Samstag, April 30, 2005

Ex-Raucher Angst

Wovor sollten wir Freien und unabhängigen Ex-Raucher Angst haben, ausser vielleicht vor zu grossem eigenen Mut? „Man muss vor nichts im Leben Angst haben, wenn man seine Angst versteht“ hilft mir Marie Curie in den heutigen Tag. Sie erhielt als einzige Frau zwei Nobelpreise: 1903 den für Physik und 1911 den für Chemie ... soviel zum „girls“-day die Tage …

Also mancher wird ja bei zuviel freier Auswahl ängstlich, aber heute gilt alles und auch das Gegenteil davon: „Regen auf Walpurgisnacht hat nie ein gutes Jahr gebracht.“ Und auch: „Ist die Hexennacht voll Regen, wird's ein Jahr mit reichlich Segen.“

Walpurgis ist ja das Fest der Frauen und Hexen und das wichtigste Fest im Wicca-Kult. Die Germanen ehren an diesem Tage Freyr und Freya. Beide stehen hier für Fruchtbarkeit und Zeugungskraft, das Tor zur Anderswelt ist weit offen …

Mythologisch findet die Walpurgisnacht - auch Beltane genannt - als Mondfest in der Nacht des ersten Vollmondes zwischen der Frühjahrstagundnachtgleiche und der Sommersonnenwende statt. Traditionell gilt jedoch die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai als die Nacht, in der angeblich die Hexen auf dem Blocksberg - eigentlich der Brocken im Harz - ein grosses Fest abhalten und auf die Ankunft des gehörnten Gottes warten. Im Rahmen der Christianisierung des Abendlandes wurde der Brauch der Walpurgisnacht im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt: aus dem gehörnten Gott, dem Symbol des Männlichen, welches sich in dieser Nacht mit dem Weiblichen vereinigt, wurde der Teufel.

Sagen Sie jetzt nicht, Sie hätten Angst vor dem Teufel! Es gab an den 30. April’en auch Anlässe nicht ängstlich zu sein: Die Rote Armee hisst die sowjetische Fahne auf dem Berliner Reichstagsgebäude, Adolf Hitler tötet sich (1945) und der Fall von Saigon markiert das Ende des Vietnamkrieges (1975).

Es gibt ja auch unbegründete Angst: Eine Phobie (auch phobische Störung) ist eine krankhafte Angst, das heisst eine in der Regel unbegründete, anhaltende Angst vor Situationen, Gegenständen, Tätigkeiten oder Personen (der phobische Stimulus). Sie äussert sich im übermässigen, unangemessenen Wunsch, den Anlass der Angst zu vermeiden. In den Diagnosesystemen der Psychiatrie werden die Phobien als Teil der Angststörungen gesehen ...

… um mal nur die mit „A“ aufzuführen: Es gibt die Ablutophobie (Angst sich zu waschen oder zu baden), die Acarophobie (Furcht vor Kleinstlebewesen), die Acousticophobie (Angst vor Geräuschen), die Aerophobie (krankhafte „Luftscheu“ bei Tollwutkrankheiten), die Agoraphobie (Angst vor bestimmten Situationen, meist Platzangst), die Agyrophobie (Angst vor Strassen und deren Überquerung), die AIDS-Phobie (Angst vor AIDS), die Ailurophobie (Angst vor Katzen), die Akrophobie (Höhenangst), die Amelophobie (Angst vor Menschen mit fehlenden Gliedmaßen, siehe auch Dysmorphophobie), die Androphobie (Angst vor Männern), die Anthropophobie (Menschenscheu bzw. soziale Phobie), die Aphesmophobie (Angst, angefasst zu werden), die Aquaphobie (Angst vor Wasser - auch Hydrophobie), die Arachnophobie (Angst vor Spinnen), die Atelophobie (Angst vor der Unvollkommenheit), die Aurophobie (Angst vor Gold), die Autophobie (Angst vor dem Alleinsein), die Aviophobie (Flugangst).

Denken Sie nun bloss nicht, dass schon alle Phobien klassifiziert sind: Was ist denn mit der Angst, dass andere nicht mit einem chatten wollen? Die Angst, dass einem nicht gratuliert wird zum rauchfreien Tag? Die Angst vor dem Aschenbecher? Die Angst die Motivation zu verlieren? Die Angst den Kleiderschrank zu öffnen? Eng verwandt mit der Angst vor einer Waage? Die Angst etwas zu schreiben? Die Angst vor dem eigenen Blog?

Meine Flugangst vertreibe ich mir regelmässig mit dem Memorieren der Tatsache, dass es statistisch wahrscheinlicher ist durch einen Eseltritt zu Tode zu kommen als durch ein Flugzeugunglück … aber von Eseln und Ängsten berichte ich ein anderes Mal … jetzt muss ich erstmal nicht rauchen …

Montag, April 25, 2005

Flasche leere

So schön kann ein Tag beginnen: Das verbotene Lied „Grândola, Vila Morena“ (Grândola, braune Stadt) wurde um 0:30 Uhr am 25. April gesendet und signalisierte den Portugiesen: Der Aufstand hat begonnen. Die Nelkenrevolution (Revolução dos Cravos oder einfach 25 de Abril) bezeichnet den unblutigen Aufstand in Portugal am 25. April 1974 gegen die herrschende Diktatur.

Zweifellos die Borg: „Was erlauben Struuunz?“ Der nicht fußballinteressierten deutschen Bevölkerung wurde Thomas Strunz, geboren am 25. April 1968 in Duisburg, ehemaliger Fußballspieler und derzeitiger Manager beim Vfl Wolfsburg, durch den legendären Wutausbruch seines damaligen Trainers von Bayern München, Giovanni Trapattoni, bekannt.

„Johan war der bessere Spieler, aber ich bin Weltmeister“ so Franz ‚Kaiser’ Beckenbauer und wirklich mit Johan Cruijff, geboren am 25. April 1947 in Amsterdam, hat heute auch noch ein richtiger deutscher Fussballer Geburtstag, er gilt als einer der begnadetsten Fußballer aller Zeiten. Wie meinen? Niederländisch? Seien Sie doch nicht päpstlicher als der Ratzi. Schliesslich wurde der letzte deutsche Papst von dem die Tage so viel die Rede ist, Hadrian VI., 1459 in Utrecht geboren. Die Niederlande gehörten zu dieser Zeit zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und sahen sich als ‚Niederdeutsche’ und kulturell als einen Teil der Deutschen Nation. Hätten wir das nur beibehalten ...

A propos „beibehalten“, besser ich stelle noch mal die Kontrollfrage, ob Sie gestern auch hinreichend aufgepasst haben: Das Ich und das Über-Ich entstehen aus was? Na? Wirklich sooo schwierig? Aus dem „Es“! Sie Flasche leere ... jetzt passen Sie aber mal auf! Was machen Sie denn mit dem ganzen Sauerstoff, der in Ihr Gehirn strömt seit Sie nicht mehr rauchen?

Eine Erklärung freilich hätte ich noch für Ihre Vergesslichkeit und schon sind wir wieder bei meiner liebsten Suchtverlagerung: Zwischenzeitlich wurde in Studien belegt, dass das Körpergewicht durch mässigen Biergenuss theoretisch vermindert werden kann. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass man nicht mehr als gewöhnlich isst. Darüber hinaus wurden auch günstige Wirkungen auf den Fett- und Zuckerstoffwechsel, die Blutgerinnung und die Blutdruckregulation festgestellt. So nehmen zum Beispiel die arteriosklerosefördernden Cholesterinanteile (LDL) im Blut ab, während die schützend wirkenden Cholesterinanteile (HDL) zunehmen. Klingt doch einzigartig interessant oder?

In der Praxis führt der regelmäßige Konsum von Bier dennoch häufig zur Gewichtszunahme, einfach weil Bier im Vergleich zu anderen alkoholischen Getränken das Hungergefühl besonders intensiv verstärkt. Nicht umsonst wird in vielen Ländern Bier traditionell zusammen mit stärkehaltigen, kalorienreichen Snacks (in Japan mit leckeren Eda-Bohnen) konsumiert. Nicht nur im Deutschen wird daher ein dicker Bauch auch sprachlich in Beziehung zum Bier gesetzt: Auf Japanisch heißt ein dicker Bauch Biiruppara (also „Bier-Bauch“), auf Französisch „ventre Kro“, in Anspielung an den Kosenamen der grössten französischen Bierbrauerei „Kronenbourg-Bauch“ und in der österreichischen Mundart findet sich der Begriff „Gössermuskel“, nach der steirischen Gösser-Brauerei.

Und mit den Nährwerten verschiedener Bier-Sorten pro 100ml verabschiede ich mich vorerst von diesem überaus spannenden Thema: Kölsch: 22 kcal; Bier (alkoholfrei): 24 kcal; Diät-Vollbier 35 kcal; Alt: 45 kcal; Pils: 48 kcal, Export: 48 kcal; Bock: 65 kcal und Doppelbock: 70 kcal. Allemal besser als http://www.flickr.com/photos/bubbychucks/9444614/ oder?

Trapattonis Wortschatz: „...waren schwach wie Flasche leere“ und „Ich habe fertig“ gingen in den deutschen Sprachgebrauch ein. „Strunz“ bedeutet übrigens „Scheiße“ auf Italienisch, aber das ist sicher nicht kabalistisch gemeint …

Sonntag, April 24, 2005

Ratzi raucht nicht

Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
Und dir will ich geben die Schlüssel über das Himmelreich.
Was du auf Erden bindest, soll im Himmel gebunden sein.
Und was du auf Erden lösest, soll im Himmel gelöst sein.
[Matthäus 19, 20]

Knien Sie noch vor dem Radio oder Fernseher von wegen Papsteinsetzung? Zehn Titel gibt’s auf einen Schlag, da wird's so manchem Kerpener wie etwa Schumachers Michael flau: 1. Bischof von Rom; 2. Vicarius Christi (Stellvertreter Jesu Christi auf Erden); 3. Nachfolger des Apostelfürsten (Petrus); 4. Oberster Priester der Weltkirche; 5. Pontifex maximus (Oberster Brückenbauer); 6. Patriarch des Abendlandes; 7. Primas von Italien; 8. Metropolit und Erzbischof der Kirchenprovinz Rom; 9. Souverän des Staates der Vatikanstadt und 10. Servus servorum dei (Diener der Diener Gottes) … potz blitz!

Das können die aber auch, mit Symbolen hantieren, bis einem schwindelig ist und eingedenk Siggi Freuds „Das Gegenteil von Spiel ist nicht Ernst, sondern Wirklichkeit“ bleibt über weite Strecken unklar, ob Spiel oder Wirklichkeit gemeint ist. Der letzte Gegenpapst ist übrigens auch schon eine Weile her: Felix V. eigentlich Graf Amadeus VIII. „der Friedfertige“ von Savoyen, war 1439-49 der letzte Gegenpapst. Hat jemand Interesse, vielleicht mal eine Benedikta die Erste?

Ratzi raucht ja bekanntlich nicht und wird sich wahrscheinlich nicht unter die blogger verirren. Falls er es aber dennoch tut (so mancher Kardinal wurde ja, nachdem er zum Papst gewählt wurde, noch kauziger) hier eine Kurzeinführung zur korrekten Ansprache im Chat. Benedikt oder Benedict - von lateinisch benedictus (der Gesegnete) hat folgende Kurznamen: Bendix, Benz, Bene und Europäisch Bent (dänisch), Bennet (englisch), Benoît (französisch), Benedetto, Benito (italienisch), Bengt (schwedisch), Benedicht (schweizerdeutsch) und Benito (spanisch) …

A propos Kirche: Am 24. April 1751 wird in Endingen Anna Trutt nach einem der letzten Hexenprozesse in Europa auf dem Scheiterhaufen verbrannt und mit der Verhaftung der armenischen Oberschicht in Konstantinopel beginnt der Völkermord an den Armeniern 1915 unterstützt von Kirche und Deutschem Reich. Da sehnen wir uns doch alle wenn schon nicht nach einer Kippe dann doch immerhin nach …

ein bisschen Frieden … Am 24. April 1982 gewinnt die Sängerin Nicole den Grand Prix Eurovision de la Chanson.

„Das Falsche ist oft die Wahrheit die auf dem Kopf steht.“ Genau 59 Jahre vorher erscheint in Leipzig von Sigmund Freud die Schrift „Das Ich und das Es“ (1923): Sein „Drei-Instanzen-Modell“ über das Es, das Ich und das Über-Ich. Dabei tritt das Es an die Stelle des Unbewussten. Es bildet das triebhafte Element der Psyche und kennt weder Negation, noch Zeit oder Widerspruch. Das Es ist von Anfang an vorhanden, es ist angeboren. Das Über-Ich ist das „Gewissen“, die moralische Instanz, Wertvorstellungen, Gebote und Verbote der Eltern dienen als Vorbild, Vorstellungen von Gut und Böse und der Gegenpart zum Es.

Ein ganzer Tb-Eintrag ohne Bier? Nach mehreren empörten Mails an mich folgender Warnhinweis: Bier kann starke psychische sowie körperliche Abhängigkeit hervorufen, also süchtig machen bzw. zu Alkoholismus führen. Da in rheinischen Regionen der Konsum von Bier auch in grösseren Mengen gesellschaftlich anerkannt ist und so nicht als auffälliges Verhalten gilt, wird eine beginnende Sucht von den Betroffenen und ihrem Umfeld später erkannt als bei anderen Substanzen.

Als Anagramme bezeichnet man Wörter, die aus allen Buchstaben eines anderen Wortes geformt werden und dabei - nach den Kabalisten - den geheimen inneren Sinn enthüllen. Der Mörder von König Henri III. von Frankreich etwa, hiess Frère Jaques Clement was umgeformt heisst „c’est l’enfer qui m’a créé“ (es ist die Hölle, die mich schuf). Ich rufe also alle Kabalisten auf den „geheimen inneren Sinn“ von Ratzi zu enthüllen.

Samstag, April 23, 2005

Suchtverlagerung?

„Item wir ordnen, setzen und wollen mit Rathe unnser Lanndtschaft das füran allenthalben in dem Fürstenthumb Bayrn auff dem Lande …“

Bald sind’s 500 Jahre: Am 23. April 1516 erlässt Wilhelm IV., Herzog von Bayern, ein bayerisches Reinheitsgebot für Bier. Einer der Gründe für die Verordnung war neben der Preisregelung wohl wieder die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung: Der wertvollere Weizen oder Roggen war den Bäckern vorbehalten. Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer sieht einen weiteren Grund darin, den beruhigenden und zugleich konservierenden Hopfen zum Brauen zu verwenden und andere „aufmüpfige“ Zutaten, etwa Rosmarin, zu verbieten.

Eine andere Interpretation sieht das Reinheitsgebot als erstes Anti-Drogengesetz, welches psychoaktive Substanzen, wie das Bilsenkraut, aus dem Brauprozess verbannen sollte. Indiz für diese Ansicht ist die Bezeichnung Pilsener, die sich etymologisch aus der Bezeichnung Bilsenkraut ableiten lässt - übrigens genau wie der Name des für seine Brautradition bekannten tschechischen Ortes Pilsen.

Die Freunde des Gerstensafts waren, wie aus anderen Quellen bekannt, im Mittelalter auf abenteuerliche Ideen gekommen, um ihrem Gebräu einen besonderen Geschmack zu verpassen oder es haltbarer zu machen. Um dunkles Bier zu erhalten, wurde kurzerhand Ruß zugegeben. Auch Kreidemehl kam zum Einsatz, um sauer gewordenes Bier wieder genießbar zu machen. Sogar Fliegenpilze zur "besonderen" Verfeinerung werden überliefert.

Freitag, April 22, 2005

Kant für Nichtraucher

„Der Mensch ist das einzige Tier, das arbeiten muss“ erinnert mich dann heute morgen Immanuel Kant, am 22. April 1724 in Königsberg, Ostpreußen geboren, an lästige Pflichten. Andererseits ist im „Buch der Bücher“ bei Jesaja 22.13 klar nachzulesen: „Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“. Von Denken, Rauchen oder gar Arbeiten steht da kein Wort, ehrlich! Und auch Heinrich Heine konzentriert sich aufs Wesentliche: „Bier und Schnaps - die Getränke der Völker, denen Nebel und Regen vertraut sind“.

In der „Metaphysik der Sitten“ beschreibt der Immanuel exakt, was ein Nichtmehr-Raucher braucht: „Zur inneren Freiheit werden zwei Stücke gefordert: seiner selbst in einem gegebenen Fall Meister und über sich selbst Herr zu sein, d.i. seine Affekte zu zähmen und seine Leidenschaften zu beherrschen.“

Angeblich hat sich der Piratenkapitän Klaus Störtebeker den Namen (aus dem Niederdeutschen von „Stürz den Becher“) wegen seiner Trinkfestigkeit als Spitznamen verdient. So soll er der Sage nach einen 4-Liter-Humpen (einen ellenhohen Becher) Bier ohne abzusetzen in einem Zug leer getrunken haben. Vor 604 Jahren wurde der wohl bekannteste Seeräuber, der Anführer der Likedeeler (so genannt, weil sie die Beute auf alle Besatzungsmitglieder gleich verteilten) von einer Hamburgischen Flotte unter Simon von Utrecht vor Helgoland gestellt und nach erbittertem Kampf gefangen genommen.

Unser Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe empfiehlt: „Das Leben ist kurz um schlechten Wein zu trinken“ und auch der griechischre Tragödiendichter Euripides weiss „Wer nicht am Trinken Freude hat, der ist ein Narr.“ Wie auch das berühmte „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ griechischen Ursprungs nämlich vom weisen Sokrates ...

Mehr dem Trinken zugetan ist unser zweites Geburtstagskind: Aus dem Nichts gekommen, im Nichts verschwunden und zwischendrin die erfolgreichste Liveplatte aller Zeiten abgeliefert - so die Lebensgeschichte des Engländers Peter Frampton, vor 55 Jahren in Beckenham geboren, beginnt seine Karriere als Gitarrist schon in der Schule. In der Mittagspause spielt er gelegentlich mit einem Kameraden namens David Bowie ... aus dem sechsfachen Platin-Album „Frampton Comes Alive“ (1976) gibt’s heute „Do You Feel Like We Do“ auf die Ohren ...

afp meldet heute, dass sich der australische Bestattungsunternehmer Martin Tobin dem Kampf gegen übertriebene Schwermut bei Beerdigungen verschrieben hat. Seine Firma in Melbourne bietet einen zum Leichenwagen umgebauten Minibus an, der neben dem Sarg noch zwölf Trauergäste befördern kann und diese auf dem Weg zum Friedhof mit Minibar, frischem Kaffee und DVD-Filmen bei Laune hält. Wie der Sydney Morning Herald am Donnerstag berichtete. Das Angebot „beer as you bury“ („Bier beim Bestatten“) erfreue sich zunehmender Beliebtheit und richte sich an all jene, „mit dem Verstorbenen fahren und feiern wollen“, sagte Tobin.

Nochmals Geburtstagskind Immanuel’s Rezept gegen die Schmacht: „Der Himmel hat uns Menschen gegen die Mühseligkeiten des Lebens drei Dinge gegeben: 1. die Hoffnung, 2. den Schlaf und 3. das Lachen.“

Donnerstag, April 21, 2005

Nutella rauchen

Die Aubergine als Ernährungsberaterin fürs Krümelmonster, ich bitte Sie: Fassungslos verfolge ich die neueste Entwicklung! Ausgerechnet jenes zartfühlende Wesen, das seit 30 Jahren hartgesotten „Kekse, Kekse“ als wichtigsten Sprechtext in der Sesamstrasse hatte und in einer Mülltonne wohnte, wird nun angesichts zunehmender Verfettung amerikanischer Kinder auf Diät gesetzt. Sicher, ganz schlank war er nie, aber er sah immer gesund und possierlich aus, der Schutzparton der Ex-Raucher und wer bitteschön könnte denn kundig Auskunft geben, wie dick oder dünn ein Monster zu sein hat und welcher Bodymassindex angezeigt ist?

... Allein in Deutschland werden pro Jahr 100 Millionen Gläser des süssen Brotaufstrichs aus Zucker, pflanzlichem Öl, Haselnüssen, Kakao, Milchpulver, Emulgator Sojalecithin und Vanillin verkauft und seit 153 Tagen steigt die Absatzkurve ins Unermessliche, weil ich statt Zigaretten Nutella rauche. Der Konditor Pietro Ferrero im italienischen Piemont hat unter der Bezeichnung „pasta gianduja“ die Nutella eigentlich schon vor 65 Jahren erfunden. 1951 veränderte er die Rezeptur zur „suprema gianduja“ (Supercrema) und aufgrund eines italienischen Gesetzes, das das Präfix „Super“ in Markennamen verbot, musste der Brotaufstrich umbenannt werden. Die klebrige Mischung hiess daher ab dem 21. April des Jahres 1964 Nutella (engl. „nut“, Nuss; ital. „ella“, weibliche Verkleinerungssilbe); ab 1965 wurde die Crema erstmals auch ausserhalb Italiens, portioniert in kleinen Gläsern, verkauft.

„Nur wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin“ wurde erstmals in einem Werbespot aus dem Jahr 1979 erwähnt. Liebe Marion.Ernst@ferrero.de, lieber Thomas.Koenig@nutella.de: Ich gehe fahrlässig davon aus, dass Sie etwas von Marketing verstehen. Wenn Sie also ein Produkt, das heute seinen 41sten Geburtstag feiert, seit 26 Jahren mit dem gleichen, öden Spruch bewerben, dann kann doch eigentlich nur die Angst dahinterstecken, dass wir immer an Nudossi (ursprünglich eine DDR-Marke) denken, das doch viel leckerer schmeckt, weil spätestens seit dem Mauerfall dreimal soviel Haselnüsse drin sind ...

Frühstücksreflexionen: Warum, so frage ich mich, habe ich immer noch den Reflex, mein Brot mit Haselnussaufstrich anzünden zu wollen und kaum ist die Hälfte gegessen, es im Aschenbecher ausdrücken zu wollen? Charles Joseph Fürst von Ligne hilft gütig und klug aus: „Zerstreutheit ist ein Zeichen von Güte und Klugheit. Dumme und boshafte Menschen sind immer geistesgegenwärtig.“ Wusste ich es doch, ich bin ein gütiger und kluger Verfressener ... oder ist am Ende das Krümelmonster mein Alter Ego?

Mittwoch, April 20, 2005

... ein Meister aus Deutschland

Dank Huflaikhan auf meinem Kopfhörer:

„6. Verbundenheit

Man hilft zur Welt dir kommen,
Sei gesegnet!
man gräbt ein Grab für dich,
Ruhe sanft!
man flickt die Wunden dir im Spital,
Gute Bessrung!
löscht dein Haus, zieht dich aus dem Wasser
Fürchte nichts,
du hast selbst doch auch mit andern Mitleid!
Hilfe naht, du bist nicht allein!

Du läßt den Greis nicht liegen,
fällst einst selbst so,
du hebst die Last des Schwachen,
ohne Lohn,
du hemmst im Laufe das scheue Pferd,
schonst dich selbst nicht,
wehrst dem Dieb, schützt des Nachbarn Leben
ohne Zögern bringst du Hilfe:
leugne doch, daß du auch dazu gehörst!
bleibst nicht allein.“

[Arnold Schönberg, Sechs Stücke für Männerchor, op. 35]

Er hat dafür gesorgt, dass der Vatikan die Menschenrechtserklärung des Europarates nicht unterzeichnete. Im Personal-Manager-Deutsch wird das „Potential“ genannt, wenn jemand eklatante Realitätsferne oder Authentitätsprobleme hat, etwa indem er ablehnt: Priesterehen, Frauen in Ämtern, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, Ökumene und - im Zeitalter von AIDS besonders drastisch – Verhütungsmittel und natürlich Abtreibung. Ist das noch immer realitätsfremd oder ändert der Grossinquisitor und Kommandeur der Legion d'Honneur jetzt die Realität, damit „es passt“? Schillebeeckx, Drewermann, Balasuriya, Boff, Bulányi, Küng, Curran, Gaillot, Huntington und viele andere kennen das schon ...

… und komme jetzt niemand mit „nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ oder „nach der Wahl ist vor der Wahl“! Ich pflege auf solche Sprüche gerne zu antworten: „Nach der Geburt ist vor dem Tod“ …

Und schliesslich: Der 35te Todestag von Paul Celan, eigentlich Paul Antschel („Celan“ ist ein Anagramm von Ancel). Der deutschsprachige Lyriker der Nachkriegszeit starb 50jährig durch Freitod am 20. April 1970 in Paris.

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau

[... weiter
Todesfuge aus „Mohn und Gedächtnis“ von 1952]

Dienstag, April 19, 2005

LSD Vélocipède

Das britische Wettbüro Paddy Power bietet im Internet Wetten an. Francis Arinze aus Nigeria liegt bei 3:1 vorne, als Herausforderer auf Platz drei: der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger. Noch. Denn man sollte sich nicht täuschen lassen: Ratzingers Aussichten werden mit jedem Tag grösser. Nach seiner herzergreifenden Predigt bei der Beisetzung etwa rutschte die Gewinnquote von 7:1 auf 5:1. Die US-Zeitschrift „Time“ nahm Ratzinger in die Liste der 100 einflussreichsten Männer auf. Er wurde sogar zum mächtigsten Mann Deutschlands erklärt, noch vor Gerhard Schröder und dem aus Kerpen (!) stammenden Michael Schumacher! Die Quote ging weiter in den Keller. So lässt sich freilich mit dem Altöttinger kein Geld verdienen ...

Alexis Korner, einer der wichtigsten Vertreter des Blues-Revival, wurde am 19. April 1928 in Paris geboren. In seiner 1961 gegründeten Gruppe „Blues incorporated“ spielten und sangen Leute wie Mick Jagger, Charlie Watts, Jack Bruce, Ginger Baker, Eric Burdon, Graham Bond und Dick Heckstall-Smith ... Als Hörtipp heute vom 1980 veröffentlichten Album „Me“ der „How Long Blues“ in der legendären „direct to disc“-Technik, die jeden Musiker – ausser den Vater des weissen Blues – in den Wahnsinn trieb …

An einem 19. April 1587 versenkte Sir Francis Drake die 24 Schiffe der spanischen Armada im Hafen von Cadiz; der Beginn des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges beginnt 1775 als englische Truppen von amerikanischen Kolonisten in Lexington und Concord angegriffen werden; Ägypten wird durch Verfassungsänderung 1923 zur Monarchie und im Warschauer Ghetto beginnt 1943 ein Aufstand der noch im Ghetto verbliebenen Juden gegen die Deportationen in die Vernichtungslager der Nazis. Die erste deutsche Automobilausstellung in Frankfurt am Main wird von Bundespräsident Theodor Heuss 1951 eröffnet, die amerikanische Schauspielerin Grace Kelly heiratet den eben verstorbenen Rainer III. und Konrad Adenauer stirbt im Alter von 91 Jahren ...

“Tis strange - but true;
for truth is always strange.
Stranger than fiction.”

George Gordon Noel Byron, 6. Baron Byron of Rochdale, englischer Dichter und genannt Lord Byron, starb 36-jährig am 19. April 1824 in Mesolóngi, Griechenland. Byrons Werke, die der englischen Spätromantik (sog. Schwarze Romantik oder Negative Romantik) zuzuordnen sind, sind geprägt von Ablehnung gegenüber althergebrachten Strukturen; seine Helden sind, als Projektion oder Inszenierung seiner selbst, intelligent, mutig und leidenschaftlich, jedoch gleichermassen rastlos, verletzlich und einsam, so dass ihnen letztlich Zufriedenheit und Glück versagt bleiben.

Und schliesslich: Wir haben heute den „Bicycle-Day“, das hat aber nun nichts unmittelbar mit einem zweirädrigen, einspurigen Fahrzeug, das mit Muskelkraft, meist durch das Treten von Pedalen, angetrieben wird und durch Gewichtsverlagerung des Fahrers und Lenkbewegungen, unterstützt von stabilisierenden Kreiselkräften der Räder, im Gleichgewicht gehalten wird, zu tun. Es geht um Lysergsäurediethylamid, eine psychoaktive Substanz mit der Summenformel C20H25N3O, die von Albert Hofmann, einem bei Sandoz in Basel angestellten Chemiker, mit dem Ziel der Entwicklung eines kreislauf- und atmungsanregenden Medikamentes hergestellt wurde. Die halluzinogene Wirkung entdeckte Hofmann am 19. April 1943: Der Tag wird „Bicycle-Day“ genannt, da Hofmann nach Einnahme von 250 Mikrogramm LSD, am Beginn seines Rauscherlebnisses per Fahrrad ganz schön psychoaktiv nach Hause fuhr ... also ich rate Ihnen dringend, sich gegen diese Suchtverlagerung zu entscheiden ... fahren Sie lieber LSD-frei Velo, Vélocipède oder deutsch „Schnellfuss“ (Grimms Wörterbuch) ... und denken an das Sprichwort „LSD oder BSE? Beide zersetzen das Hirn“.

Montag, April 18, 2005

Rock 'n' Roll Papst

Erst wenn de tot bist, lassen se dich leben“ (aus „bevor de sterbst“ von Otto Reuter) Albert Einstein starb am 18. April 1955 in Princeton, USA: „Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Beispiel gefällig? Kennen Sie die „Fresh Seventeen“? Denen fehlen jetzt nur noch lausige 25 Millionen Euronen und schon könnten Sie „Segeln für Deutschland“ spielen. „Deutschland will unbedingt beim America's Cup starten“ ganz Deutschland? Nein, nein eben die frischen 17 …

„Es lohnt sich immer, eine Frage zu stellen, wenn es sich auch nicht immer lohnt, eine Frage zu beantworten“ (Oscar Wilde). Natürlich fragt sich spätestens seit heute jedermensch: Wer wirds? Der Deutsche Bauernverband hat sich die Tage klar positioniert: „Der Papst und ein Bauer wissen mehr als der Papst allein“. Alles klar: Die Bauern wissen natürlich auch was - aber wissen Sie auch wer es wird? Fragen Sie doch einmal einen Vertreter dieser scheuen Spezies. Ich habe am Wochenende einen wackeren Landwirt befragt, der von der Subventionspolitik gerade dazu geleitet wird von Spargelanbau auf Tabak umzustellen. Und während er mir die Ernte seiner letzten Spargelsaison aushändigt, votiert er für den Bayern, „Katholischer als der Papst“ (Otto Graf von Bismarck) unter dem der letzte Papst Papst sein durfte. Wird’s gar wieder ein Papst der Autofahrer, die neue Mobilität des Christlichen Abendlandes verkündend und die Ökumene als „Drive In“ wie Johannes XXIII. (1881 - 1963) „Ich bin sowohl der Papst derjenigen, die auf das Gaspedal treten, als auch der Papst derer, die auf die Bremse treten“.

Nein, nein wir haben ihn schon - habemus papam: Der neue Papst wird Cardinal James Francis Stafford, 72 Jahre aus Denver. Sein Programm ... “He says he will carry ‘the rock 'n' roll of Elvis Presley’ from his experience as bishop in Memphis” steht in der Denver Post (Dank an sonrisa) Nicht dass ich viel für Elvis übrig hätte, aber gezappelt hat er wie einer der Besten ...

Das wäre auch die ideale mediale Fortsetzung im 2005ten Jahr und die Sixtische Kapelle hat zwar keine Fernseher und Mobiles und alle alle wurden zum Stillschweigen verpflichtet aber ein rfo-Anschluss wird schon dort sein (das ist doch wie Wasser und Brot, wie könnte man ohne rfo-online auch überleben?) und daher die dringende Empfehlung an die 117 Wahlgänger: Nehmt nicht die „rechte Hand“ aus Altötting! Und bestätigt einen weisen Spruch aus Frankreich: „Mancher betritt das Konklave als Papst und verlässt es als Kardinal“.

Sonntag, April 17, 2005

Wolken und Wellen

Also mal der Reihe nach … Columbus erhält von Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón die Erlaubnis und finanzielle Unterstützung zu seiner ersten Entdeckerreise aufzubrechen und damit Gewürze aus Indien zu besorgen (1492) – hat er bekanntlich gar nicht gemacht, sondern den Tabak statt des Curry besorgt, der Dussel und ich wäre heute Currysüchtig, wenns geklappt hätte ... Die Invasion Kubas an der Schweinebucht 1961, durchgeführt von Exilkubanern unter der Regie der CIA und von der US-Army unterstützt, beginnt … und scheitert vier Tage später. Alexander Dubcek muss - als Vater des „Prager Frühlings“ - 1969 seine Funktion als Chef der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei auf sowjetischen Druck Gustáv Husák überlassen … und und und … ich will Sie ja nicht entmutigen, aber hat ganz schön viel nicht geklappt … am 17. April …

Da sitze ich also auf einer Nordseedüne bei 149 rauchfreien Tagen, habe einen Kopfhörer auf und meine kleine Welt besteht aus hastig vorbeiziehenden Wolken und abertausendmillionen Wellen ...

Samstag, April 16, 2005

Tag der Poesie

Abu Abd ar-Rahman Muhammad ibn al-Husayn ibn Muhammad ibn Musa ibn Chalid ibn Salim ibn Rawia as-Sulami, geboren am 16. April 936 in Nischapur, war ein islamischer Mystiker und Wegbereiter des Sufismus. Ein wichtiger Bestandteil des Sufismus sind die Lehrgeschichten, die die Sheikhs immer und immer wieder ihren Derwischen erzählen. Es handelt sich hier oft um scheinbar einfache Geschichten. Die im Westen bekanntesten Lehrgeschichten sind die von Nasruddin Hodscha (auch Mullah Nasruddin), die meistens als Anekdoten missverstanden werden:

Nasruddin setzt einen Gelehrten über ein stürmisches Wasser über. Als er etwas sagt, das grammatikalisch nicht ganz richtig ist, fragt ihn der Gelehrte: „Haben Sie denn nie Grammatik studiert?“ – „Nein.“ – „Dann war ja die Hälfte Ihres Lebens verschwendet!“ Kurz darauf dreht sich Nasruddin zu seinem Passagier um: „Haben Sie jemals schwimmen gelernt?“ – „Nein. Warum?“ – „Dann war Ihr ganzes Leben verschwendet – wir sinken nämlich!“

„Nicht ich schreie, die Erde dröhnt“ - Attila József, ungarischer Lyriker, wurde vor Hundert Jahren am 11. April in Budapest geboren.

Gut war er, heiter. Als verdrießlich auch bekannt,
wenn man verlachte, was er seine Wahrheit nannt’.
Er liebte, gut zu essen. Was als sicher gilt:
In ihm selbst sah man manchmal Gottes Ebenbild.
Ein jüdischer Arzt ließ ihn nicht ohne Mantel gehn.
Die Seinen nannten ihn Laß-dich-nicht-wieder-sehn.
Hat in der Kirche seinen Frieden nicht gefunden,
nur Pfaffen. Stürze viel bedeckten ihn mit Wunden.
Sehr hat sein Bettlerlos zwar diese Welt gestört,
doch hat die Sorge um ihn endlich aufgehört.

Diesen Nachruf auf sich hat der ungarische Dichter 1927 verfasst. Zehn Jahre hat er dann noch mit sich und der Welt gerungen, bis er endgültig keinen Ausweg mehr sah und am 3. Dezember 1937 in in Balatonszárszó am Plattensee freiwillig in den Tod ging … In Ungarn zählt Attila József zu den grössten Dichtern des Landes. Seit 1964 wird in Ungarn der Geburtstag Attila Józsefs als Tag der Poesie gefeiert.

Leg deine Hand
Auf die Stirn mir schwer.
Als ob deine Hand
Meine Hand wär.

Behüt mich wie wen,
Der mordgierig wär,
Als ob mein Leben
Dein Leben wär.

Lieb mich, als ob
Das für etwas gut wär,
Als ob mein Herzblut
Dein Herzblut wär.

Freitag, April 15, 2005

Tanz auf der Titanic

Der „Tanz auf der Titanic“, der für ein ahnungsloses, sorgenfreies Zutreiben auf die Katastrophe steht, fasziniert auch heute noch Menschen wie kein zweites Schiffsunglück: Am 15. April 1912 um 2:20 Uhr sinkt nach drei Stunden die Titanic im Atlantik. 1.496 der 2.207 an Bord befindlichen Personen starben bei diesem Schiffsunglück. Der dramatische Untergang der Titanic ist in zahlreichen Romanen verarbeitet worden.

Mit Friedrich Nietsche ist ja bekanntlich „der Grad der Furchtsamkeit ein Gradmesser der Intelligenz“ und je mehr Unsinkbares sinkt, desto trotziger obsiegt die Dummheit und da hilft es wenig, wenn Johann Wolfgang von Goethe postuliert: „Dummheit ist etwas Ursprüngliches.“ In solchen Fällen bin ich halt gegen das Ursprüngliche, wohl wissend, dass „der zivilisierte Wilde“ nach Karl Julius Weber „der schlimmste aller Wilden ist“ auch wenn er technische Wunderwerke wie die Titanic baut, die bereits auf der Jungfernfahrt untergehen. Gibt es ein eindrucksvolleres Symbol für das Scheitern des menschlichen Traums, alles zu beherrschen? Reicht doch wirklich, liebe Ex-Raucher, wenn wir dafür sorgen, dass wir sie nicht verlieren, die Beherrschung und mit einem „Tanz auf der Titanic“ kann ich mein Dasein nach 147 rauchfreien Tagen so gar nicht verglichen werden: Fühle ich mich auch überhaupt nicht ahnungslos sorgenfrei sondern eher existentialistisch ...

„Kein Mensch verdient, dafür verehrt zu werden, dass er lebt“ mit diesen Worten hat er den Literaturnobelpreis abgelehnt – Jean-Paul Sartre, französischer Schriftsteller und Philosoph. Der Protagonist des Existenzialismus stirbt am 15. April 1980 im Hôpital Broussais in Paris. Seine Beerdigung wird zum Demonstrationszug für seine Popularität, über 50.000 Menschen erweisen ihm die letzte Ehre, sein Grab findet sich auf dem Friedhof von Montparnasse in Paris. „Wir haben keinen zeitgenössischen Philosophen mehr, an den wir uns wenden können, keinen Schriftsteller, der ohne Umschweife Partei ergreift. Wir leiden unter einem Mangel an Antworten und mehr noch vielleicht, unter einem Mangel an Fragen“ schreibt Brochier in Le Magazine littéraire.

Kein Mangel an Fragen gibt es in Blatzheim, Bergerhausen, Niederbolheim, Buir, Manheim, Langenich, Mödrath, Türnich, Brüggen, Balkhausen, Neu-Bottenbroich und Götzenkirchen – Es gibt doch noch mehr 50° 52' nördlicher Breite und 6° 40' östlicher Länge als nur Sindorf und Horrem! Kerpen wurde erstmals im Jahre 871 unter den Namen „Kerpinna“ urkundlich erwähnt und erhielt 1941 die Stadtrechte. Die heutige Stadt ist 1975 aus acht bis dahin eigenständigen Gemeinden im Rahmen einer Gemeindereform entstanden und die Bevölkerungsdichte von 562 Einwohner je Quadratkilometer - im Vergleich Bonn 2.220, Köln 2.384 - zeigt, dass wir da alle noch hinsiedeln können. Fragen hierzu beantwortet gerne auch Frau Marlies Sieburg unter buergermeister@stadt-kerpen.de. Verpassen Sie nicht die nächste Kerpen-Folge in der der Frage nachgegangen werden soll, warum Karlheinz Stockhausen, geboren 1928 in Kerpen-Mödrath, nie der Sprung in die Formel1 gelang und die Schuhmacher-Brüder an das Klavier der Mutter immer Räder schraubten um damit im Kreis zu fahren ...

Komm, komm ...
wer immer du bist,
Wanderer, Götzen-
anbeter, du, der du
den Abschied liebst,
es spielt keine Rolle.
Dies ist keine Karawane
der Verzweiflung.
Komm, auch wenn du
deinen Schwur tausend-
fach gebrochen hast.
Komm, komm,
noch einmal, komm.

[von Hazreti Rumi]

Tja, die Arche wurde von Laien gebaut, die Titanic von Experten ... Vielleicht ist das ein schönes Bild für uns Ex-Raucher und wir sollten uns genau überlegen, was wir aus unserem früheren Raucherleben mit auf die Arche lassen ... und natürlich sollten wir nach Eisbergen Ausschau halten, die uns am Erreichen unserer Ziele hindern!

Donnerstag, April 14, 2005

Militante Aliens

Ein gewisses Mass an Selbstzweifeln ist ein Zeichen erhöhter Intelligenz, aber manche Leute halten schon den Blick in den Spiegel für ausreichende Selbstkritik. Inwiefern Ex-Raucher ausreichend selbstkritisch sind, zeigt sich insbesondere bei den üblichen Fragen nach der Militanz eines zur-Zeit-nicht-Rauchers. Dabei ist es in der Regel einfach schiere Dummheit ...

Ein sehr militanter Dummer verursachte gestern in meinem Beisein einen Nicht-Raucher-Unfall der unangenehmen Art. In der Pause einer Theateraufführung verlassen die Zuschauer den Raum, um einen halbgefüllten Aschenbecher versammeln sich einige Raucher und zünden sich ihre Zigaretten an, als ein (dankenswerterweise) sehr weitläufiger Bekannter R., von dem ich zwischenzeitlich weiss, dass er seit rund drei Monaten nicht mehr raucht, in die Runde tobt und allen Anwesenden das Rauchen untersagen möchte mit dem Hinweis, dass dies stinkt, Krebs verursacht und im übrigen nicht explizit gestattet ist. Mehrere Versuche, den aufgeregt Umhertobenden zu beruhigen, scheitern, er ist weder logischen noch sonstigen Argumenten zugänglich. Je länger er tobt, desto deutlicher wird allen, dass er dies will und muss, dass dies Teil seiner Rolle ist, die er angenommen hat, seit er nicht mehr raucht. Um zu verhindern, dass mich Umstehende zu solchen Weggenossen zählen, führe ich den militanten Dummen schliesslich mit sanfter Gewalt vor die Türe bevor er sich ein Hausverbot ertobt und entschuldige mich danach bei den anwesenden Rauchern ... Das Verhalten der Dummheit kam mir schon immer seltsam vor. Vielleicht ist es der Alien in uns?

Ähnlich nebelhaft wie mein Bekannter argumentiert in der Regel Erich Anton Paul von Däniken geboren am 14. April 1935 in Zofingen, Kanton Aargau in der Schweiz. Der Schweizer Hotelier und Schriftsteller ist bekannt geworden durch seine Bücher und Filme, die sich mit der Möglichkeit der Existenz bzw. früherer Besuchen von Ausserirdischen auf der Erde beschäftigen. Die Hypothesen von Erich von Däniken werden von seriösen Archäologen und Anthropologen grösstenteils abgelehnt. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist, dass von Däniken die Fertigkeiten indigener Völker unterschätze oder gar unterschlage.

Uns allen zum Trost, weiss Johann Christian Friedrich Hölderlin: „Lang ist die Zeit, es ereignet sich aber das Wahre.“ Unter diesem Motto soll in den nächsten Einträgen in lockerer Reihenfolge Wissenswertes über Kerpen verbreitet werden, damit sich alle, die (noch) nicht in Kerpen wohnen, nicht völlig ausgeschlossen fühlen. Heute Geschichte - Die beiden ehemaligen brabantischen Exklaven Kerpen und Lommersum gehörten als Bestandteil der Spanischen Niederlande 1516-1713 zu Spanien. Noch bis vor kurzem wurde Kerpen in den umliegenden Orten oft als „Klein-Spanien“ bezeichnet, häufig ohne dass die Menschen den historischen Ursprung dieser Aussage kannten. Das erklärt vielleicht, warum uns die Kerpener noch heute wie Ausserirdische erscheinen.

Und andererseits wurde in der gestrigen Tageszeitung „Die Welt“ immerhin auf der Titelseite links unten vermutet, dass der Unsinn des Walkens nur durch Ausserirdische verursacht werden konnte: Die Aliens versklavten die Menschheit zu willenlosen Nordic-Walkern, die in sackartige Lidl-Hosen verpackt, mit langen Stöcken die Erde mit Abermillionen von kleinen Löchern überziehen in die die Aliens ihre Brut legen können, die uns dann wiederum als Babynahrung verschlingen wird ... Herr Däniken, nehmen Sie kritisch Stellung!

Mittwoch, April 13, 2005

Euphemia

Heinrichs V. trifft am 13. April 1111 in Rom ein, um die Kaiserkrone einzufordern. Als ihm dies nicht gelingt, nimmt er Papst Paschalis II. und viele seiner Kardinäle gefangen und erzwingt neben seiner Krönung auch noch das Investiturrecht, also das Recht, die gewählten Bischöfe zu bestätigen und einzusetzen.

Euphemia, die heutige Märtyrerin, bekannte sich öffentlich zum Christentum und stärkte alle von der Diokletianischen Verfolgung Betroffenen. Geschlagen und ins Gefängnis geworfen, wollte ihr der Richter Gewalt antun, da verdorrte seine Hand. Der Hausmeister sollte sie überreden, aber es gelang ihm weder, die Tür aufzuschließen, noch, sie mit dem Beil zu zertrümmern, er wurde darüber besessen und tötete sich selbst. Auf ein eisernes Rad gebunden, das auf zum Glühen gebracht werden sollte, zersprang das Rad und zerriss den Werkmeister; nun schürten dessen Eltern das Feuer, aber ein Engel stellte Euphemia auf einen höheren Ort, wo sie von der Hitze verschont wurde. Einer der Folterer wurde gelähmt, ein anderer wurde irrsinnig und wollte sich selber umbringen.

Der Schreiber des Priscus sollte nun alle Lotterbuben der Stadt zu ihr ins Gefängnis führen; als er dann zur Kontrolle ins Gefängnis kam, sah er so viele leuchtende Jungfrauen um Euphemia stehen, dass er selbst gläubig wurde. Der Richter ließ Euphemia an den Haaren aufhängen, dann sieben Tage ohne Nahrung zwischen Steine pressen, aber die Steine zerfielen zu Staub, ein Engel ernährte sie. Zu wilden Tieren in die Grube geworfen, legten diese ihre Schwänze zusammen wie zu einem Stuhl, worauf sie ruhen konnte … ein Löwe erfasste und verschlang den Henker; der Richter zerfleischte sich selbst … wozu bitteschön werden Filme wie „Natural Born Killers“ verfilmt?

Es gibt ja so Dinge, die jeder kennt und irgendwie liebt oder mag, aber so richtig ernst nehmen kann mensch sie dann nicht wirklich. Denken Sie mal hierbei an den Mond, den Koalabären oder auch Ruuuuuuuuudi „Tante Käthe“ Völler, eigentlich Rudolf Völler, geboren am 13. April 1960 in Hanau. Sein Vermächtnis „Von dem Delling ist es natürlich äh, schon ne Sauerei, was der so sagt!“ - die unvergessenen „Wutrede“ ist heutiger Medien-Tipp gegen Schmacht: http://sport.ard.de/sp/fussball/news200309/08/wutrede_archiv.jhtml. Wer bitteschön braucht da noch Nikotin?

Dienstag, April 12, 2005

Elefanten reden!

„Jeder ist in dem Grade elend, als er es zu sein glaubt“ wusste Lucius Annaeus Seneca, besser bekannt als Seneca der Jüngere, geboren um 4 v. Chr. in Córdoba. Der römische Philosoph, Dramatiker und Staatsmann war ab dem Jahre 48 Erzieher von Kaiser Nero, für den er mehrere Ratgeber schrieb, etwa darüber, warum es weise sei, als Herrscher Milde walten zu lassen (De Clementia). Nero verdächtigte ihn schliesslich, an einer Verschwörung beteiligt gewesen zu sein und zwang Seneca, sich am 12. April 65 selbst zu töten.

Wussten Sie, dass die Zebrarennschnecke im Dunklen schneller kriecht als im Hellen? Ganz unter uns: Ich habe das nicht gewusst - sicher: Mensch muss auch mal Schwächen zugeben, auch wenns um so zentrale abendländische Themengebiete geht wie die Rennschnecke. Dankenswerter Weise habe ich diesen Hinweis von einem fleissigen Leser meiner Tb-Einträge bekommen, der leider schamhaft anonym bleiben will: „Bei Helligkeit sind die Rennschnecken entgegen ihrem Namen eher langsame Zeitgenossen, die bei Dunkelheit allerdings deutlich schneller sind.“ Und für alle, deren Herz jetzt für Rennschnecken entbrannt ist (Vorsicht vor Suchtverlagerungen vom Nikotin zur Rennschnecke!), hat Herr P. aus K.-Deu.z mir noch diesen Hinweis gesendet: „Zebrarennschnecken sind gute Algenfresser. Da die Rennschnecken gerne das Aquarium verlassen, muss man auf eine gute Abdeckung achten, ausserhalb des Beckens vertrocknen sie sehr schnell.“ Hier sei noch mal schnell die Systematik nachgereicht: Zebrarennschnecke (Neritina natalensis); Familie: Nerithidae; Unterordnung: Altschnecken (Archaeogastropoda); Ordnung: Vorderkiemerschnecken (Prosobranchia); Klasse: Schnecken (Gastropoda); Stamm: Weichtiere (Mollusca) und Überstamm: Lophotrochozoen (Lophotrochozoa). Alles klar?

Nicht nur für Aquarianer gibt es heute gute Nachrichten: Unter der Überschrift „Elephants Show Talent for Mimicry“ berichtet Henry Fountain in der gestrigen New York Times, dass ein zehnjähriger kenianischer Elefant mit dem Namen „Mlaika“ wohl von der Ansicht ausgeht, er sei ein Lastkraftwagen. Dies wird daraus geschlossen, dass die Elefantendame ständig das Geräusch der LKW imitiert, die auf einem nahegelegenen Highway vorbeifahren. Auch von einem afrikanischen Elefanten wird berichtet der mit verschiedenen asiatischen Elefanten in einem Schweizer Zoo gehalten wird und Laute von sich gibt, die bislang nur bei asiatischen Elefanten gehört wurden. Elefanten haben im Gegensatz zu mir starke Familienbande und der afrikanische Zoobewohner wollte offensichtlich in solche aufgenommen werden. Bei dem kenianischen Tierchen freilich wird ins Unreine spekuliert: Dass dieses Tierchen sich wohl damit die Langeweile in den Nächten vertrieben habe … hmmm meine Nächste sind ja so gar nicht … ähem, ich schweife ab.

Wenn aber, so mein dopamingeschwängerter Gedankengang, nun selbst Elefanten die Möglichkeit entwickeln, zu kommunizieren und zu imitieren, dann liebe leidgeprüften Ex-Raucher, dann wird dereinst auch erforscht werden, dass es dem ein oder anderen von uns möglich sein wird, wieder mit normalen Menschen und nicht nur mit Ex-Rauchern zu kommunizieren. Sicherlich nicht sofort und höchstwahrscheinlich auch nicht alle, aber einzelne werden das schaffen, dereinst, da bin ich ganz ganz sicher …

Ging es Ihnen eben auch so, dass der Name „Mlaika“ Ihnen irgendwie bekannt vorkam? „Laika“ war eine Hündin, die am 3. November 1957 an Bord der sowjetischen Raumkapsel Sputnik 2 ins All geschickt wurde. Sie war das erste Lebewesen im Weltraum und Vorgängerin des sowjetischen Kosmonaut Juri Gagarin, der an Bord von „Wostock 1“ als erster Mensch vor genau 44 Jahren ins All flog und die bemannte Raumfahrt eröffnete …

Und das bestätigt mal wieder den 1940 Jahre älteren Seneca: „Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“ Na denn: Ad astra - Zu den Sternen heute ... und immer auf die Abdeckung achten!

Montag, April 11, 2005

Post-Nikotin Blutphase

Otto Graf von Bismarck, Fürst von Berlin-Schönhausen, Herzog von Lauenburg, Gründer und 1. Kanzler des deutschen Reiches von 1871 bringt mich heute mächtig in Verlegenheit mit dem Ausspruch: „Man sollte immer erst eine Zigarre rauchen, ehe man die Welt umdreht“. Gilt denn nun als Umkehrschluss, dass wir Ex-Raucher nix mehr umdrehen sollen und schon gar nicht die Welt? Und uns nur noch mit so spannenden Themen wie dem Paarungsverhalten der Zebraschnecke beschäftigen sollen? Dass ich’s nicht vergess Ihnen zu erzählen: Die Zebrarennschnecke (Neritina natalensis) ist eine Süsswasserschnecke, die sich durch eine braun-schwarz gestreifte Schale auszeichnet. Sie stammt aus den Flüssen Südafrikas und lebt dort vor allem in den deltanahen Bereichen. Als Zwitter besitzen sie sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane ... also kein Paarungsverhalten.

Was bisher geschah am 11. April: Nahe Paris wird 1992 der Vergnügungspark "Euro Disney" eröffnet, das Drama "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von Bertolt Brecht wird 1932 uraufgeführt, Bob Dylan hat 1961 in New York City sein Debut als Sänger und das erste von Raketen angetriebene Auto startet 1928 auf der Rennstrecke der (ausgerechnet) Opel-Werke in Rüsselsheim.

Andererseits hat auch nicht immer Wünschen was geholfen, wie die Historie des heutigen Tagesheiligen veranschaulicht: Am 11. April 1079 erschien der polnische König Bolesaw II. während der Messe in der Krakauer Michaeliskirche und erschlug den Bischof Stanislaus von Krakau am Altar, zerstückelte ihn dortselbst mit dem Schwert und liess die Leichenteile auf freiem Feld verstreuen. Hintergrund hierfür war, dass Stanislaus den polnischen König wegen dessen Untreue gegenüber seiner Ehefrau ermahnte, so kann’s kommen ... und die Moral: Wegen dieser Tat kam es zu einem Volksaufstand gegen den bösen König, der nach Ungarn floh und dort verstarb. Der gute Stanislaus hingegen wurde 1253 von Papst Innozenz IV. heilig gesprochen und wenn er nicht erschlagen worden wäre lebte er heute noch ... ich hör ja schon auf, bin wohl in einer post-nikotinischen Blutphase, das zieht sich ja schon über drei Tagebücher.

„Blut sagt man, fordert Blut.“ Es dauert ja noch 264 Tage, das Jahr des Gedenkens an Johann Christoph Friedrich von Schiller. Wer sollte mich hindern ihn zu zitieren?

Und dass Harald Juhnke „nun am Fenster des Hauses Gottes steht und uns segnet“, wie Kardinal Ratzinger in heutiger taz zitiert wird, kann mich heute auch nicht wirklich trösten. Und so setzten Prinz Charles und seine Dauerlebensteilzeitabschnittsgefährtin Camilla Parker-Bowles ein Zeichen der Hoffnung in trister Zeit, als sie sich am Samstag das „Yes“-Wort gaben. Zwar wäre Camilla nun automatisch Prinzessin von Wales, will diesen Titel allerdings aus PR- und Pietätsgründen nicht benutzen. Stattdessen will sich Camilla künftig (abermals laut heutiger taz) bescheiden „Royal Spice“, „Lady Ca“ oder schlicht und einfach „Königin der Herzen“ nennen lassen ...

Eine Königin ist dagegen sie schon: „Joss Stone ist ein Wunder, vielleicht sogar das größte Wunder, seit Elvis Presley die moderne Musik erfand“ schreibt Kriwoj. Joss Stone, eigentlich Joscelyn Eve Stoker, wurde geboren am 11. April 1987 in Dover. Im Hörtipp „You had me“ aus dem bei Virgin 2004 erschienene Album „Mind, Body & Soul“, hören Ex-Raucher von der gescheiterten Beziehung und der Zeit nach der Trennung und können dabei an die geglückte Trennung von der Beziehung zur Zigarette denkend mitsummen. Bester R&B und klingt nicht wie Aretha Franklin sondern eher eine Mischung aus Mariah Carey, Toni Braxton und Whitney Houston - nur besser, als es die drei Damen jemals waren. Im August übrigens auf der Museumsmeile im heimeligen Bonn zu hören.

Und wenn ich schon meinen „Blut-Zyklus“ abschliessen soll dann mit ihm: „Die Tinte des Schülers ist heiliger als das Blut des Märtyrers“ weiss Abul Kasim Muhammad Ibn Abdallah, der Gepriesene, Mohammed.

Sonntag, April 10, 2005

Kilometer 27

Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine,
kürzt die öde Zeit,
und er schützt uns durch Vereine
vor der Einsamkeit.

[Joachim Ringelnatz]

Für manchen Zeitgenossen ist es schon Sport, vier Euro-Münzen in den Zigarettenautomaten zu wuchten ... andere laufen Marathon und ich fühle mich heute so irgendwo in der Mitte, na nicht ganz, sagen wir mal bei 200 Meter aber irgendwie auch bei Kilometer 27 ... und das ganz ohne Blut, Schweiss und Tränen …

Und zum Ärger aller, die heute in Bonn 42 Kilometer und 195 Meter (26 Meilen 385 Yards) laufen müssen noch dies: Der Weg vom Schlachtfeld von Marathon zum Marktplatz von Athen misst keine 40 Kilometer, deshalb waren die ersten Marathonstrecken rund 39 Kilometer lang. Bei den Olympischen Spielen 1908 in London verlängerte man die Strecke um fast drei Kilometer um der englischen Königsfamilie ein bequemes Zuschauen vom Schloss Windsor aus zu ermöglichen … und bei dieser Strecke ist es auch geblieben … Was ein Glück für die Läufer heute, dass ich bei Kilometer 27 und nicht bei 45 wohne : -)

Bei mir hiess das Herumgezucke in der Schule ja noch „Leibesübungen“ und Generationen von teutonischen Turnfeldwebeln kannten fünf Worte Latein: „Mens sana in corpore sano“. Dass dies vom römischen Dichter Juvenal ist, wussten freilich die wenigsten und übersetzten falsch: „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“. Tatsächlich hat Juvenal etwas ganz anderes ausdrücken wollen und das Zitat ist aus seinen „Satiren“ und dort nur unvollständig entnommen. Dort steht vielmehr: „Orandum est tut sit mens sana in corpore sano“ und das heisst nun mal: „Es wäre wünschenswert, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist stecken möge“ und war ein Angriff auf den überbordenden Fitnesskult. Büchmann übrigens übersetzt eigenwillig aber sinnhaft: „Ach, wie wäre es doch schön, wenn diese Muskelaffen auch noch denken könnten“.

„Über Gott kann man nichts wissen, man kann nur glauben.“ Wilhelm von Ockham, Vertreter der Spätscholastik einer der bedeutenden Philosophen des europäischen Mittelalters und Vorbereiter der Moderne, starb am 10. April 1349 oder 1350 in München. Mit der These zweier voneinander unabhängiger, legitimer Gewalten stößt Wilhelm von Ockham die seiner Zeit gültige politische Philosophie völlig um. Wilhelm von Ockham ist einer der ersten, die für den Gedanken des Laizismus (Trennung von Staat und Kirche) eintraten und gilt damit zu Recht als Vorbereiter der Moderne an sich.

Nun aber die wesentlichen Ereignisse an den 10. Aprilen der menschlichen Kulturgeschichte: +++ Unangenehmes: Als Folge des Griechischen Unabhängigkeitskrieges wird der Ökumenische Patriarch Grigorios V. in Istanbul an einer Kirchentür erhängt (1821). +++ Feierliches: Ausrufung des österreichischen Erzherzogs Maximilian zum Kaiser von Mexiko (1864). +++ Ahnungsvolles: In Southampton beginnt 1912 die Jungfernfahrt der Titanic. Ihr Ziel - New York - wird sie nie erreichen. +++ Wahlfreies: Bei den ersten Parlamentswahlen in Japan nach dem 2. Weltkrieg dürfen 1946 erstmals auch Frauen wählen. +++ Pilzköpfiges: Paul McCartney gibt 1970 seine Trennung von den Beatles bekannt. +++ Hochwertiges: Indien. 20 Berge im Himalaya ab 6.000 Meter werden durch die indische Regierung im Jahre 2000 zur Besteigung freigegeben.

Samstag, April 09, 2005

Zweifel und Verzweiflung

„Wenn ein Mensch mit Gewißheit beginnt, wird er in Zweifeln enden, aber wenn er sich damit begnügt, mit Zweifeln zu beginnen, wird er mit Gewißheit enden. Beginne daher mit deinen Zweifeln!„ ruft uns Francis Bacon zu, englischer Philosoph und Staatsmann der als Wegbereiter des Empirismus gilt, gestorben am 9. April 1626 in London. Freilich: Zweifel und Verzweiflung liegen manchmal nahe beieinander.

Man muss für einen mittleren Kulturschock nicht bis ans andere Ende der Welt fliegen. Manchmal genügt es schon sein Büro zu verlassen und über die Strasse zu gehen: Ein Aufenthalt in den Rheinauen bei Sonne am Wochenende in Bonn ...

Apropos nerven: Nervt Ihr Chef? Ich empfehle da am Wochenende etwas „whack your boss“ spielen: http://www.doodie.com/whack.php das bringt Mensch wieder ins Gleichgewicht und solange jemand anders das Blut aufwischt ... Bemerkenswert auch, dass der nette Angestellte „hinterher“ keine Ziggi raucht sondern den MP3-Player anwirft. Ich hole schon mal meinen MP3-Player und wehe es kommt noch einer um zu nerven ...

Mittwoch, April 06, 2005

Freude am Unsinn

Heute ganz im Sinne von Nietzsche’s: „Wenn man kein Glück hat, soll man sich Glück anschaffen“ denn: „Die Bestie in uns will belogen werden; Moral ist Nothlüge, damit wir von ihr nicht zerrissen werden“ (Menschliches, Allzumenschliches, Seite 64).

Auf die bange Frage, warum es denn ausgerechnet jetzt regnen muss, antworten wir beispielsweise geschwind mit einer jahrhundelang erprobten Bauernweisheit: „Nasser April und windiger Mai bringen ein fruchtbar Jahr herbei.“ Und bitteschön „fruchtbar“ lesen und nicht „fuRchtbar“! Wir sind so glücklich wie wir es uns erlauben. Einer meiner Mitarbeiter hat es geschafft übergangslos von der letzten Grippewelle in den ersten Heuschnupfenanfall zu kommen – auch darüber kann Mensch sich doch freuen! Immerhin ist er jetzt im Frühling angekommen.

Es gab schon immer Miesmacher wie George Bernard Shaw der irrt, wenn er sagt „Glück? Glück ist das langweiligste Ding der Welt“. Nicht immer so verkniffen sein! Und wenn Dschuang Dsi mit den Worten überliefert ist „Höchstes Glück ist: kein Glück kennen“ sollten wir daran denken, dass er das vor 2280 Jahren gesagt hat und seither viele tote Fische den Rhein runter sind ... und schliesslich hat Ludwig Marcuse in seinen jahrelangen Arbeiten zur „Philosophie des Glücks“ wenn überhaupt nur das rausgefunden: Dass Glück nicht unglücklich macht. Ich grüble freilich noch etwas, warum bei Amazon seine „Philosophie des Un-Glücks“ ganze vier Euro günstiger verkauft wird als die des Glücks ... aber das sind wohl finstere Marktmechanismen in der kulturpessimistischen Globalisierungsfalle ...

Als Auslöser für Glücksgefühle werden die Übereinstimmung von Erwartung mit wahrgenommenen Umständen oder die (Über-)Befriedigung von Bedürfnissen betrachtet. Somit wird dem Glücksempfinden einerseits interpersonelle Bedeutung (zwischenmenschliche Beziehungen), als auch intrapersonelle Bedeutung zugewiesen (Glücksempfinden aufgrund inneren Dialoges). Denken Sie mal drüber nach, ob sie in diesem Sinne überhaupt unglücklich sein dürfen!

Heute sollten Sie in jedem Fall mal glückslastig aus dem Einerlei ausbrechen, denn das Erstmalige spielte am 6. April schon eine grosse Rolle: Schottland erklärte am 6. April 1320 seine Unabhängigkeit von England mit der Deklaration von Arbroath, der ersten Unabhängigkeitserklärung eines Staates überhaupt. Die Gründung von Kapstadt 1652 als Versorgungsstation für Segelschiffe am Kap der guten Hoffnung auf ihrer Handelsroute nach Indonesien erfolgte ebenso an einem 6. April wie die Patentierung des Kunststoffs Zelluloid 1869 und Robert Edwin Peary, Matthew Henson und vier Inuit sollen 1909 als erste Menschen den Nordpol ebenso an einem 6. April erreicht haben wie die Einführung der Sommerzeit 1980 in der Bundesrepublik Deutschland und die Einweihung des Eurotunnels unter dem Ärmelkanal durch Königin Elizabeth II. und Staatspräsident François Mitterrand 1994 an einem solchen Tag vorgenommen wurde. Also aufbrechen zum Einmaligen, ad astra … zu den Sternen!

Alle, die sich übrigens fragen, welche seltsamen Kommunikationen manchmal zwischen Ex-Raucher vorgehen, sollten wissen, dass der Unsinn bei Nietzsche neben Schönheit und Gewohnheit der dritte Pfeiler des Glücks: „Freude am Unsinn. - Wie kann der Mensch Freude am Unsinn haben? So weit nämlich auf der Welt gelacht wird, ist dies der Fall; ja man kann sagen, fast überall wo es Glück gibt, gibt es Freude am Unsinn“ (Menschliches, Allzumenschliches Seite 74).

Dienstag, April 05, 2005

Tore und Toren

Wir sind ja unter uns, es liest ja schon lange keiner mehr das senile Gebrabbel eines träge vor sich hindösenden Nichtmehr-Rauchers: Aber was bitteschön können wir von einem sonnenlosen Tag erwarten, an dem vor gerade mal 97 Jahren so bodenlos unsäglich peinlich verloren wurde? Die Rede ist vom allerersten Spiel der deutschen Fussball-Nationalmannschaft 1908 das in Basel gegen die Schweiz mit 3:5 in den modrigen Rhein-Sand gesetzt wurde.

[UNGLÜCKLICH – Gsell]

Das Tor ist gern gesehn
Der Tor indes mitnichten
Sie beide heisst man Toren
Doch nur die größten dichten

Na und auch sonst nur ein Jammern, Heulen und Zähneklappern: Nachdem Kaiser Friedrich Barbarossa 1167 über die Stadt Salzburg die Reichsacht verhängt hat, wird sie am 5. April von kaisertreuen Adeligen niedergebrannt. Oder zum Beispiel die Schlacht auf dem Peipussee: Das Heer des Deutschen Ordens wird auf dem zugefrorenen See am 5. April 1242 von Russen unter Alexander Newski besiegt (gehen Sie mal den „Newski Prospekt“ in Ruhe lang, auf DEN sind DIE vielleicht stolz!). In den USA werden Ethel und Julius Rosenberg, die alle Vorwürfe bestreiten, Atomgeheimnisse an die UdSSR verraten zu haben, 1951 zum Tode verurteilt. Und als wäre nicht schon genug Elend in der Welt wird 1874 die Operette “Die Fledermaus“ von Johann Strauß (Sohn) im Theater an der Wien uraufgeführt.

„Her mit der Wurst. Lasst uns ein Stück Wohlstand in die Stuben tragen. Denn, Wurst ist zu schön, um nur gegessen zu werden.“ So das Moto von Flachbild und mir ein kleiner Trost denn wer denkt da ernsthaft noch an Kummer bei der Aktion „Wurst für die Welt“ oder jedenfalls die flächendeckende Versorgung mit Wurstteppichen als eine gelungene Interpretation von deutscher Gemütlichkeit und sinnstiftende wie reizvolle Fusion aus Wurst und Teppich für die, die es sich leisten können: http://www.wurstteppich.de/.

„The KKK are the only niggers” (die Ku Klux Klan sind die einzigen Nigger) weiss Kurt Donald Cobain, Sänger und Gitarrist bei der Band Nirvana. Cobain war einer der einflussreichsten Musiker des Grunge, tötete sich am 5. April 1994, im Alter von 27 Jahren, auf dem Dachboden seiner Garage in Seattle in dem er wahrscheinlich eine Überdosis Heroin nahm und sich anschließend mit einer Schrotflinte in den Mund schoss. Sein Tod regte bis heute 68 Nachahmer an, sich gleichfalls umzubringen. Der Hörtipp kommt vom Debütalbum „Bleach“. Wie es in Seattle Ende der Achtziger üblich war, hatte sich auch die Band um Kurt Cobain einer Mischung aus Punk und Metal verschrieben. Der Titel „Big Cheese“ bietet trashige Garagen-Sounds, rauh, authentisch und ungeschliffen ... grad so wie Mensch sich halt manchmal fühlt nach 136 rauchfreien Tagen …

Montag, April 04, 2005

Feinstaub der Geschichte

Deutsche Automobil-Ingenieure haben ja die Tage herausgefunden, dass die Probleme mit dem Feinstaub, den wir seit Jahrzehnten einatmen und über den seit ein paar Tagen so viel geschrieben wird, auch von Rauchern filterloser Zigaretten verursacht wird. Bis zu 123,4% aller Feinstaubemissionen, so ein Firmensprecher von Volkswagen, sollen alleine durch rücksichtlose Raucher verursacht werden. Tun Sie sich also heute keinen Zwang an und dieseln Sie mal etwas mit dem filterlosen Phaeton über ein paar filterlose Raucher und falls Sie militant fanatisch-rechthaberischer Nichtmehrraucher im Eifer des Gediesels den ein- oder anderen Raucher von Filterzigaretten in die ewigen Jagdgründe befördert haben ... kann aber schon mal passieren, wenn Mensch wie ich 136 Tage nicht mehr raucht! Schliesslich sind wir alle auf Entzug! Also Feinstaub der Geschichte drüber!

Am 4. April 1968 auf dem Balkon des Lorraine-Motels in Memphis, Tennessee wurde er erschossen: Martin Luther King. Das Attentat war eine gerichtsbestätigte Verschwörung von FBI, CIA, US-Regierung, US-Armee und Mafia. Täter war ein Mann namens Loyd Jowers, der von der Mafia als Auftragskiller gedungen wurde. Seit 1986 ist der dritte Montag im Januar (in Anlehnung an Kings Geburtstag am 15. Januar) in den USA Nationalfeiertag, der sogenannte „Martin Luther King Memorial Day“.

Auch tot und dennoch in uns weiterlebend: Muddy Waters, geboren als McKinley Morganfield am 4. April 1915 in Rolling Fork, Mississippi, war einer der einflussreichsten US-amerikanischen Bluesmusiker. Da die Familie in der Nähe eines kleinen Nebenflusses des Mississippi namens Deer Creek wohnte und er oft in diesem spielte und dabei dreckig wurde, bekam er von seiner Schwester den Spitznamen Muddy Waters („schmuddeliges Wasser“). Der Hörtipp heute sein Signature-Song „(I'm Your) Hoochie Coochie Man“, geschrieben von Willie Dixon, erschienen 1954 auf dem Chess-Label.

Ein Freund schickt mir gestern eine Mail mit „Mörike Du Arsch!“ in der Betreffzeile (recht vulgär!). Bezugnehmend auf Eduard Mörikes Gedicht „Er ist’s“ von 1829, beklagt er sich, dass es beliebig schwierig ist, für die Angebetete von ferne Harfentöne herbeizuzauben, nur um sie zu verführen (er benutzte den weniger romantischen Terminus „flachlegen“). Vielleicht erst mal das Corpus Delicti:

Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja Du bist’s!
Dich hab’ ich vernommen!

Ganz nett, aber in der Tat muss ich meinem Freund rechtgeben, dass es einfacher gewesen wäre, von fern einen Flöten-, Trommel- oder Autoradioton zu horchen! Man denke nur daran, wie unhandlich so eine Harfe ist und wie stellenweise schwierig sie im Gelände zu verstecken ist. Und was ist bitte ein Harfenton gegen das tiefe Brummen einer Moto Guzzi, das kataraktische Blubbern einer BMW oder das altherrenhafte Säuseln einer Vespa Grandtourismo! Noch stilistisch ausgefeimter natürlich das ungefilterte dieselnde Wummern von einem Traktormotor! ... Andererseits wer denkt bei solch verlockenden Tönen noch an blaue Bänder? Ich nicht und sage nur: Feinstaub drüber und nehmen Sie sich bloss wichtig!

Sonntag, April 03, 2005

Fitness-Strategie

„Iss das Leben mit dem grossen Löffel“ … kaum zu glauben, dass zuckerhaltige Limonade hinter so einem Claim steckt, aber ich habe ja schon hinreichend meine Missstimmung (es sind neuerdings drei) gegen „Creative Directors“ aus der Werberszene ausgedrückt. Letztendlich wohl doch eine göttliche Fügung, weil durch dumme Werber die Raucher dereinst aussterben werden … den grossen Löffel freilich können wir schon mal behalten wir glücklicheren Ex-Raucher.

Die Geschichte der Tagesheiligen klingt wie eine brasilianische Telenova: Genoveva von Brabant gestorben angeblich am 3. April 750 ist der Sage nach die Tochter eines Herzogs von Brabant und der Gemahlin des Pfalzgrafen Siegfried. Als Siegfried, Pfalzgraf zu Mayen, in den Krieg zog wurde Genoveva durch Siegfrieds Statthalter Golo, dessen Werben von der treuen Genoveva verschmäht wurde, fälschlicherweise des Ehebruchs beschuldigt und zum Tode verurteilt, vom Henker jedoch frei gelassen. Darauf lebte sie mit ihrem neugeborenen Sohn 6 Jahre in einer Höhle, wobei die Gottesmutter Maria ihr durch eine Hirschkuh half, bis ihr Ehemann sie wiederfand und ihre Unschuld einsah. Golo wurde - wie es sich gehört – „auf einer nahen Anhöhe gevierteilt“. Weite Verbreitung und Bekanntheit fand die Sage durch die Umsetzung des Stoffes im traurigschönen Theaterstück „Genoveva“ von Friedrich Hebbel. Happy End ist halt einfach alles und noch besser als Kinder und Haustiere in der Kunst. Sicher, sicher das hat jetzt so gar nix mit nicht-mehr rauchen zu tun, aber die Glückliche konnte ja gar nicht in Versuchung geführt werden weil doch Amerika und damit die Tabakpflanze noch nicht mal von den Wikingern entdeckt war … Lernen sollten wir aber für heute, dass wenn wir ganz verzweifelt sind, wir besser mal nach Hirschkühen Ausschau halten sollten …

Na der 3. April ist halt ambivalent: Jesse James wird für 5.000 US-Dollar Belohnung erschossen (1882), Gottlieb Daimler wird ein Patent für den von ihm erfundenen Motor gewährt (1885) und Josef Stalin folgt Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, 1922 als Führer der Sowjetunion. Und dann stirbt auch noch Kurt Julian Weill (http://www.kwf.org/) 1950 in New York an den Folgen eines Herzinfarktes. Als Hörtipp gegen Schmacht daher "Die sieben Todsünden" in der Form eines ballet chanté ("gesungenen Balletts") mit dem Libretto von Bertolt Brecht, 1933.

Wahrscheinlich sollte man bei der aktuellen Versteigerung von Schweizer Armee-Fahrzeugen für eine Handvoll Euronen mitbieten und mit http://www.armeefahrzeugversteigerung.ch/Steig_Oldtimer/Lauf Nr-480-a.JPG das grosse Abendteuer auch ohne Marlboro suchen? Nee, nee ich bette nun mein müdes Nichtmehrraucher-Haupt aufs aktuelle TV14-Horoskop des Widders: "Sie probieren täglich aus, wo Sie Grenzen setzen und wie sehr Sie sich öffnen wollen. Entsagung führt nur zur Unzufriedenheit. Sie brauchen eine neue Fitness-Strategie.“ Na bitte, der letzte Satz zeigt doch, dass wir alle das, was uns die TV14 sagt, bitter ernst nehmen sollten … nicht einfach nur einen Plan - gleich eine Strategie … gütiger Himmel: Vielleicht trotz X+135 doch wieder rauchen?