Montag, Dezember 06, 2004

Nikolausi hilf!

In der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts wussten die Menschen in Myra, in der heutigen Türkei gelegen, zu berichten von wundersamen Getreidelieferungen für die hungernde Stadt, von Kindern, die auf wundersame Weise vor der Entführung durch Seeräuber gerettet wurden und von einer wundersamen Heirat für ein Mädchen, die sich der Vater gar nicht leisten konnte - Nikolaus von Myra werden diese Vorkommnisse zugeschrieben.

Auch mir geschehen wundersame Dinge: Um mich herum nur noch glückliche Raucher, die in sekundenbruchteilen Probleme ungeahnten Ausmasses lösen – gerne auch mehrere gleichzeitig. Wann habe ich zuletzt einen Raucher husten hören, wann überhaupt hatte einer Beschwerden? Der gestern noch nervöse Kollege ist plötzlich frischgebackener Ex-Ex-Raucher, steht heute entspannt und lässig am Bistrotisch, die Sporttasche leistungsbereit neben sich und mir zur Drohung. Wo sind eigentlich die Nichtraucher, vor denen es selbst mir im Restaurant früher peinlich war, eine Zigarette anzuzünden? Sicher sind sie vor exakt 17 Tagen über Nacht alle rundum zufriedene Raucher geworden!

Wirklichkeiten, gesellschaftliche wie individuelle, werden erfunden (konstruiert) - so die zentrale Lehre des psychologischen Konstruktivismus. Wir gehen an die vermeintlich "außerhalb" von uns objektiv bestehende Wirklichkeit immer mit Grundannahmen heran. Was wir als "unsere" Wirklichkeit definieren, besteht aus den Folgen der Art und Weise, in der wir nach der "Wirklichkeit" suchen. Mit anderen Worten sieht der Konstruktivismus die Wirklichkeit nicht als "Gefundenes", sondern als "Erfundenes", wobei sich der Erfinder aber des Aktes seiner Erfindung nicht bewusst ist - so wie ich eine neue Welt des Rauchens wahrzunehmen glaube. Das kann in solchen Fällen, wo Menschen die Perspektive(n) wechseln, sehr augenscheinlich werden, aber auch sehr gefährlich für den Einzelnen sein.

"Ich", sagt eine Mitarbeiterin von mir heute auf der Fahrt von einem Meeting zum nächsten, "hasse Ampeln: sie schalten immer, wenn ich komme auf rot". Noch während ich ihr erkläre, dass sie sich lediglich auf rote Ampeln fixiert und all die zahllosen grünen Ampeln nicht bewusst wahrnimmt, sehe ich mit Schrecken, wie sie sich eine Zigarette angezündet hat, sich zufrieden im Fahrersitz zurücklehnt und gar kein Problem mehr damit zu haben scheint: "Andererseits komme ich endlich zu meiner (Raucher-)Pause."

Ich hoffe doch sehr, lieber Nikolaus und wackerer Knecht Ruprecht, ihr habt das mit dem goldenen Buch und der Rute heute im Griff und bestraft sie, diese RAUCHER

Sonntag, Dezember 05, 2004

Schön und erfolgreich

Ich hab sie vorher kurz besucht und ihr respektvoll zugenickt: Sie sagt mir, dass ich beim Genuss von Gauloise schön, erfolgreich, mit Freunden umgeben, kreativ und unkonventionell sein werde. Sie heisst, glaubt man dem kleinen Schild, DF34a und residiert gleich neben der Post; um die Ecke eine zweite, die 634R genannt werden will und mich darauf hinweist, dass zu einer ordentlichen Pause inmitten der ordentlichen Natur eine ordentliche Marlboro Zigarette gemeinsam mit dem besten ordentlichen Marlboro Freund zwischen allerlei Marlboro-Viehzeugs gehört. Ist das jetzt unerträglich oder untragbar? Ich beschliesse zunächst un-ordentlich zu bleiben und danke von dieser Stelle der Stadt Berlin, die Paul Litfass heute vor 150 Jahren solcherlei Unsinn erstmals erlaubte. Ob er das üppig verdiente Geld in Zigarrenrauch aufgehen liess, ist meinereiner unbekannt - aber sicher doch: Mensch sollte seine Wissenslücken nicht verbergen, auch ich habe meine Schwächen.

A propos: Manchmal genügt ja ein kleiner Lichtschimmer, keinen Fingerbreit dick, zwischen einer Handvoll Hügeln des Sieben“gebirges“ - ich hab schon zu viele gesehen um das hier als >Berge< zu bezeichnen – und dem wolkenverhangenen Himmel: Orangefarben und gar nicht so hell leuchtend, für mich reicht das – für heute. Schöner, ruhiger Tag – ich stehe auf der Dachterrasse der Sauna verschwitzt - nach vier Aufgüssen - Reinigungsrituale und sehe den Lichtschimmer. Vergesse sogar vor lauter überaus angenehmer Müdigkeit und Ausgeglichenheit die Bestellung von Weizenbier und den Konsum von Kräuterzigaretten zwischen den Saunagängen (und überhaupt heute).

Andererseits ist in Rechnung zu stellen, dass ich nun mal seit 16 Tagen eine ex-rauchende launische Zicke bin und daher darf das Tagebuch heute so knuddelig-friedlich-harmonisch keinesfalls enden. Ich find schon noch was, das mir den Tag versaut und siehe da: Summis desiderantes affectibus ... die ersten Worte der heute vor 520 Jahren von Papst Innozenz VIII unterschriebenen "Hexenbulle", in der die Existenz von Hexen erstmals kirchliche Lehrmeinung wurde. Übrigens waren „Hexen“ zwar meistens, keineswegs aber immer weiblich ... also freue ich mich heute besser nicht mehr.

Ach so: "Mit unserem sehnlichsten Wunsche..." beginnt das Schriftstück, hätte also auch was sinnvolles drinstehen können, aber vom WÜNSCHEN ein andermal ...

Samstag, Dezember 04, 2004

Verhandelt wird nicht

Keine 17 Uhr und schon einen im Timpen. Wollte vorher nur kurz in einer verspäteten Mittagspause Kräuterzigaretten holen (da wird mensch vielleicht mitleidig angeguckt in der Apotheke, man kommt sich vor wie ein Streuner der gebrauchte Rasierklingen verkaufen will) und bin auf dem Rückweg ins Büro an meinem Glühweinstand hängengeblieben. Was heisst schon MEIN Stand – also einfach der an dem ich bevorzugt usw. Ich bin Diabetiker und da beginnt spätestens ab dem dritten Becher ja schon die Körperverletzung, war aber wirklich schön – kalte trockene Luft und klebriger Glühwein auf nüchternen Magen. Lifemusik und dankenswerter Weise keine erbaulichen Weihnachtslieder sondern Modern Jazz von die meisten Passanten mehr mit Unverständnis aufgenommen.

Mein Nachbar am Stand zitiert glühweinschlürfend William FAULKNER aus der Orginalausgabe, die er - warum auch immer - über den Markt spazieren trägt:

„Das Vergangene ist nie tot; es ist nicht einmal vergangen.“

Recht hat er mit seinen Geschichten aus Yoknapatawpha, das Vergangene ist in uns, in mir. Im besten Fall überwunden / verarbeitet / bewertet / archiviert gar oder was auch immer – in den meisten Fällen ringen wir, ringe ich damit. Yoknapatawpha, versonnen mein Nachbar und lacht über die Kräuterziggis, fragt ob er eine Legalisierungswelle verpasst hat und steckt sich interessiert eine von mir angebotene an.

Um ihm Zeit zu geben helfe ich aus mit einer Kostprobe von RILKE, geboren heute vor 129 Jahren als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke in Prag, (aus: Traumgekrönt 1896):

„Darfst du das Leben mit Würde ertragen,
nur die Kleinlichen macht es klein;
Bettler können dir Bruder sagen,
und du kannst doch ein König sein.“

Ungläubige Blicke, „nee sagt er“, und wechselt - ungekrönt - zur Reval ohne, „da kommt nix, das taugt nix. Und Menschen wie wir gehen doch nicht mehr zu Weisskitteln – ich geniess mir zu Tode“. Nicht nur orthografisch bedenklich, sind halt die Auswüchse eines Anglophilen, aber auch schon sehr fatalistisch, mein unbekannter Nachbar und wie war das mit dem „wie wir“, in welche Schicksalsgemeinschaft werde ich einsortiert? Wir verabschieden uns noch unbestimmt und vage und gehen unserer Wege.

Und der Titel des blogs? Ich wollte beim dritten Glühweinbecher als >Premiumkunde< Preis-Rabatt-Verhandlungen aufnehmen ... also dort trink ich nie wieder nachmittags vier Glühwein ... ~;-)