdige Seelen“glück“ seiner Zeit, an sinnliche Zustandslust ...! ... Kants Autorität ... war bestimmend für Fichte, ferner für Hegel, dem auch „die Weltgeschichte nicht der Boden des Glückes“ ist,... und ... in anderer Richtung auch für ... Schopenhauer.... Und selbst der große Werterevolutionär Nietzsche erklärt emphatisch: „Trachte ich denn nach Glücke? Ich trachte nach meinem Werke!“

All diese Autoren geisselt Scheler für deren „heroizistischen Anti-Eudaimonismus“, „die fast schmerzlüsterne heroische Glücksverachtung“. Heterogen wie ihre Positionen sonst sind, könnte man fast meinen, dass sie in kaum mehr übereinkommen als eben in der Glücksfeindschaft …

[Max Scheler: Vom Verrat der Freude. In: Gesammelte Werke, Bd. 6, Bern; München 1973, S. 73-76]

Montag, Juni 06, 2005

Jean Cayrol

L´Ange de Midi

L´ange de midi frappe a la porte
j´apercois dans ses yeux ce qui reste de la vie
un peu de terre, un pont détruit,
un ciel aimé, des branches mortes.

L´ange de midi a tellement faim
qu´il dort debout les yeux clos.
Qui de nous lui tend la main?
L´ange de midi ne dit plus un mot.

L´ange de midi garde une levre pour la soif
que deviendra-t-il, nul ne le sait.
Au coeur saignant, jour enchanté,
lune blanche et tendre d´hiver.

L´ange de midi dort sur mon épaule
déja raidi comme un bois encore vert,
l´ange ébloui de paix que vous étiez
sur les levres memes du pere.

Entends le son si grele de la faim!
Il est miniut sur l´ange de midi.
Ou courez-vous sur l´aile qui se plie?
Son ombre est la qui finit notre faim.

[Jean Cayrol, Alerte aux ombres, Fevrier 45, Edition du Seuil, Paris 1997]

Der Engel des Mittags

Der Engel des Mittags erschreckt mich am Tor.
Ich erkenne in seinen Augen das, was vom Leben bleibt:
Ein wenig Erde, eine zerstörte Brücke,
ein geliebter Himmel, die toten Zweige

Der Engel des Mittags hat so sehr Hunger,
dass er stehend schläft mit geschlossenen Augen.
Wer von uns reich ihm die Hand?
Der Engel des Mittags sagt nie ein Wort.

Der Engel des Mittags hält Wache über den Lippen des Dursts,
den niemand mehr erkennt, wenn er kommt.
Im blutenden Herzen steht am Tage des Jubels
der weisse und zarte Mond des Winters

Der Engel des Winters ruht auf meiner Schulter,
schon schwingend wie ein noch grünes Holz.
Der Engel blendet mit dem Frieden,
den ihr nur haben werdet auf den Lippen des Vaters.

Hört den Ton, es trommelt der Hunger wie Hagel.
Es ist Mitternacht beim Engel des Mittags.
Wo werdet ihr laufen? Auf den ausgebreiteten Flügeln?
Sein Schatten ist schon da, der unseren Hunger beendet.

[Übersetzung: Martha Gammer]

Jean Cayrol wurde am 6. Juni 1911 in Bordeaux geboren. Er kam 1943 als einer der jüngsten Deportierten in das KZ Mauthausen und wurde dort im Strassenbau, bei der Schienenverlegung und im Steinbruch eingesetzt. Cayrols Aufzeichnungen gingen bei der Befreiung verloren und wurden 10 Jahre später von einem unbekannten Deutschen übermittelt ...

Buster warnt ...

Also wie soll ich’s erklären, liebe Ex-Raucherinnen und Raucher die ihr Trost im Buch der Bücher sucht: Ungefährlich ist das auch nicht und wohl nur eine Frage der Zeit, dass die EU-Gesundheitsminister da dicke Warnhinweise draufkleben: Glauben kann tödlich sein | Psalme lassen Ihre Haut altern | Bibellesen in der Schwangerschaft schadet Ihrem Kind | Religion kann zu Durchblutungsstörungen führen und verursacht Impotenz … also geben Sie obacht!

Sonntag, Juni 05, 2005

Drei Geburtstage und ein Todesfall ...

Peter Erskine, am 5. Juni 1954 in Somers Point, New Jersey, geboren, ist einer der vielseitigsten und meistbeschäftigten Jazzdrummer der letzten Jahrzehnte. Sein Spiel zeichnet sich durch makellose Hand- und Fusswerklichkeit und durch Interaktivität, vor allem mit Bassisten, aus. Erskine hat bislang an rund 400 LP- oder CD-Produktionen teilgenommen. Der Hörtipp gegen die Schmacht ist heute „Badlands“ (Fuzzy Music, 2002).
„Er zersetzte, was im Mundraum morsch geworden war, und fügte anderseits zusammen, was ihm an Sprachbruchstücken von allen Seiten her zufiel. Benns Forderung nach dem Kalthalten des Materials machte er sich zu eigen; zugleich erprobte er, in der Tradition eines Hugo Ball oder Ernst Jandl, die Rückführung des Gedichts in gesprochene Sprache."
[Weltliteraturen – Literaturen der Welt, 4/2002]

Thomas Kling, am 5. Juni 1957 in Bingen geboren, galt als Star unter den neuen Experimentellen. Lyrikperformer, Rock- und Slam-Poeten konnten von ihm lernen, wie man Wörter ätzend, scharfkantig und aufmüpfig macht. Unvergessen seine virtuosen Performance. Buchstaben verwandelte er in "brennstabm", feurige Infernos … Kling starb am 1. April 2005 in Dormagen an Lungenkrebs.
bläue

anläufe; anläufe, es ans laufn
zu kriegn; diese blindanläufe für
leitmotive, für handzeichn. reanimations-
versuche am themen-, am textkadaver wobei
di zungnspizze sichtbar wird: di helfer-
zungn zungnhelfer beim hantieren; dies
handfläche auf handrükkn pumpm pumpm bis
di rippm knakkn. helfershelferzungn. was
di leistn beim überm herzaas hantiern.
ein schaun, ein schaum in di runde; ein
zukkn mittn schultern, mit den zungn in
stillem, ständig wiederkehrendem licht.

[Thomas Kling: Gedichte, in: ZdZ Heft 4, 1994]
David Hare wurde am 5. Juni 1947 in Sussex geboren. Als Augenschmaus empfehle ich heute sein filmisches Erstwerk, das Drama „Wetherby“ mit Vanessa Redgrave, Ian Holm und Judi Dench in den Hauptrollen. Der Film heimste auf der Berlinale 1985 den Goldenen Bären ein.

Dieter Roth starb am 5. Juni 1998 68jährig in Basel. Der Vertreter der Konkreten Poesie, der organischen Kunstobjekte und der Eat Art gestaltete in den 70er Jahren inhaltlich und grafisch eine Vielzahl von Buchobjekten, die eine Verwandtschaft mit dem dadaistischen Werk Kurt Schwitters zeigen ... Für alle, denen die Anreise nach Hamburg zu weit ist, hier der virtuelle Rundgang.

Fragmente

Fragmente,
Seelenauswürfe,
Blutgerinnsel des zwanzigsten Jahrhunderts -

Narben - gestörter Kreislauf der Schöpfungsfrühe,
die historischen Religionen von fünf Jahrhunderten zertrümmert,
die Wissenschaft: Risse im Parthenon,
Planck rann mit seiner Quantentheorie
zu Kepler und Kierkegaard neu getrübt zusammen -

aber Abende gab es, die gingen in den Farben
des Allvaters, lockeren, weitwallenden,
unumstößlich in ihrem Schweigen
geströmten Blaus,
Farbe der Introvertierten,
da sammelte man sich
die Hände auf das Knie gestützt
bäuerlich, einfach
und stillem Trunk ergeben
bei den Harmonikas der Knechte -

und andere
gehetzt von inneren Konvoluten,
Wölbungdrängen,
Stilbaukompressionen
oder Jagden nach Liebe.

Ausdruckskrisen und Anfälle von Erotik:
das ist der Mensch von heute,
das Innere ein Vakuum,
die Kontinuität der Persönlichkeit
wird gewahrt von den Anzügen,
die bei gutem Stoff zehn Jahre halten.

Der Rest Fragmente,
halbe Laute,
Melodienansätze aus Nachbarhäusern,
Negerspirituals
oder Ave Marias.

[Gottfried Benn. Gedichte in der Fassung der Erstdrucke, 1982, S. 379]

Mehr Spass beim Rauchen: Das Leben ist tödlich

Achtung! Bla bla bla! Bla bla bla! Die Rede ist von den Warnhinweisen und die sind ja nun wirklich ein alter Hut. Andererseits haben die Warnhinweise ja schon immer zu Gegenreaktionen geführt. Unter dem Motto: „Mehr Spass beim Rauchen!“ kann Mensch für lumpige 99 Cent pro Seite witzige Warnhinweise Sprüche kaufen und auf die Zigarettenschachteln kleben. Na wenn das mal kein Schnäppchen ist! Diese Investition hat laut Betreiber das Ziel „Ihre Zigarettenschachteln noch individueller, witziger, erotischer und interessanter zu gestalten“ … schön auch das Wörtchen „noch“ – ich will’s mir gar nicht ausmalen wie vereinsamte Raucher an langen Winterabenden ihre Zigarettenschachteln liebevoll individuell mit Bauernmalerei ausschmücken …
Hier meine unkommentierte Sammlung für spätere Biographen, Literaturwissenschaftler und verarmte Raucher, die die 99 Cent nicht aufbringen können (und natürlich jegliche Kombination dieser drei Zielgruppen). Es ging bei dieser bescheidenen Sammlung nicht grundsätzlich um Originalität, aber es sind auch ein paar witzige darunter:

Nichtraucher sind feige | Rachen hält die Weltbevölkerung im Gleichgewicht | Wer die hier frisst lebt auch nicht länger | Verreck dran | Zigaretten Rauch ist schädlich – meine Socken sind tödlich | Benzin trinken ist auch nicht besser | Lila Füße? Find ich schick! | Mein Arzt raucht auch | Rauchen rockt | Euer gesundes Leben kotzt mich an | Nur mit Dampf volle Leistung | Menschen mit Zigarette leben länger als Trinker am Steuer | Am Ende anzünden und sofort wegwerfen | Nichtrauchen ist gottlos: Gott hat den Tabak erfunden | Von Schokolade wird man eine fette Nichtrauchersau | Lass uns Schweinereien machen und danach rauchen | Wer nicht taucht lebt trockener | Ich Indianer, ich nix rauchen! - Das meine Handy! | Wer das Rauchen aufgibt, langweilt sich an der Bushaltestelle | Rauchen unter Wasser geht nicht: Fangen Sie gar nicht erst an! | Hilfe, ich kann meine Beine nicht finden | Rauchen kann vor wütenden Bienenschwärmen schützen | Seit die Warnhinweise größer sind, ist Rauchen wirklich viel gefährlicher | Rauchen an Tankstellen kann zu Explosionen führen | Rauchen macht glücklich | Rauchen kann eine warme Mahlzeit ersetzen | Wer schwarze Beine hat, braucht keine Strumpfhosen mehr | Tod sein ist gut! | Rauchen macht arm | Das Anzünden von Zigaretten an offenem Kerzenlicht tötet Seemänner | Ich bin notgeil und impotent | Rauchen finanziert den Kampf gegen Terror | Raucher ficken besser | Impotenz ist gut für die Haut | Alles kann tödlich sein | Tot sein kann ja auch Spass machen | Rauchen bildet | Der Weg zur Lunge muss geteert sein damit der Tod nicht ausrutscht | Traue keinem Päckchen über dreissig | Ich rauche mich impotent | Achtung Nichtraucher, ich vergifte Dich | Kettenraucher könnten länger leben als Nichtraucher in Ketten | Arbeiten bringt nix: Fangen Sie gar nicht erst an! | Es gibt schlimmeres als einen langsamen und schmerzhaften Tod | Du bist so dumm, dass es raucht | Rauchen macht schlank | Husten ist geil | Wir (Ziga)retten die Welt! | Ich bin Leistungsraucher | Wer einmal raucht, dem glaubt man nicht | Käsebrot kann im Halse stecken bleiben | Wollen wir vögeln? | Die Zigarette danach kann zur erneuten Erektion führen | Rauchen kann zu Armut führen | Ich kann’s mir leisten | Ich sterbe gerade unter grossen Schmerzen | Rauchen sterilisiert | Ich rauche, weil ich es brauche | Rauchen kann den Spermatozoen den nötigen Schwung geben | Rauchen ist viel gesünder als Teeren und Federn | Fahrradfahren macht auch impotent | Rauchen ist gesünder, wenn man dabei nicht atmet | Raucher sterben im Frühjahr | Achtung! Rauchen kann Ihre Zigarette verkürzen | Rauchen kann die Raumtemperatur erhöhen | Rauchen versaut die Gardinen | Küss mich, ich schmecke nach Aschenbecher | Krebsfutter | Raucher können die Wahrheit vertragen | Rauchen beim Sex kann als mangelndes Interesse gedeutet werden | Rucaehn fgüt Inehn und den Mnceeshn in Irher Ugbnmeug hrbeilhcen Shdcaen zu | Tauchen ist rötlich | 100 % cerealienfrei | Diese Packung enthält 20 Steuerbescheide | Rauchen kann Frauen anlocken | Rauchen fetzt - die Lunge | Rauchen ist gut für meine Fettleber | Achtung! Zurückgelassene Zigarettenkippen können verräterische Spuren am Tatort sein | Ich rauche, weil Du so stinkst | Rauchen lässt Ihre Frau altern | Mama, guck mal was ich kann! | Genug gelesen | Text vergessen | Wer Warnhinweisen glaubt, hat keine eigene Meinung …

… Immer dran denken: Wer Raucherhinweise fälscht oder gefälschte Raucherhinweise in Umlauf bringt ... muss mit [noch mehr] Steuern rechnen: Das Leben ist tödlich.

Samstag, Juni 04, 2005

Buster plaudert …

Hätte ja fast gepasst: Während die grösste Boulevard-Zeitung heute 96,9% „Nein“ sagen lässt, haben auch die Niederländer mit 100,4% eine achtbare Zahl erreicht. Jetzt müssen die mobiles nur noch das Wählen lernen. Einen attraktiven Wahlblog haben wir ja nun, jetzt fehlt nur noch die richtige (Aus-) Wahl. Aber das ist ja noch ein paar Tage hin und solange heisst es Krafte sammeln (EMI Electrola (Musikant), Köln, 1982) und wenn Sie nicht wissen wohin mit dem Lichtschwert, machen Sie bloss keine Pflugschar drauss – wir sind doch mächtig am Flächenstillegen, aber die SZ liegt ganz trendy vorne mit ihrer Fotostrecke und fordert: Lichtschwerter zu Solarien. Der endgültige Beweis dass alles wir gut wird finden wir heute in Tirol wo es sch endlich lohnt, das Badewasser zu trinken ...

... ein Gerumpel, Gepurzel und Gehumpel

Eduard Mörike starb vor 130 Jahren am 4. Juni 1875 in Stuttgart und wer jetzt Er ist’s erwartet hat, täuscht sich:

Abschied

Unangeklopft ein Herr tritt abends bei mir ein:
"Ich habe die Ehr, Ihr Rezensent zu sein."
Sofort nimmt er das Licht in die Hand,
Besieht lang meinen Schatten an der Wand,
Rueckt nah und fern: "Nun, lieber junger Mann,
Sehn Sie doch gefaelligst mal Ihre Nas so von der Seite an!
Sie geben zu, dass das ein Auswuchs is."
- Das? Alle Wetter - gewiss!
Ei Hasen! ich dachte nicht,
All mein Lebtage nicht,
Dass ich so eine Weltsnase fuehrt' im Gesicht!!

Der Mann sprach noch verschiednes hin und her,
Ich weiss, auf meine Ehre, nicht mehr;
Meinte vielleicht, ich sollt ihm beichten.
Zuletzt stand er auf; ich tat ihm leuchten.
Wie wir nun an der Treppe sind,
Da geh ich ihm, ganz froh gesinnt,
Einen kleinen Tritt,
Nur so von hinten aufs Gesaesse, mit -
Alle Hagel! ward das ein Gerumpel,
Ein Gepurzel, ein Gehumpel!
Dergleichen hab ich nie geschn,
All mein Lebtage nicht gesehn
Einen Menschen so rasch die Trepp hinabgehn!

Freitag, Juni 03, 2005

Erinnerungen —

Erinnerungen -, Klänge, nachtverhangen,
und Farben, die ein Wind vom Meer bewegt,
sind eine Traumumarmung eingegangen
zu einem Bild, das etwas Letztes trägt:

Ein Uferschloss mit weissen Marmorsteigen
und plötzlich eines Liedes Übermacht -,
d i e Serenade spielen viele Geigen,
doch hier am Meer in dieser warmen Nacht -.

Es ist nicht viel, - Viel trägt nicht mehr das Eine, -
nach einem Bogen greifen dann und wann -
ein Spiel im Nichts -, ein Bild, alleine,
und alle Farben tragen Bleu mourant.

[Gottfried Benn, Trunkene Flut: Ausgewählte Gedichte, 1949]

... die arschnackte Sektiererei

dâ;nebm'm Go=Spiel;" (und Er säufzDe. Dann,auf Meine Frage)) : "I=wo. Son japanischer Bluff; - pure SchlachtNachahmung,wie alle diese Brettspiele,(und wenn's 'Dame' iss). - Mir hat's ma n Verleger beibringen wolln,('ch nenn keene Nam');und ich hab''m zugehört,weil ich den Ufftrag brauchte. So das übliche Asiatische Gefâsl : da soll's 'unvergleichlich=viel=schwerer' sein als Schach,(die Meister teilen sich in 88 Grade ein : kein Europäer hat auch nur den 3.=von=untn erreicht !);:vom 8.=an darfsDe bloß noch im Steh'n fikkn; jenseits des 16. genießDe keene irdischn Speisn mehr; und so geht'as weiter : die arschnackte Sektiererei !
[Zettel’s Traum, 1970, 976]
Arno Otto Schmidt gestorben vor 26 Jahren, am 3. Juni 1979 in Celle ...
Wer nach ‹Handlung› und ‹tieferem Sinn› schnüffeln, oder gar ein ‹Kunstwerk› darin zu erblicken versuchen sollte, wird erschossen.
[Aus dem Vorwort zu Kaff auch Mare Crisium, 1960]

Inhalieren Sie!

(Sie küssen sich ...)

Curtis: Es ist als ob man raucht, ohne zu inhalieren.
Monroe: Dann inhalieren Sie doch!

(Sie küssen sich ...)

[In: Manche mögen’s heiss, 1955, Billy Wilder]

Tony Curtis, eigentlich Bernard Schwartz, wurde am 3. Juni 1925 in der Bronx geboren ...

Donnerstag, Juni 02, 2005

Schluss mit cool!

Aufhören, bitte bitte bitte

Rauchpräventionsprogramme werden mich dereinst an die Zigarette liefern, wenn ich vorher nicht an der Alkoholvergiftung kollabiere.

Letzte geschmacklose Attacke:

„ICH BRAUCH`S NICHT – ICH RAUCH NICHT“
Mit Showeinlagen und einem eigens komponierten Nichtraucher-Song!

Das ist überhaupt nicht cool nicht zu rauchen liebe Kinder, ist es echt nicht!

Was bisher geschah ...

Das sind Geschichten ... Heute vor 1550 Jahren fallen die Vandalen unter König Geiserich in Rom ein und das Römische Reich ist zerfallen. Durch den „Indian Citizenship Act“ erhalten Indianer in den USA vor 81 Jahren die vollen Bürgerrechte und vor 38 Jahren wird Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in West-Berlin erschossen. Und auch Donatien Alphonse François, Marquis de Sade wurde am 2. Juni 1740 in Paris geboren.

"Wir beherrschen den Syllogismus, die Prämissen biegen wir uns zurecht", sagten die Richter ... ich fühle mich da dem "Purgatorio" aus Dantes "Göttlicher Komödie" schon recht nahe:
(1) Zur Fahrt in bess’re Fluten aufgezogen
Hat seine Segel meines Geistes Kahn,
Und läßt nun hinter sich so grimme Wogen.
(2) Zum zweiten Reiche hin geht seine Bahn,
Wohin zur Reinigung die Geister schweben,
Um würdig dann dem Himmelreich zu nah’n.
[Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, Das Fegefeuer, Erster Gesang]

oder gar an schlimmeres [1, 2] erinnert.

Dass freilich die Wollust unter allen Sünden die geringste ist, da in ihr „lediglich die Liebe ins falsche Maß gesetzt wurde“ leuchtet mir sehr unvermittelt ein ...

Regierungscherklärung

... desch Minischterpräschidenten
desch Landesch Nordrhein-Weschtfalen

Synthese

Schweigende Nacht. Schweigendes Haus.
Ich aber bin der stillsten Sterne;
Ich treibe auch mein eignes Licht
Noch in die eigne Nacht hinaus.

Ich bin gehirnlich heimgekehrt
Aus Höhlen, Himmeln, Dreck und Vieh.
Auch was sich noch der Frau gewährt,
Ist dunkle süße Onanie.

Ich wälze Welt. Ich röchle Raub.
Und nächtens nackte ich im Glück:
Es ringt kein Tod, es stinkt kein Staub
Mich, Ich-begriff, zur Welt zurück.

[Gottfried Benn, Fleisch. Gesammelte Gedichte, 1917]

Mittwoch, Juni 01, 2005

Nee ..

Hic et nunc - am Ende des Balkens: Zu Hundert Seiten Verfasstheit ... „Non“ oder „Nee“ sagen …

„Wir sind entschlossen weiter zu machen“ … sagt José Manuel Durão Barroso ... und Jean-Claude Juncker spricht vom „Europäischen Störfall“ schön wenn alle sich so einig sind … und der der hassgeliebte >€< im freien Fall ... (nix gegen Fallhöhe, dramaturgisch immer mit Schmackes ausgestattet ... ).

Aber zur Not noch der: Kommt ein Niederländer zum Arzt und sagt: "Ich bin heute in schlechter Verfassung". Sagt der Arzt: "Machen Sie sich schon mal obenrum frei, ich hole kurz noch ein Referendum ... ho ho ho ...

Glücklich und reich!

Jetzt aber ab zum Simplify-Test! Die Frage, wie gut wer sich von Überflüssigem befreien kann und treffsicher weiss, was als solches zu bezeichnen ist, beschäftigt derzeit das Manager Magazin ...

Soviel muss dem treuen Stammleser aber verraten werden dürfen: Auf die Frage „Was bedeutet der Begriff "Reichtum" für Sie?“ erwartet das Manager Magazin: „Große finanzielle Unabhängigkeit, und dass ich glücklich bin.“ Und im übrigen: Wenn Sie eine hohe Punktzahl anstreben, denken Sie besser nicht rational sondern wie ein Finanzbeamter im mittleren Dienst … Insofern beunruhigt mich mein Ergebnis sehr:
„Sie sind wunderbar normal! Sie haben 27 von 40 möglichen Punkten erreicht. Sie sind im besten Sinne ein Normalmensch - mit ein paar Schwächen, die Sie gut kennen. Wählen Sie eine davon aus, und machen Sie einen Aktionsplan für die nächsten drei Tage.“
... mach ich nie und nimmer, versprochen! Soll doch das Manager Magazin bleiben wo es ist, das zickige MM das ...

Alter Schwede ...

Der Gaststättenverband erwartet gar, dass das Verbot mehr Gäste anlockt … aber sind die am Ende alle gekauft? Schön ist auch, dass Kneipen zwar Raucherzimmer einrichten dürfen, dort darf aber kein Alkohol getrunken werden … skol!

Auch eine Motivation: "Wenn die Iren das können, dann können wir das auch!" Na denn viel Erfolg bei der Mimesis: Die können übrigens auch das singen, haben Schriftsteller und Dichter wie den, den, den, den und natürlich den und Maler und Musiker und Schauspieler und Komponisten und Fussballer und … und … und …
Und auch noch ein Lebensmotto dazu:
"Man versorge mich mit Luxus, auf das Notwendige kann ich verzichten." [Oscar Wilde]

Mein Kilt Quillt

... Fiesta En D'r Köln-Arena 03:12; Es War In Königswinter 02:47; Hück Weed Op De Trum Jeklopp 02:57; Oh Loreley 03:22; Speimanes Po-Posaunen-Polka 02:59; Nur Kölsch Hält Uns In Schuss 03:33; Besser Una Cervezza 03:01; In Kölle Bliev Keiner Allein 03:10; In D'r Philharmonie 03:20; Oh, Wie Tut Das Gut 03:36; Ja Die Oma Will Nach Palma 03:51; Mir Sin Zwar Kein 18 Mieh 02:59; Bier Un 'nen Appelkorn 03:43; Sulang D'r Dom Noch Steht 03:04; Dat Letzte Kölsch 03:37; Ich Will Jetz No Hus 03:49; Ich Glaub' Mein Kilt Quillt 03:25; Nä Wor Dat Naass 02:56; Maach Et Einfach Su Wie Fröher 03:13; D'r Dingens Us D'r Dingensstross 02:45; Und Geh'n Die Lichter Aus 02:34 …